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Nüchterner Popstar
Warum DJ Bobo noch nie ein Glas Alkohol getrunken hat

Wie aus Rene Baumann der Popstar DJ Bobo wurde
Those were the 90s - DJ Bobo mit Fans. FOTO: Yes Music
Düsseldorf. Seit Anfang der 90er geistert DJ Bobo durch unser Leben. Wie wurde aus René Baumann ein Popstar? Von Sebastian Dalkowski

Sie haben nie ein Glas Alkohol getrunken. Das kann ich kaum glauben.

René Baumann Es stimmt aber. Ich probiere hin und wieder einen Schluck Wein, aber ich habe noch nie ein Glas getrunken. Es schmeckt mir nicht.

Wenn Sie nie getrunken haben – wie konnten Sie nüchtern beurteilen, ob Ihre Partymusik etwas taugt?

Baumann Ich hätte auch betrunken nicht einschätzen können, ob meine Songs ein Hit werden. Bei Songs von anderen geht das. Als "Rhythm Is A Dancer" erschien, wusste ich sofort, dass das ein Hit wird. Zwischen wissen, was ein Hit wird, und selbst einen Hit zu schreiben, liegen Welten.

Dass Sie selbst nie getrunken haben, hängt auch mit Ihrem Stiefvater zusammen, schreiben Sie in Ihrer gerade erschienenen Autobiografie. Der war Alkoholiker und hat Ihre Mutter geschlagen.

Baumann Es war einfach abschreckend. Wenn du siehst, wie Leute durch Alkohol die Kontrolle verlieren und nicht mehr sie selbst sind – ich will nicht, dass mir das auch passiert. Selbst bei Kollegen und Freunden geht mir das so. Wenn ich einen von ihnen hackedicht in der Ecke liegen sehe, verliere ich sehr viel Respekt.

Was war die erste Musik, die damals Eindruck bei Ihnen hinterlassen hat?

Baumann So richtig los ging es erst mit Breakdance Mitte der 80er. Da wurde mir klar: Ich bin anders. Vorher wusste ich nur: Irgendwas ist komisch, ich will immer raus aus dem Dorf in die Stadt, ohne zu wissen, weshalb. Breakdance war für mich die große weite Welt.

Ihr erster Kontakt zur Hip-Hop-Kultur war der Film "Beat Street" von 1984. Was hat der mit Ihnen gemacht?

Baumann Er hat mich beflügelt. Ich wusste: Das wollte ich auch. Es hatte was von der Geschichte "Vom Tellerwäscher vom Millionär". Ich wollte Tänzer werden, war aber Bäckerlehrling. Wenn die Tür der Bäckerei hinter mir zuging, war ich der Breakdancer. In Aarau hatte ich meine Jungs. Das war die nächste Big City mit 20.000 Einwohnern. Da hatte ich das Gefühl: Jetzt fängt das Leben an. Morgens um drei war ich dann wieder der Bäcker.

Damals legten Sie sich auch Ihren Spitznamen Bobo zu, mit dem Sie Ihre Graffiti unterschrieben. Bobo ist eine Comicfigur, die regelmäßig versucht, aus dem Gefängnis auszubrechen – und scheitert. Wollten Sie auch ausbrechen?

Baumann Zurückblickend bestimmt. Ich war so ein Typ, der vor dem langweiligen Alltag in eine Parallelwelt fliehen wollte. Dann sucht man sich eben auch einen parallelen Namen. Es war meine zweite Identität. Bei mir im Dorf war das gar nicht bekannt. Meine Mitschüler nannten mich Bume. Das kommt von meinem Nachnamen, Baumann.

Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber Bobo ist nicht der coolste Spitzname.

Baumann Ich wollte nicht cool sein, sondern – Achtung, jetzt kommt's – ich wollte unique sein.

Als Sie den ersten Zug besprühten, wurden Sie gleich von Bahnmitarbeitern erwischt und haben es bleiben lassen.

Baumann Die Lehre hat funktioniert, weil wir den Zug an Ort und Stelle waschen mussten. Wenn die Polizei gekommen wäre, hätte ich das supercool gefunden und damit geprahlt. Aber wir konnten ja nicht erzählen: "Ey krass, die haben uns erwischt – wir mussten den Zug waschen".

