Deutscher Bergsteiger unter den Opfern: Vermutlich vier Tote bei Erdbeben in den Alpen
zuletzt aktualisiert: 18.07.2001 - 14:13Bozen (rpo). Bei dem schwersten Erdbeben in Südtirol seit 100 Jahren sind offenbar vier Menschen getötet worden. Das Beben erreichte eine Stärke von 5,2 auf der Richterskala. Am Mittwoch entdeckten italienische Rettungsmannschaften die Leiche eines 40 Jahre alten Deutschen. Die Suche nach einem von einem Erdrutsch verschütteten Mann wurde eingestellt.
Viele historische Gebäude wie das Landesmuseum Schloss Tirol wurden nach Angaben vom Mittwoch beschädigt. Das Beben hatte am Dienstagnachmittag den Nordosten Italiens erschüttert, Ausläufer waren in Bayern, Österreich und der Schweiz zu spüren. "Es krachte, als hätte eine Bombe eingeschlagen", erinnert sich eine Frau in Meran. Zwei heftige Erdstöße erschütterten kurz hintereinander die beliebte Ferienregion, die alljährlich auch zehntausende Deutsche anlockt.
Zwei Bergwanderer wurden nahe Meran von einer Geröll-Lawine erfasst und in ein Flussbett gerissen. Eine 33-jährige Britin indischer Abstammung konnte zwar lebend geborgen werden, erlag jedoch später ihren Verletzungen. Ihr gleichaltriger Begleiter aus dem Südtiroler Ort Gargazon wurde vermutlich von den Gesteinsmassen erschlagen. Die Bergungsarbeiten wurden am Mittag nach verzweifelter Suche eingestellt.
"Wir können die Leiche noch nicht einmal sehen, sie liegt vermutlich unter Bergen von Steinen", sagte ein Sprecher der Bergrettung. Die Gesteinsmassen seien so gewaltig, dass sie mit keinem Gerät bewegt werden könnten. In der Nähe des Epizentrums stürzte ein 40-jähriger deutscher Bergwanderer 200 Meter in den Tod. Ein Experte in Bozen erläuterte, Ursache könnte das Beben gewesen sein.
In Bozen erlitt ein 60 Jahre alter Mann aus Panik eine tödliche Herzattacke. Die Lebensgefährtin von Landeshauptmann Luis Durnwalder, die 43-jährige deutschstämmige Ärztin Heike Müller, wurde verletzt. Ihr Pferd habe gescheut und sie aus dem Sattel geworfen, hieß es. Dabei habe sie sich schwere Kopfverletzungen zugezogen. Sie sei inzwischen aber außer Lebensgefahr.
Eine Angestellte eines Bozener Reisebüros sagte: "Das waren die schlimmsten Augenblicke meines Lebens
Auch im Allgäu und im Großraum München zitterten die Wände. In München liefen Menschen voller Angst ins Freie. Bei Polizei und Feuerwehr gingen fast 70 Anrufe besorgter Bürger ein. Nach Polizeiangaben gab es aber weder Verletzte noch Sachschaden.
Der Geologe Volkmar Mair erläuterte am Mittwoch in Bozen, ein Erdbeben dieser Stärke habe es in Südtirol seit mindestens 100 Jahren nicht gegeben. Zuletzt hatten verheerende Erdstöße der Stärke 6,5 im Mai 1976 die nahe Region Friaul erschüttert. Dabei waren 878 Menschen getötet worden. Diesmal lag das Epizentrum nahe der Urlauber-Idylle Meran. Nahe Bozen und Meran gingen Erdrutsche und Geröll-Lawinen nieder, von Häusern stürzten Steine und Mauerteile. An den Fassaden bildeten sich Risse.
Das Landesmuseum Schloss Tirol, eine Besucherattraktion nahe Meran, wurde vorübergehend geschlossen. Einige Fresken in der Schlosskapelle weisen den Angaben zufolge Risse auf, von den Zinnen stürzten Steine und Mauerteile. In den Palästen am Markusplatz in Venedig klirrten die Kronleuchter.
Die Erdstöße seien wegen der Tiefe des Bebenherdes fast in ganz Österreich zu spüren gewesen, teilte die Erdbebenzentrale in Wien mit. Sogar in der österreichischen Hauptstadt, fast 600 Kilometer vom Epizentrum entfernt, seien sie wahrgenommen worden.
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