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Im Jahr 1884
Als die Eisenbahner die Weltzeit erfanden

Düsseldorf. Am Samstag dreht Nordkorea die Uhr um eine halbe Stunde zurück auf "Pjöngjang-Zeit". Die Weltzeit gibt es schon seit 1884. Von Klas Libuda

Als Sandford Fleming 1876 im irischen Bundoran den Zug verpasste, begann die Zeitrechnung neu. Es war an einem Junitag um 17.35 Uhr, als der Eisenbahningenieur und Landvermesser vergeblich auf die Bahn wartete. Denn die war bereits um 5.35 Uhr abgefahren, Fleming kam exakt zwölf Stunden zu spät. Der Fahrplan hatte fünf Uhr morgens und fünf Uhr abends verwechselt, also packte der Reisende seine Sachen und ging. Für Fleming war dies ein Schlüsselerlebnis, das ihn zum Lobbyisten der Zeit machte. Fleming schlug vor, Stunden künftig von 1 bis 24 zu zählen, und teilte die Welt einheitlich in 24 Zeitzonen ein. Acht Jahre, nachdem er den Zug verpasst hatte, wurde 1884 die Weltzeit beschlossen.

Natürlich war's nicht ganz so einfach, und bis heute ticken die Uhren nicht überall gleich. Erst Ende vergangener Woche hatte der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un angekündigt, die Uhr um eine halbe Stunde zurückzudrehen. Ab kommenden Samstag soll in Nordkorea die "Pjöngjang-Zeit" gelten, so wie vor der japanischen Kolonialherrschaft von 1910 bis 1945. Die Japaner hatten damals die Zeit angepasst und ihre Macht ausgespielt. Nun demonstriert Kim Jong Un die seine.

Gerungen wurde um die Zeit schon immer. "Die Zeit ist ein Machtinstrument", sagt Professor Eduard C. Saluz, Direktor des Deutschen Uhrenmuseums in Furtwangen. Noch bis ins 19. Jahrhundert hatte jeder Ort seine eigene Zeit, gemessen wurde sie am Höchststand der Sonne, und die schien nun mal überall anders. Stuttgart etwa war dem nur 70 Kilometer entfernten Karlsruhe stets um vier Minuten voraus. Die Ortszeit spielte für die Tagesstruktur des Einzelnen eine Rolle, sie organisierte aber nicht eine ganze Gesellschaft. "Ich musste nicht wissen, wie spät es ist, sondern wie ich mich fühle", sagt Saluz. Und dann kam die Bahn.

Die fortschreitende Vernetzung von Städten und Ländern durch die Eisenbahn erzwang die Koordination der Zeit. Kursbücher und Fahrpläne legten Abfahrtszeiten fest, die sich zunächst allerdings noch nach der Zeitordnung der jeweiligen Eisenbahngesellschaft richteten. Wer in Genf einen Zug bestieg, musste die Berner oder Pariser Uhrzeit im Auge behalten, je nachdem, ob ein französischer oder ein Schweizer Zug fuhr. Die Genfer Ortszeit hingegen spielte bei der Abfahrt keine Rolle. Die Welt wuchs zusammen, doch die Zeit blieb stehen.

Es waren die Eisenbahner in den USA, die die Zeit zuerst vereinheitlichen wollten. Denn um 1870 gab es in den USA mehr als 400 Eisenbahngesellschaften mit 75 verschiedenen Bahnzeiten. 1883 einigten sich die Gesellschaften schließlich auf vier Zeitzonen. Basis für die Einheitszeit war jene, die an der Königlichen Sternwarte zu Greenwich in London gemessen wurde. Den US-Eisenbahnern folgte nun die Welt.

Delegierte aus 25 Nationen trafen sich 1884 in Anwesenheit von Sanford Fleming in Washington zur "International Meridian Conference", um die Zeit in den Griff zu bekommen. Sie einigten sich auf die Greenwich Mean Time (GMT) als einheitliche Normalzeit, ausgehend vom Längengrad zwischen Nord- und Südpol, auf dem die Greenwicher Sternwarte lag. Für Greenwich sprach, dass die Sternwarte bereits der internationalen Seefahrt zur Orientierung diente, sowie die Macht des britischen Imperiums. 22 Nationen stimmten für die Weltzeit nach Greenwich und die Einführung von 24 Stundenzonen von je 15 Längengraden, die heutigen Zeitzonen. Frankreich enthielt sich, weil es lieber ein französisches Zeit-Zentrum wünschte. Noch bis 1911 waren die Pariser den Londonern neun Minuten und 20 Sekunden voraus.

Zwar gilt die Konferenz heute als Geburtsstunde der Weltzeit. "Aus Flemings Sicht aber muss sie ein Misserfolg gewesen sein", sagt Eduard C. Saluz. "Niemand wollte sich in die Ortszeit reinreden lassen." Nur sehr behäbig wurden die Washingtoner Beschlüsse umgesetzt. So stimmte auch die deutsche Delegation für die Weltzeit, stellte die Uhren aber vorerst nicht um. Erst 1891 einigten sich die hiesigen Staatsbahnen, die Fahrpläne künftig nach Mitteleuropäischer Zeit abzustimmen, die um eine Stunde von der Greenwich-Zeit abwich. 1893 wurde die Uhrzeit im gesamten Reich vereinheitlicht. Seitdem ist es hierzulande 13 Uhr, wenn es in London zwölf schlägt.

Obgleich sich die Greenwicher Weltzeit erst 1928 endgültig durchsetzte, schlug Queen Victoria Sandford Fleming schon 1897 zum Ritter. Heute gilt Sir Fleming als einer der großen Globalisierer des 19. Jahrhunderts.

Seit 1972 gilt GMT übrigens nicht mehr, die Zeit wird nunmehr weltweit mit Atomuhren gemessen, die Ergebnisse werden zu einer koordinierten Weltzeit zusammengetragen. Die Zeitzentrale steht bei Paris. So wie es die Franzosen immer wollten.

Quelle: RP
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