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Düsseldorf
Wie ein Sechsjähriger die Welt sieht

Düsseldorf. Ein Auto mit eckigen Rädern und ein Seepferdchen, das auch auf einer Weide stehen könnte: Der kleine Dom aus Großbritannien malt Dinge, so wie er sie wahrnimmt. Und sein Vater setzt sie in lustige Fotos um und zeigt sie im Netz. Von Martina Stöcker

Das Tier mit vier Füßen, einem langen Schweif, weißem Körper und schiefem Grinsen steht in einem blauen Meer - und doch braucht es ziemlich viel Fantasie, um in diesem Wesen ein Seepferdchen zu sehen. Der sechsjährige Dom hat tonnenweise Fantasie, und das ist seine Version des außergewöhnlichen Fisches. Der junge Brite malt viele Bilder und hält darauf fest, wie er die Welt sieht. Unter dem Titel "Things I have drawn" - Dinge, die ich gemalt habe - und in Doms Namen veröffentlicht sein Vater, der anonym bleibt, auf der Plattform Instagram die Bilder des Jungen. Der besondere Clou: Der Vater kombiniert sie mit Fotos von realen Gegenständen und verfremdet sie mit Hilfe eines Bildbearbeitungsprogramms so, wie Dom die Welt sieht. 44.000 Fans hat sein Instragram-Profil.

Wäre Doms Giraffe ein echtes Tier, hätte sie ziemlich kurze Beine und einen dicken Hals. Der Elefant hätte die Füße hintereinander und sein Gesicht auf der Seite. Ein Hai wäre nicht besonders windschnittig geformt und seine Schwanzflosse erinnerte an Füße. Und Doms Auto führe auf viereckigen Rädern durch die Welt.

Wenn Kinder zeichnen, zeigen sie ihr unverstelltes Bild von der Welt, sagt Doina Maas, Künstlerin und Dozentin bei "Krea", einer Jugendkunstschule in Düsseldorf. Eltern sollten Kinder in ihrer Fantasie bestärken und sich am besten erklären lassen, was das Kind denn gemalt hat. Denn den Moment der Hilflosigkeit, kein Motiv in einem kleinen Kunstwerk erahnen zu können, kennt wohl jeder Erwachsene. Ein schönes Auto? Oder doch ein Zug? Ein empörter Blick des kleinen Malers und die Korrektur "das ist eine Rakete, die mit einem U-Boot über Gleise fährt - das sieht man doch!" sollte man sich ersparen. Maas rät auch, scheinbar falsche Dinge wie viereckige Räder nicht zu kritisieren. "Das schränkt das kindliche Potenzial der Kreativität ein, und so kann sie sich nicht entwickeln."

Kinder nehmen ihre Umwelt anders auf, sagt Doina Maas, nämlich frei von Regeln und Gesetzen. "Wir Großen leben in einer regulierten Welt, und die ist tödlich für die Fantasie." So ist auch der "Kopffüßler", den Kinder in der Regel ab dem dritten Lebensjahr malen, aus ihrer eigenen Sicht logisch. "Ein Kind sieht einen Körper nicht als Ganzes - mit Herz, Nieren und Muskeln. Es weiß aber, dass es für die Bewegung Beine braucht, und deshalb malt es diese direkt an den Kopf", erklärt Maas. Dieses Bewegungskonzept sei in seiner Schlichtheit "einfach genial".

Kinderzeichnungen können Vorbild für die reale Welt sein. Auch Sabina Kaisers nimmt sie als Vorlage: Die 36-Jährige aus Mönchengladbach näht Stofftiere nach Kinderbildern (www.stoffie.de). Die Amerikanerin Wendy Tsao hat sie auf die Idee mit individuellen Kuschelpartnern gebracht, in drei Jahren sind mehr als 150 Tiere entstanden. "Wenn ich eine neue Zeichnung bekomme, habe ich immer ein bisschen Angst, ob sie technisch umsetzbar ist", gesteht die Mutter von zwei Kindern. Bislang war aber alles zu realisieren, auch wenn der kindliche Sinn für Proportionen Sabina Kaisers sehr herausfordert - zum Beispiel, wenn ein sehr dicker Kopf auf einem sehr dünnen Hals sitzen soll. "Dann muss ich mir eben etwas ausdenken, wie ich das verstärken kann, damit es hält", sagt sie.

Bei der Mönchengladbacherin gibt es eine monatelange Warteliste, die Tiere kosten - je nach Aufwand - zwischen 130 und 150 Euro. "Ich habe ja kein Schnittmuster, keine Vorlage und erstelle jeden Körper neu." Und sie muss genau arbeiten, denn die Kinder kennen ihre Zeichnungen gut. "Da wird genau nachgezählt, ob das Stoffie auch fünf Zähne besitzet und ihm drei Härchen auf dem Kopf wachsen." Es kommt eben auf Details an. Jedes Tier ist ein Unikat. "Jedes Tier ist aus der Fantasie eines Kindes entstanden und damit einzigartig."

In viel größeren Dimensionen arbeitet die Stofftiermanufaktur "Ella & Paul" (www.ellapaul.de) mit Sitz im sauerländischen Hemer. Auch dort fertigt man nach Vorlagen von Kinderbildern. "Ab etwa drei Jahren malen die Kinder Figuren, wir haben aber auch schon Krickelkrakkel-Stofftiere gemacht", sagt Peggy Gallmeister. Sieben Näherinnen setzen die Entwürfe in der Türkei um, die Lieferzeit liegt zwischen vier und fünf Wochen. Die 30-Zentimeter-Variante kostet 89 Euro, der doppelt so große Bruder 149 Euro.

Auch der schwedische Möbelriese Ikea hat im vergangenen Jahr Kinder dazu aufgerufen, ihre Traum-Stofftiere zu malen. Die besten Beiträge wurden dann gefertigt.

Quelle: RP
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