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Aschermittwoch beginnt die Zeit der Zurückhaltung: Wer fastet heute noch?

zuletzt aktualisiert: 28.02.2001 - 09:29

Rom (dpa). Selbst Kardinal Karl Lehmann hat Probleme mit dem Fasten, und das sogar beim Alkohol. "Das geht nicht immer so leicht", bekannte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz einmal freimütig. Schließlich sei er so häufig auf Empfänge geladen - "da wird man leicht zum Spielverderber, wenn man jeden Genuss ablehnt".

Für viele Katholiken ist heute strenges Fasten eine Sache der Vergangenheit. Auch Protestanten sehen den freiwilligen Nahrungsverzicht nicht so eng. Die Evangelische Kirche startet wieder die Aktion "7 Wochen Ohne". Von Aschermittwoch bis Karfreitag wollen mehr als zwei Millionen Menschen auf "Süßigkeiten, auf Alkohol, aufs Auto und oder Überstundenstress" verzichten. Der Grundgedanke dabei ist: "Fasten muss nicht unbedingt wörtlich genommen werden. "Bewusst leben" ist die Devise."

Das war früher anders. So ermahnte das "Lexikon für Theologie und Kirche" noch 1960 zur strikten "Drosselung des körperlichen Energiehaushalts". Es gehe nicht um bloßes Hungern, schon gar nicht um Diät mit dem eitlen Ziel des Schlankwerdens. Auf die Folgen komme es an - auf außerordentliche Bewusstseinszustände, auf Visionen und Trance, auf magische und spirituelle Erlebnisse.

Der Anfang sei zwar schwer. "Zunächst werden Denken und Fantasie aufs Essen gelenkt, Hungergefühle verstimmen." Doch dann winke ein ganz neues Hochgefühl. "Das Denken wird erleichtert, die Fantasie angeregt, die Aufnahmefähigkeit wächst. Die Beherrschung des Urtriebs Hunger weckt Freude und Gelöstheit. Die Entlastung des Bauchraums mindert die geschlechtlichen Reize." Soweit das Lexikon.

Kein Erbarmen kannte dagegen das mittelalterliche "Straffasten", etwa für schwere priesterliche Verfehlungen. "Wenn ein Geistlicher mit einer Frau Unzucht getrieben hat - und diese dabei nicht schwanger und die Tat nicht ruchbar wurde - so faste er für drei Jahre. Wenn es sich um einen Mönch handelt, für fünf Jahre - wenn es ein Bischof war, fasste er für zwölf Jahre." So stand es im römisch- germanischen "Fastentarif" aus dem 10. Jahrhundert.

Wie viele Deutsche heute die traditionellen 40 Fastentage vor Ostern einhalten, schätzt niemand so recht ab. "Viele werden das einfach verschlafen", heißt es bei der Deutschen Bischofskonferenz. Doch jenseits der Kirchen ist eine bunte Gemeinde von "Fasten-Fans" herangewachsen - die "Körpergefühl" mit religiösen Erleben, Mystik mit christlich orientierter Meditation verbinden. "Heilfasten", "ganzheitliches Fasten" und "Gruppenfasten" heißen die Stichworte. Gleichgesinnte suchen und finden sich im Internet - "www.fasten.at." heißt eine der meistbesuchten Adressen.

Gesucht wird das "besondere spirituelle Erlebnis" jenseits des Alltags. Da gibt es etwa das "Wanderfasten" - Nahrungsverzicht verbunden mit Naturerlebnis. "Man läuft einfach los", verzichtet auf feste Nahrung, zu trinken gibt es Wasser und Tee. Wichtig sei nur festes Schuhwerk. "Anfangskrisen wie Kreislaufschwächen und Kopf- und Magenschmerzen werden von der Gruppe liebevoll aufgefangen."

Als weiteres Angebot gibt es "ganzheitliches Fasten mit der Heiligen Hildegard", gemeint ist die Mystikerin Hildegard von Bingen, die vor 900 Jahren lebte. "Der Darm wird gereinigt, Salz- und Schadstoffdepots werden ausgeschwemmt (reichlich trinken!)." Doch es geht um mehr: "Nur wenn das Fasten dazu verhilft, liebenswürdiger und liebevoller zu werden, dann ist es ein Königsweg."

Auch Einzelkämpfer suchen virtuellen Rat. "Meine Damen, ich brauche Hilfe", schreibt etwa eine Maria. "Ich dachte an ein meditatives Fasten. Ich habe Eingebungen, vielleicht sehe ich brennende Sträucher." Nur ernsthafte Antworten sind erbeten.

Die heutigen Fastenregeln der katholischen Kirche lassen dem Gläubigen weitgehend freie Wahl. "Es kommt vor allem darauf an, auf einen Genuss zu verzichten, der einem besonders lieb ist", erklärt ein Theologe im Vatikan. Noch vor gar nicht so langer Zeit musste man bis Ostern ganz auf Fleisch verzichtet, traditionelle "Fastenspeisen" waren Graupen- und Griessuppen sowie Fisch. Im Mittelalter waren gar Milch, Käse und Butter tabu. Wer Stärkung brauchte, durfte zum "Fastenbier" greifen.

Umstritten ist die Geschichte, dass die Bayern Gänse tatsächlich zu "Wassertieren" umtauften, um diese in den 40 mageren Tagen genießen zu dürfen. Heiße Schokolade hingegen war erlaubt. "Potus iste non frangit jejunium" - Schokolade bricht das Fasten nicht, lautet das berühmte Papstverdikt beim Konzil von Trient im 16. Jahrhundert.

Quelle: RPO Archiv

 
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