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Wallace/Louisiana
Amerikas alte Wunde

Wallace/Louisiana. Vor 150 Jahren beschloss der Kongress in Washington das Ende der Sklaverei. Mit der Aufarbeitung tun sich die USA bis heute schwer. Von Frank Herrmann

John Cummings sitzt auf einer Kirchenbank und beginnt, noch ehe man ihn etwas fragen kann: "Warum könnt ihr nicht endlich hinwegkommen über die Sache?" Die Sache, das sind die Fakten der Sklaverei. Der wuselige Anwalt aus New Orleans will sie so roh und brutal in Erinnerung rufen. Bloß nicht kratzen an der alten Wunde? Er sieht das anders.

Wallace, Louisiana. Die milchweiße Kirche, Lehmfiguren von Kindersklaven in den Gängen, hat Cummings aus dem Dorf Paulina über den Mississippi bringen lassen. Zerlegt in Einzelteile wie ein Ensemble aus Legobausteinen. In der kleinen Holzkirche beginnen sie, die Touren über die Whitney Plantation, Cummings Freilichtmuseum. Im Zentrum: das cremefarbene Herrenhaus, "The Big House", Schaukelstühle auf der Veranda, ein Traum wie aus einer Broschüre über den alten, beschaulichen Süden.

In Sichtweite der Villa will Cummings dunkle Tonköpfe auf Pfähle spießen lassen, in Erinnerung an die über hundert Sklaven, die sich 1811 gegen ihre Herren auflehnten.

Die Rebellion an der "German Coast" - der Name geht zurück auf die deutschen Einwanderer - endete blutig. Die meisten Aufständischen wurden erschossen, ihre Köpfe zur Abschreckung auf Holzstangen gesteckt. "So war es", sagt Cummings. "So muss man es zeigen. Auch wenn es manchen verstört."

John Cummings ist 78, ein Jurist mit irischen Wurzeln, redegewandt und erfolgreich in Schadensersatzprozessen. Es ist nicht so, dass er ein halbes Leben an dem Plan gefeilt hätte, das erste Sklavereimuseum der USA zu gründen. Wirklich das erste, denn es gibt kein anderes, das allein diesem Kapitel gewidmet wäre. Vielmehr war es ein spontaner Entschluss, basierend auf einer Laune des Zufalls.

Der Mann hat schon immer gern Immobilien erworben von dem Geld, das er mit seiner Kanzlei verdiente. Als Ende der Neunziger die ehemalige Whitney-Plantage zum Verkauf stand, griff er zu. Mit dem verwilderten Areal erwarb Cummings eine Studie über dessen Geschichte, acht Bände, darin seitenfüllende Übersichten mit den Namen von Sklaven. Bei jedem Besitzerwechsel waren sie aufgelistet und bewertet worden, als handelte es sich um Inventar. "Lady, 30, Feldarbeiterin, fünf Kinder, alle zusammen 2650 Dollar." "Honoré, 30, genesen vom Leistenbruch." "Bernard, 50, Tobsuchtsanfälle." "Azor, 11, Hausdiener, 725 Dollar." Als er das gelesen hatte, musste Cummings handeln. "Ich wollte wissen, warum ich von all' dem nichts gewusst hatte. Wieso stand das nicht auf dem Lehrplan in der Schule?"

Cummings' voller Bariton dröhnt durch die Kirche, jedes Wort ein Paukenschlag. Die Antwort auf seine Fragen laute: Hass. "Hass auf die Schwarzen, weil sie 1865 mit dem Ende des Bürgerkriegs frei waren. Deshalb das Schweigen."

Er wollte mehr wissen über die Geschichte und so engagierte er den Historiker Ibrahima Seck. Der hat aus den Archiven in Afrika und Amerika, im Senegal wie in Louisiana, zusammengesucht, was er über die Whitney Plantation finden konnte - und stieß auf furchtbare Details: Wurde ein entlaufener Sklave gefangen, brannte man ihm das Lilienwappen Louisianas auf eine Schulter und schnitt ihm die Ohren ab. Ein zweiter Fluchtversuch zog ein Lilienbrandmal auch auf der anderen Schulter nach sich, außerdem wurde die Achillessehne durchtrennt. Ein dritter bedeutete den Tod.

Montgomery, Alabama, Commerce Street 122. Das backsteinrote Gebäude, in dem Bryan Stevensons Schreibtisch steht, war einmal ein Gefängnis, in dem die menschliche Ware eingesperrt wurde, bis man sie auf einem Platz an der Commerce Street versteigerte. Stevenson hat seine "Equal Justice Initiative" (EJI), eine Organisation von Juristen, bewusst dort angesiedelt. Über Mangel an Kundschaft kann er sich nicht beklagen, der Anwalt Stevenson. Selbst Anhänger des Ku-Klux-Klan, hätten ihn schon eingeschaltet, als sie einen guten Rechtsbeistand brauchten. Ihn, den Urenkel von Sklaven.

Auch in Europa, Asien und Afrika habe es Sklaverei gegeben, doziert Stevenson. Doch erst in Amerika wurde daraus ein System. "Und als wir die Sklavereigesellschaft zu Grabe trugen, haben wir uns gehütet, dem großen Übel auf den Grund zu gehen. Von Zwangsarbeit haben wir geredet, als ob das schon alles wäre." Im Übrigen sei die Sklaverei nicht wirklich passé gewesen mit dem 13. Zusatzartikel zur Verfassung, den Abraham Lincoln gegen hartnäckigen Widerstand im Kongress durchsetzte. Sie sei fortgeschrieben worden im Süden - mit den Mitteln rassistischen Terrors. Nur dass die Terroristen Bürger waren, Banker, Lehrer, Ärzte. Ganze Gemeinden hätten sich nichts dabei gedacht, bei Lynchmorden zuzuschauen, "diesen Spektakeln öffentlichen Folterns von Schwarzen".

"Und dann haben wir Menschen mit dunkler Haut über Jahrzehnte erniedrigt: Ihr seid nicht gut genug für die High School, die Uni. Stevenson hat nicht vergessen, wie er eines Morgens in einem leeren Gerichtssaal im Mittleren Westen saß, um sich auf einen Prozess vorzubereiten, angetan mit weißem Hemd, dunklem Sakko, Krawatte. Als der Richter einen Blick in den Saal warf und ihn erblickte, wies er ihn rüde zurecht: "Hey, warten Sie draußen, bis Ihre Anwälte erscheinen". Der Irrtum klärte sich auf, beide lachten, auch Stevenson, obwohl ihm nicht danach zumute war.

Charleston, South Carolina. Bernard Powers empfängt in seinem Büro zwischen hohen Papierbergen, wie man es sich eben vorstellt bei einem Akademiker. Das schöne Charleston halte es mit der Devise, nur keine verstörenden Fragen zu stellen, nur nicht zu genau wissen zu wollen, was sich hinter den hübschen Fassaden verberge, es könnte ja ein schlechtes Licht auf die einstigen Besitzer werfen. Früher war die Stadt eine Drehscheibe des transatlantischen Sklavenhandels. 40 Prozent aller Schiffe, die ihre menschliche Fracht von Afrika nach Nordamerika brachten, steuerten ihren Hafen an. Powers fasst in einem Satz zusammen, was er in Charleston häufig hört zu dem Thema: "Es ist vorbei, lasst uns in Ruhe damit."

Quelle: RP
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