Damit war klar, dass Sie kein Bad Boy werden würden.

Baumann Trotzdem war Hip-Hop damals ein schmaler Grat. Es gab auch in der Schweiz Auseinandersetzungen, die übers Tanzen hinausgingen. Die Gruppe, die weniger gut im Breakdancen war, hatte ein Klappmesser in der Tasche.

Waren Sie auch bewaffnet?

Baumann Ich hatte mir ein Nunchaku gebastelt aus zwei Besenstielen, die durch eine Kette verbunden waren.

Ihr Kinderzimmer war unterm Dach. Wie oft lagen Sie dort und haben von einem anderen Leben geträumt?

Baumann In erster Linie habe ich von Girls geträumt. Über meine Bäckerlehre habe ich dort jedenfalls nie nachgedacht.

Ihr Abschlusszeugnis nach der zehnten Klasse war im besten Fall solide. Wurde Ihnen in dem Moment klar, dass Sie einen anderen Weg einschlagen mussten, um Karriere zu machen?

Baumann Das war schon sehr früh klar. Ich komme aus einem kleinen Dorf. Das Umfeld besteht nur aus Bauern und kleinen Gewerbetreibenden. Da kommst du gar nicht auf andere Ideen. Ich konnte mir nicht mal vorstellen, Musik zu machen, die in die Charts kommt. Ich konnte mir nur vorstellen, Musik zu machen, zu der die Leute tanzen. Mein Berufswunsch als Kind war Lokomotivführer. Das war das abgefahrenste, was ich mir vorstellen konnte. Meine Noten waren zu schlecht, um zu studieren. Also musste ich was Handwerkliches machen.

Sie machten eine Bäckerlehre, merkten aber schnell, dass das nichts für Sie ist. Sie müssen sehr gelitten haben.

Baumann Viele Jahre stand für mich fest, dass sich mein Leben im Dorf abspielen würde. Weil ich es nicht anders kannte. Durchs Breakdancen kam ich in die große Welt und dann auch zum Musikauflegen. Da habe ich gemerkt, wie leicht mir das fällt und wie schnell die Leute darauf reagieren. Ich tat also etwas, das den Leuten gefiel und für das ich auch noch Geld bekam. In der Backstube war ich bloß der Lehrling. Da wusste ich, was ich werden wollte.

Wie fühlte sich das für einen Bäckerlehrling an, wenn er die Leute zum Tanzen bringt?

Baumann Es hat mich selbstsicher gemacht. Und dann kam ja gleich die nächste Stufe. Ich habe angefangen, Instrumentalversionen der Songs aufzulegen und darüber zu rappen. Ich habe den Text von Rapper's Delights "The Sugarhill Gang" über eine Instrumentalversion von Madonnas "Holiday" gerappt. Den Leuten gefiel das. Ich war mehr als der klassische DJ.

Damals waren DJs unterkühlt und unnahbar. Sie aber waren ein Entertainer. Warum?

Baumann Ich habe gemerkt, wenn ich die Musik leiser drehte und den Leuten etwas sagen durfte oder musste, fanden die das super. Normalerweise denkt ein Besucher: Halt die Fresse und mach Musik. Ich habe teilweise noch die Lieder angesagt. Wie im Fernsehen, wenn die Gäste richtig lange angekündigt wurden. Aus Reinquatschen wurde dann Reinrappen.

War es nicht frustrierend, wie der Ausbrecherkönig jeden Morgen wieder im Knast beziehungsweise in der Backstube zu landen?

Baumann Ab dem Moment, als ich wusste, dass Auflegen mein Ding ist. Meine Bestimmung. Bei der Berufswahl hatte ich noch keine Ahnung gehabt, wohin mich mein Weg führt. Ich war allerdings nicht mutig genug, um die Lehre abzubrechen.

Danach sind Sie hauptberuflicher DJ geworden und haben angefangen, eigene Songs zu machen. Der erste hieß "I Love You" – und war ein Flop. Das muss Sie frustriert haben.

Baumann Ich habe das nie als Flop wahrgenommen.

Aber niemand kaufte den Song.

