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Interview: Sabine Demel
Alle Getauften sind zum Priestertum geweiht

Regensburg . Der Ausschluss vom Weihesakrament ist für die 51-jährige Regensburger Kirchenrechtlerin theologisch nicht begründet. Von Lothar Schröder

Kein Priesteramt für Frauen und kein Ende des zölibatären Lebens für Priester? Das sind Debattenthemen, die die Gläubigen seit längerem beschäftigen und die seit dem RP-Interview mit dem Kölner Weihbischof Dominikus Schwaderlapp (vollständig nachzulesen unter www.rp-online.de/schwaderlapp) sowie den anhaltenden Leserreaktion neue Vitalität bekommen haben. In unserer Serie zu diesem Thema kommt auch die Regensburger Kirchenrechtlerin Sabine Demel zu Wort, die in Deutschland vor allem als theologische Expertin für den Einklang von Kirchenrecht und Pastoral bekannt ist und sich immer wieder für das Weiheamt auch für Frauen ausgesprochen hat.

Warum stoßen sich viele Gläubige immer wieder am Zölibat und der Priesterweihe nur für Männer, obwohl es von Seiten der Amtskirche dazu abschließende Entscheidungen gegeben hat?

Demel Weil die Argumente dafür nicht stichhaltig sind und dadurch der Eindruck der Diskriminierung entsteht, einmal bezogen auf eine bestimmte Lebensform, das andere Mal auf das Geschlecht.

Ist die Ableitung des Priesteramtes von den Aposteln eine hinreichende Begründung dafür, Frauen die Priesterweihe zu verwehren?

Demel Eindeutig nein. Denn es gibt keine geradlinige Ableitung, wie das immer wieder gerne behauptet wird. Die Wahl des Zwölferkreises hat nichts mit der Frage des Priesteramtes zu tun. Das hat schon Karl Rahner in den 1970-er Jahren festgestellt. Und dieser Feststellung ist bisher nicht widersprochen worden - weder von Seiten des wissenschaftlichen Lehramtes, also der Theologie, noch von Seiten des kirchlichen Lehramts, also von Seiten des Papstes und des Bischofskollegiums.

Findet in dieser Herleitung eine Überbetonung des Geschlechts statt, und ist es ratsam, ausschließlich historisch zu denken?

Demel Wenn immer wieder das Mann-sein Jesu als entscheidener Grund angegeben wird, ist das tatsächlich eine Überbetonung des Mann-seins Jesu; er hat aber nicht durch seine Mann-werdung erlöst, sondern durch seine Mensch-werdung, wie schon im 5. Jahrhundert auf einem der großen Konzilien problembewusst differenziert worden ist. Und nur historisch zu denken, ist anachronistisch. Es ist immer die systematische Denkleistung zu erbringen, die Wahrheitserkenntnis (in) der Vergangenheit von ihren Zeitumständen zu befreien und in die heutige Zeit und Kultur hinein zu übersetzen.

Empfinden Sie die Verehrung für Maria auch als eine Art Gegengewicht zu dieser Männerwelt, mit der Kirche oft ihre Achtung vor der Frau begründet?

Demel Mit der Marienverehrung ist viele Generationen lang ein problematisches Frauenbild transportiert und verinnerlicht worden, zum Teil geschieht das auch heute noch. Durch eine bestimmte Form der Marienverehrung, nämlich der Idealisierung der einen Frau, laufen die realen Frauen Gefahr, abgewertet zu werden oder sich selbst abzuwerten; denn Frau-sein in der katholischen Kirche heißt in diesem Kontext dann, sich an der einen Frau, der verklärten und erhabenen Jungfrau und Muttergottes Maria, zu orientieren, ohne allerdings dieses Ideal jemals erreichen zu können. Dorothee Sölle hat es einmal so auf den Punkt gebracht: Sie thront über uns. Sie ist rein, wir sind schmutzig. Sie ist entsexualisiert, wir haben sexuelle Probleme und Bedürfnisse. Wir können sie nie erreichen und sollen deswegen Schuld und Schamgefühle empfinden. Das wiederum macht demütig. Und wenn wir schon nicht "rein" sein können wie sie, so können wir uns zumindest unterwerfen wie sie. Diese einseitig biologische Deutung von "Jungfrau" und "Mutter" ist vor allem durch die Feministische Theologie aufgebrochen worden. Dadurch ist Maria auch als unabhängige, starke, selbstbestimmte Frau sichtbar geworden.

