Bad Münder: Ursache für Zugunglück war Bremsversagen: Über 100 Menschen haben Vergiftungserscheinungen
zuletzt aktualisiert: 13.09.2002 - 19:18Bad Münder (rpo). Weit mehr als 100 Menschen leiden seit dem Zugunlück von Bad Münder unter Vergiftungserscheinungen. Einer der beiden Gefahrgutzüge hatte hochgiftiges Epichlorhydrin an Bord. Ursache für das Unglück war Bremsversagen.
Der Lokführer habe den Gefahrgutzug mit dem hochgiftigen Epichlorhydrin an Bord an einem Haltesignal nicht stoppen können, teilte das Eisenbahnbundesamt (EBA) am Freitag mit. Daraufhin waren am Montag in der Kleinstadt bei Hameln zwei Güterzüge frontal zusammengestoßen. Der Kesselwagen mit dem Nervengift explodierte. Dabei wurde das Epichlorhydrin freigesetzt, bei dessen Verbrennung auch das Atemgift Phosgen entstanden sein könnte. Dieses Gas wurde aber in Luftproben nicht nachgewiesen.
Im Laufe der Woche meldete sich eine zweite Welle von Helfern, Anwohnern und Zuschauern mit Beschwerden bei Ärzten und Krankenhäusern. Von Donnerstag bis Freitagmittag stieg die Zahl von knapp 50 auf 125. Ihnen wurde angeboten, eine mögliche Epichlorhydrin-Belastung mit Leber- und Nierenwerten prüfen zu lassen. Die Symptome seien erst nach zwei bis drei Tagen aufgetreten, sagte die Leiterin des Gesundheitsamtes, Helga Tödt. Die Patienten klagten über Kopfschmerzen und Reizungen der Atemwege.
Nach vorliegenden Luftmessungen bestehe für die Bevölkerung im Umkreis der Unglücksstelle keine Gesundheitsgefährdung mehr, sagten Behördenvertreter und Gutachter übereinstimmend. Anwohner und Landespolitiker kritisierten die Informationspolitik der örtlichen Stellen. Landesumweltminister Wolfgang Jüttner (SPD) sagte dem Sender NDR, die Landesregierung sei zu spät in Kenntnis gesetzt worden.
Nach stundenlangen Krisenberatungen wurde am Freitagnachmittag mitgeteilt, dass außerhalb der unmittelbaren Unfallstelle keine Vergiftungen mehr zu erwarten seien. Das kontaminierte Löschwasser sei in nahe gelegene kleine Flüsse abgeflossen und habe dort ein Fischsterben ausgelöst. Das Erdreich an der Unglücksstelle wird nach der Bergung der beschädigten Waggons ausgehoben. Bodenuntersuchungen von der eigentlichen Unfallstelle werden in der kommenden Woche erwartet. Wann dort wieder Züge fahren können, blieb unklar.
Nach Angaben des Landkreises Hameln-Pyrmont war außer dem Epichlorhydrin-Waggon ein als leer deklarierter Container in Flammen aufgegangen. Während ein Sprecher der Bahn davon ausging, dass dieser Waggon wirklich leer war, weitete die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen auch auf diesen Container aus.
Warum die Bremsen des Güterzuges versagt hätten, werde noch ermittelt, sagte ein EBA-Sprecher. Der Zug sei mit einem automatischen Bremssystem ausgerüstet gewesen. Schon vor dem Einsetzen dieser Automatik habe der Lokführer aber versucht, den Zug von Hand zu stoppen. Dies sei ihm aus zunächst unbekannten Gründen nicht gelungen. Der Lokführer verweigert nach Angaben der Staatsanwaltschaft die Aussage. Bluttests hätten ergeben, dass beide Lokführer keinen Alkohol getrunken hatten.
CDU und Grüne in Niedersachsen kritisierten die Informationspolitik der Behörden scharf. "Das Abtauchen, die Hilflosigkeit der zuständigen Behörden und die katastrophale Informationspolitik haben in der Bevölkerung eine tiefe Verunsicherung ausgelöst", sagte CDU-Landeschef Christian Wulff. Die Grünen forderten eine Unterrichtung des Innenausschusses des Landtags.
Der erste schwere Unfall mit Epichlorhydrin in Deutschland ereignete sich vor 13 Jahren bei der Havarie des niederländischen Frachters "Oostzee" vor Brunsbüttel. Seitdem streitet unter anderem die schleswig-holsteinische Gewerkschaft der Polizei (GdP) um eine finanzielle Entschädigung der Einsatzkräfte. Neun Helfer sind nach GdP-Angaben bis zum Sommer dieses Jahres gestorben, einige von ihnen an Krebs, mutmaßlich ausgelöst durch Epichlorhydrin. Auf dem Schiff waren damals Fässer mit dem Nervengift Leck geschlagen. Vier Wochen hatte die Bergung gedauert, 280 Männer waren damit beschäftigt.
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