Gemeinsamer Unterricht wird zum Problem: Warum Schule mit Behinderten so schwierig ist
VON FRANK VOLLMER - zuletzt aktualisiert: 23.10.2012 - 15:12Düsseldorf (RP). NRW will in einem Jahrzehnt die Mehrheit der behinderten Schüler an allgemeinen Schulen unterrichten. Die Kombination aus ehrgeizigem Zeitplan, wachsender Nachfrage und knappen Finanzen bereitet den Schulen im Land zunehmend Probleme bei der Umsetzung. Das führt zu einer Serie von Notlösungen. Ein Realschulleiter erzählt.
Wenn ein Schulleiter einen solchen Satz über seine Schule sagen muss, ist das eine Art Bankrotterklärung. "Es besteht die Gefahr, dass behinderte Kinder an unserer Realschule schlechter betreut werden als an der Förderschule. Dann kann ich meiner Verantwortung gegenüber Eltern, Schülern und Kollegen nicht mehr gerecht werden", sagt Helmut Reschke*.
Reschke leitet eine Realschule in einer Großstadt in NRW. Von den 470 Schülern sind zwölf behindert. Sie lernen in zwei Gruppen gemeinsam mit nichtbehinderten Kindern, je sechs in Klasse fünf und Klasse sechs. Jährlich kommt eine Fünftklässler-Gruppe hinzu. Reschkes Schule ist von der Bezirksregierung angewiesen, diesen gemeinsamen Unterricht anzubieten. Die Nachfrage ist dreimal so groß wie das Angebot. Reschkes Problem: Er kann derzeit nicht gewährleisten, die behinderten Kinder vernünftig zu unterrichten und zugleich den Rest nicht zu vernachlässigen.
NRW hat sich zum Ziel gesetzt, in den kommenden zehn Jahren möglichst viele behinderte Kinder gemeinsam mit nichtbehinderten zu unterrichten –– nicht nur Rollstuhlfahrer, auch Lernbehinderte. Inklusion heißt das in der Fachsprache. Während derzeit erst jeder fünfte behinderte Schüler in einer Regelschule lernt, könnten es nach Angaben von Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) bis 2023 zwei Drittel sein. Ab 2013 sollen Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Regelschulplatz für ihr behindertes Kind haben. So sieht es der Gesetzentwurf der Landesregierung vor.
Schulleiter Reschke sieht sich in diesem Prozess als Opfer. Seine Gleichung lautet: Politischer Druck plus wachsende Nachfrage seitens der Eltern plus chronisch leere Kassen gleich unlösbare Probleme vor Ort. Konkret sieht das so aus: Jede gemeinsame Lerngruppe braucht zwei Lehrer als Betreuer – das macht ein Budget von zweimal 36 Wochenstunden. Der Schule ist pro Jahrgang auch eine Lehrerstelle von einer Förderschule zugeordnet worden – aber nur mit 28 Stunden. "Die Lücke müssen wir aus dem Kollegium stopfen – oder wir haben keine Zweitbesetzung", sagt Reschke. Und mit jeder neuen Fünftklässler-Gruppe kommt eine Lücke hinzu.
Erstens fehlt also Geld. Zweitens, sagt Reschke, Qualität. Zwar haben im vergangenen Jahr laut Landesregierung 37 000 Lehrer eine Fortbildung zur individuellen Förderung behinderter Kinder besucht. Reschke ist sich aber sicher: "Eine einfache Zertifizierung von Regelschullehrern reicht nicht. Alle Lehrer, die bei uns behinderte Schüler betreuen, müssten eine grundständige Ausbildung haben." Das würde dauern – der Bedarf jedoch ist akut. Das heißt, drittens: Es fehlt Zeit.
"Das Problem an der Inklusion ist nicht das Ziel, sondern der Weg", sagt Brigitte Balbach, Chefin des Verbands Lehrer NRW, der vor allem Realschulkollegen vertritt: "Für den Weg hat die Landesregierung keinen Plan. Trotzdem erhöht sie das Tempo." Schulen und Kommunen könnten dabei nicht mithalten.
Die Inklusions-Dynamik führt zwangsläufig zu Notlösungen. "Die Stadt versucht immer wieder, uns mit Minimalkonstruktionen zufriedenzustellen", sagt Reschke. So sei der Vorschlag gekommen, Abstellräume zu Unterrichtszimmern für die Förderschüler umzubauen. Für Reschke ist klar: "Die Politik hat sich selbst überrumpelt. Und jetzt wird der Druck von ganz oben bis an die Schulen weitergegeben." Verbandschefin Balbach sagt es so: "Die Kommunen haben kein Geld. Die Folgen müssen am Ende die Lehrkräfte ausbaden."
Inklusion sei "nicht auf Knopfdruck zu haben", räumt Löhrmann ein: "Es ist eine Generationenaufgabe." Das Land habe dazu "keine engen Zielvorgaben gemacht, welche Integrationsquote in welcher Zeit erreicht werden soll". Den Schulen stünden bei den Schulämtern "Inklusionskoordinatoren" als Ansprechpartner zur Verfügung.
Mit der derzeitigen Organisation ist der Städtetag unzufrieden. "Wir sind auf halbem Weg stehengeblieben", kritisiert Dezernentin Verena Göppert: "Es kann zum Beispiel nicht sein, dass die Integrationshelfer an den Schulen weiter aus Mitteln der Sozialhilfe, also von den Städten, bezahlt werden sollen. Das Land muss für alle Folgekosten der Inklusion an den Schulen aufkommen." Der Gesetzentwurf begründe "keine Ausgleichspflicht des Landes", erwidert Löhrmann: "Alle Ebenen, der Bund, die Länder und die Kommunen, haben ihren Teil der Verantwortung zu tragen."
Schulleiter Reschke erzählt, bei ihm argumentierten interessierte Eltern, sie wollten ihr Kind "aus dem Ghetto holen": "Die Eltern erhoffen sich bessere Chancen in einer ,normalen' Umgebung. Dieses Wort benutzen sie." Beim Städtetag sieht man angesichts solch großer Erwartungen die Gefahr, dass die Inklusion am Ende trotz viel guten Willens scheitert. Dezernentin Göppert sagt es vorsichtig: "Die gesellschaftliche Akzeptanz wird leiden, wenn klar werden sollte, dass in Regelschulen die nötige Qualität nicht gewährleistet werden kann, dass also die Kinder doch besser in einer Förderschule aufgehoben wären."
* Name geändert
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