Ist für Sie die Rolle der Frau in der römisch-katholischen Kirche ein theologischer Streitpunkt oder auch eine Diskriminierung von Frauen?

Demel Sagen wir einmal so: Der Ausschluss vom Weihesakrament ist bis heute nicht stichhaltig begründet; andererseits ist kirchenrechtlich schon seit langem viel mehr möglich als praktisch umgesetzt worden ist. Das ist bisher viel zu wenig beachtet worden. Oder wie ist zu erklären, dass es immer noch nur vereinzelt Frauen als Seelsorgeamtsleiterinnen, Caritasdirektorinnen, Leiterinnen eines katholischen Büros, Direktorinnen von katholischen Akademien usw. gibt?

Wie wörtlich darf man denn das Bekenntnis nehmen, dass alle Getauften ein "heiliges Priestertum" bilden?

Demel Ganz wörtlich. Durch die Taufe sind wir alle zu dem einen heiligen Priestertum geweiht - so lehrt es das II. Vatikanische Konzil in seiner Dogmatischen Konstitution über die Kirche! Und diesem gemeinsamen Priestertum hat das amtliche Priestertum, also das geweihte Priestertum, zu dienen, nicht umgekehrt. Dienst des (weihe)amtlichen Priestertums ist es, das gemeinsame Priestertum in der Spur des Evangeliums zu einen und zu leiten - nichts mehr und nichts weniger.

Wie könnte denn ein fruchtbarer Dialog in Gang gesetzt werden und von wem sollte er dann sinnvollerweise ausgehen?

Demel Ein fruchtbarer Dialog braucht das Engagement von allen Beteiligten sowie Vertrauen und Zutrauen als Grundhaltung. Nur so besteht die Chance, dass sich das klassische Kommunikationsmuster von oben nach unten in eine horizontale Kommunikation wandelt, das Kontrollbedürfnis einem Zulassen-Können weicht, und dass die Bereitschaft wächst, erst den Anderen bzw. die Andere verstehen zu wollen, bevor man selbst verstanden werden will. Denn wer sich in und mit seinen Anliegen gehört und verstanden fühlt, ohne dass der/die Andere deshalb auch mit diesen Anliegen einverstanden sein muss, wird alles daran setzen, ebenfalls den Anderen bzw. die Andere zu verstehen. Und das ist der Boden, dass gemeinsam Neues entdeckt und entwickelt werden kann und dass gemeinsam neue Wege beschritten werden können.

Haben Sie persönlich denn Hoffnungen, dass vor allem über das Priesteramt für Frauen in absehbarer Zeit ernsthaft in der Kirche nachgedacht wird?

Demel Ja, das tue ich. Das wissenschaftliche Nachdenken über diese Frage hat ja seit den 1960-er Jahren nicht aufgehört. Das hat den großen Vorteil, dass alle Argumente, die dafür sprechen, schon lange auf dem Tisch liegen. Momentan verstecken sich zwar viele hinter der angeblichen Quasi-Dogmatisierung der Nichtzulassung von Frauen zur Priesterweihe, die Papst Johannes Paul II. in einem Schreiben von 1994 vorgenommen hat, und verschließen sich mit diesem formalen Hinweis der inhaltlichen Diskussion. Aber die inhaltliche Autorität der Argumente wird sich irgendwann gegen die formale Autorität durchsetzen. Ja, darauf vertraue ich. In vielen entscheidenden Fragen ist das kirchengeschichtlich ähnlich gewesen. Denken Sie nur an die Religions- und Gewissensfreiheit. Sie ist von der katholischen Kirche lange Zeit abgelehnt worden. Die Gewissensfreiheit wurde päpstlicherseits als "irrige Meinung" und "Wahnsinn" gegeißelt, die Religionsfreiheit sogar zu den "modernen Irrtümern" gezählt. Und heute? Da ist die ehemals als antikirchlich verurteilte Gewissens- und Religionsfreiheit eine selbstverständliche Lehre der katholischen Kirche, die mit der Würde der Person begründet wird. Das heißt für mich: Der Heilige Geist geht manchmal seltsame Wege. Vielleicht dauert es bei der Priesterweihe von Frauen nicht ganz so lange wie bei der Religions- und Gewissenfreiheit.

Quelle: RP
 
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