Sprachschule für den "richtigen Umgangston": Wessis lernen in Dresden sächseln
zuletzt aktualisiert: 15.03.2001 - 13:40Dresden (rpo). Schulen, an denen der sächsische Dialekt in Hochdeutsch getauscht werden kann, hat es wahrscheinlich gegeben, so lange es den sächsischen Dialekt gibt. Aber umgekehrt?
Eine Dresdner Sprachschule bemüht sich seit kurzem im wahrsten Sinne des Wortes um Verständigung zwischen Ost und West: In Kursen für Anfänger und Fortgeschrittene macht sie vor allem Leute aus den alten Bundesländern mit den Tücken sächsischer Mundart vertraut. Für Memmen (Weichlinge) sind die Lektionen freilich nichts: Denn der als Sachsenherrscher August der Starke kostümierte Lehrer Steffen Urban redet mit seinen Schülern von Beginn an Klartext: "Ihr müssd de Gusche rischd´sch offmachen" (Ihr müsst den Mund richtig aufmachen), weist er die Wessis schon zu Beginn in tiefstem Dialekt zurecht.
Mit Schreib- und Sprachübungen versucht Muttersprachler Urban dann ein paar Besonderheiten des Sächsisch klar zu machen: "Aus dem Apfel wird der Äbbl, aus dem Topf das Döbbl, aus dem Tropfen das Dröbbl." Auch sächsische Wortschöpfungen wie Gliddsche (Dorf) oder Hiddsche (Fußbank) bekommt der Ortsunkundige vermittelt. "Es gommd ni off de Logig an, nur off das, was vorne rauskommt", lautet eine der Weisheiten des 37-jährigen Sprachlehrers.
Nicht nur im Westen Deutschlands wird die Aussprache der Sachsen oft belächelt. Schon im DDR-Fernsehen wurden Dumpfbacken gern mit sächsischem Dialekt ausgestattet. Manche Westdeutsche lebten in der Illusion, alle Brüder und Schwestern im Osten würden sich derart artikulieren. Möglicherweise hat die Aussprache des früheren Staatschefs Walter Ulbricht solche Fantasien beflügelt.
Nach der Wende wurden Abgesandte aus dem Westen direkt mit dem Dialekt der Sachsen konfrontiert. "Manche konnten ihre Angestellten nicht verstehen", nennt Anja Fließbach von der Sprachschule D.C. School ein Motiv für das Interesse am Kurs "Sächsisch für Wessis". Für die meisten Schüler sind die Lektionen aber eher Gaudi. Die Mehrheit ist überzeugt, dass Sächsisch im Vergleich zu anderen deutschen Dialekten nicht schlechter zu verstehen ist. Inzwischen haben sogar Leute aus Spanien, Irland, den USA und der Mongolei einen Kurs in Sächsisch belegt.
Kundige wissen freilich, dass es "d a s Sächsisch" gar nicht gibt. In Dresden wird es anders ausgesprochen als in Leipzig oder Chemnitz, ganz abgesehen von Randgebieten wie der Oberlausitz, dem Vogtland oder dem Erzgebirge. Die Leipziger "singen" die weich klingende Sprache eher. In Chemnitz sind eigene Wortkreationen wie die Steigerungsform "ganz sehr" üblich. Auch haben die Einwohner des früheren Karl-Marx-Stadt arge Schwierigkeiten beim Formulieren des Akkusativs (Du musst jetzt mal den Hase füttern). Dresden ist berühmt für die bejahende Antwort "nu".
Feste Regeln gibt es nur wenige, eine einheitliche Schreibweise existiert nicht. Das "t" wird von den meisten als "d" ausgesprochen, das "p" als "b". Die Buchstabenfolge "au" ändert sich beim Sprechen meist in "o", aus den Augen werden so "Oochen", aus dem Rauchen das "Roochen". In den Schluchten des Erzgebirges gelten wiederum ganz eigene Gesetze. Dann hat selbst ein Dresdner Probleme, den Einheimischen bei ihren wortreichen Dialogen zu folgen.
Alexander Eichhorn aus Garmisch-Partenkirchen ist stolz, dass er das "nu" schon akzentfrei aussprechen kann. Manche Wessis haben solche sächsischen Eigenarten bereits in ihren Sprachschatz aufgenommen und werden nun bei Besuchen in der alten Heimat deswegen belächelt. "Die Hessen können Sächsisch wahrscheinlich am besten lernen", glaubt Steffen Urban. Mit Blick auf die Reiselust der Sachsen ist der Lehrer sicher, dass seine Muttersprache inzwischen weltweit verbreitet ist: "Heute kann Dir im tiefsten Dschungel ein Buschmann entgegenkommen, der Sächsisch quatscht."
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