Baumann Ich wollte gar keinen Hit machen, ich wollte bloß Musik machen. In meinem Kopf ging die Rechnung ganz anders: Mein Traum ist, eine Platte auf den Plattenteller zu legen, auf der mein Name steht. Dafür habe ich gespart. Hätten das auch noch viele Leute gekauft, wäre das über meinen Erwartungen gewesen. Ich hatte eher das Gefühl: Es war doch gar nicht so scheiße, beim nächsten Mal wird es noch besser. DJs haben damals auch noch keine eigenen Songs aufgenommen.

Herr Baumann, ist "I Love You" ein mieser Song?

Baumann Ja. Das ging gar nicht.

Es war vermutlich kein schönes Gefühl, als die Leute die Tanzfläche verließen, sobald Sie einen eigenen Song aufgelegt hatten.

Baumann Das war so. Traum wurde wahr, eigene Platte aufgelegt, alle liefen weg – das war scheiße. Die Verkaufszahlen waren nicht das Schlimmste, aber der Moment, wenn niemand zu deiner Musik tanzt.

Ihr vierter Song wurde ein Hit, ein europaweiter. Was war an "Somebody Dance With Me" besser?

Baumann Ich hatte diesen Eurodance-Sound endlich auf dem gleichen Level drauf wie die Kollegen. Dazu kam der geklaute Refrain von "Somebody's Watching Me". Ich hab den Song in meinem Club in Luzern aufgelegt und die Leute sind nicht weggelaufen. Da wusste ich: Ich habe einen guten Song. Es hat aber Monate gedauert, bis er in die Charts kam. Das ging ohne Internet nicht so schnell.

Sie mussten viel Geld an den Urheber von "Somebody's Watching me" überweisen. Hat Rockwell damit mehr verdient als Sie?

Baumann Auf jeden Fall hat er damit mehr verdient als mit dem Original. Meine Plattenfirma hätte mich aber auch mal warnen können. Ich war wirklich davon überzeugt, es sei okay, sieben Sekunden aus dem Song neu aufzunehmen und in mein Stück einzubauen.

Woran haben Sie gemerkt, dass Sie berühmt geworden sind?

Baumann Als der Videoclip bei MTV lief, den wir für 3000 Franken gedreht hatten. Gleich danach kam die "Bravo". Da war mir klar: Mist, das muss ich ernst nehmen. Aber meine Antriebsfeder war nie der Erfolg. Es klingt naiv, aber ich wollte einfach immer nur Musik machen.

Fließt da ein Strom durch Ihren Körper?

Baumann Eine Glückseligkeit, wenn du siehst, wie sich die Menschen verhalten.

Wie sage ich das jetzt? Nicht alle Ihre Texte waren total sinnvoll...

Baumann … Oh ja.

In "Somebody Dance With Me" gab es die Zeile: "Rhythm and bass give you the power like another nuclear shower". Was haben Sie sich denn bei einem nuklearen Schauer gedacht?

Baumann Der Reim steht vor dem Inhalt. Ich fand die Zeile mega.

Ihr Englisch war schon sehr speziell.

Baumann Ich hab es nie in der Schule gelernt. Erst kam Deutsch, das war für uns schon eine Fremdsprache, dann Französisch, dann Italienisch. Englisch wollte ich dann nicht auch noch nehmen. Das habe ich durch Plattenhüllen und Songtexte gelernt.

War Ihr Erfolg nicht total unwahrscheinlich? Ein weißer Rapper mit langen Haaren und guter Laune aus einem Dorf in der Schweiz wird berühmt.

Baumann Ich war definitiv nicht das Produkt einer Marketingfirma. Aber es war trotzdem kein Glück.

Warum?

Baumann Der Song war einfach so stark, dass die Leute ihn wollten. Außerdem habe ich einfach keiner Norm entsprochen. Als ich mein erstes Interview für die "Bravo" geben sollte, stand die Journalistin vor mir und fragte: Wo ist DJ Bobo? Sie hatte nach einem schwarzen Rapper gesucht.

Konnte René Baumann nur als DJ Bobo glücklich werden?

Baumann Nein, er ist auch als René Baumann glücklich. Vor allem darüber, dass er Zeit mit der Familie und den Kindern verbringen kann.

Aber hätte René Baumann ohne DJ Bobo glücklich werden können?

Baumann Eher nicht. Hätte ich den Draht zur Musik nicht gefunden, wäre ich wohl heute trotzdem kein Bäcker mehr.

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