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AnnenMayKantereit
Die Beatles aus Köln-Sülz

AnnenMayKantereit - Die Beatles aus Köln-Sülz
Sie haben sich am Schiller-Gymnasium im Kölner Stadtteil Sülz kennengelernt (v.l.): Henning May, Severin Kantereit, Malte Huck und Christopher Annen. FOTO: Fabiene J. Raclet
Köln. Die Band AnnenMayKantereit veröffentlicht in Kürze das Album, das sie zu Stars machen soll. Ein Besuch in der Zwischenzeit. Von Philipp Holstein

Kurz schießt einem der Gedanke durch den Kopf, alles stehen und liegen zu lassen und die Jungs zu fragen, ob man nicht gemeinsam nach Südfrankreich fahren sollte. Einfach so, jetzt sofort, alle Mann. Aber dann denkt man, dass das Quatsch ist, sie können ja jetzt nicht weg, es fängt doch alles gerade erst an. Und so schweigt man und bleibt da und beißt vom Butterbrot mit Käse ab, das einem ganz selbstverständlich angereicht wurde. Man sitzt auf einem Sofa zwischen hingeworfenen Winterjacken und hört vier Musiker reden, die so miteinander umgehen, wie man von besten Freunden erwartet, dass sie miteinander umgehen. In Köln-Ehrenfeld ist ihr Hauptquartier, im Aufenthaltsraum von Landstreicher-Booking. Sie diskutieren, bei welchem Hersteller sie die T-Shirts bestellen, auf die sie ihren Bandnamen drucken werden. Fair gehandelte Baumwolle, ja oder nein? Das ist eine Frage, mit der sie sich beschäftigen müssen: Die vier Jungs sind nämlich Popstars, in zwei Wochen erscheint ihr Album, es wird ein Hit, und sie nennen sich AnnenMayKantereit.

Gitarrist Christopher Annen, Sänger Henning May und Schlagzeuger Severin Kantereit haben sich vor fünf Jahren am Schiller-Gymnasium in Sülz kennengelernt. Bassist Malte Huck stieß dazu, nachdem er seine Weltreise beendet hatte. Sie singen auf Deutsch, über das Jungsein zumeist und viel über die Liebe, und sie gingen mit ihren Liedern zunächst auf die Straße und brachten sie zwischen Schildergasse und Universität an die Leute. So wurde die Gruppe bekannt, das Lied "Oft gefragt" hat mehr als acht Millionen Klicks bei Youtube, und als sie 2015 drei Mal hintereinander im Kulturzentrum Zakk in Düsseldorf auftraten, waren die 800 Karten pro Abend rasch verkauft. Sie spielten außerdem im Vorprogramm von Beatsteaks und Clueso, und dann griff die Plattenfirma Universal zu: "Alles Nix Konkretes" heißt die von Tocotronic-Produzent Moses Schneider eingerichtete Platte, die sie zu Stars machen soll, Der Onlinehändler iTunes hat bereits ein Banner auf seiner Startseite platziert, unter dem man sie vorbestellen kann.

Auf einem Tisch liegt das Magazin "Paradies", das Helene Fischer herausgibt, daneben eine Zeitschrift mit dem Titel "Der moderne Spießer". Jemand hat ein Laptop aufgeklappt und die CD von AnnenMayKantereit eingeschoben. "Du hast jetzt neue Leute, die dich kennen / und nach der Party bei dir pennen", singt Henning May. Er hat das, was man ein Organ nennt, er hört sich an wie Tom Waits, und man wundert sich, dass ein 23-Jähriger schon so rostige Stimmbänder haben kann. "Und wenn ich dich dann frage, was du werden willst / Dann sagst du immer nur: Ich weiß nicht. Hauptsache nicht Mitte 30." Die Musik ist folkig, manchmal bluesig. Mal fühlt man sich an die Pogues erinnert, dann wieder an Casper. Jedes Lied ist eine Zeitschrift über das Leben mit Anfang 20, und die markante Stimme und die melancholisch-beschwipsten Arrangements machen, dass nichts kitschig ist, nicht mal das: "Ich träume Liebeslieder und sing dabei von dir".

Eine Mitarbeiterin der Konzertagentur bringt den Jungs Kaffee und fragt, ob sie noch etwas brauchen. Severin Kantereit zieht sich erstmal die Schuhe aus, Henning May kehrt vom Rauchen zurück. Es liegt ein Versprechen in der Luft, man spürt an der Atmosphäre im Raum, dass das eine Transitzeit ist, dass da etwas beginnt, womöglich etwas Großes. Da ist Aufgeregtheit, die aber nicht zum Ausbruch kommt, jene Art von Angespanntheit, die einem die Wangen rötet und die Gegenwart dehnt.

Die Tournee zum Album wird lang, und jedes Konzert ist bereits ausverkauft. Haben sie keine Sorge, dass die Freundschaft darunter leidet? Ihre Freundschaft sei nicht in Gefahr, sagt Henning May, und es hört sich an wie ein Lied. "Freundschaft ist der Kern dieses Musikprojektes. Es gibt Liebeslieder, die kann ich an bestimmten Tagen nicht singen, weil ich mich nicht so gut fühle. Die anderen verstehen das, weil sie wissen, wie viel Schmerz in manchen Versen liegt. Fremde Berufsmusiker würden das vielleicht nicht akzeptieren." Und das sagt er auch noch: "Jeder von uns ist für den anderen eine Insel, und wenn es mir schlecht geht, lege ich mich bei Malte an den Strand und lass mich volllabern."

Vielleicht ist dies das Geheimnis dieser Gruppe im Werden, dieser Stars vorm Schlüpfen, dass ihre Lust an der Musik nicht geborgt ist, sondern echt, dass das Zur-Sprache-Bringen-Wollen ein Bedürfnis ist und nicht Pflicht, und dass die Wärme in diesen Lieder aus Zuneigung entsteht. "Forschungsprojekte" nennen sie ihre Kompositionen, weil sie sich oft erst beim Texten und Musikschreiben darüber klar werden, wie sie manche Dinge sehen. "Durch ,Oft gefragt', das Lied über meinen Vater, bin ich mir meiner Beziehung zu ihm bewusst geworden", sagt Henning May. Es geht so: "Du hast mich abgeholt und hingebracht / Bist mitten in der Nacht wegen mir aufgewacht / Ich hab in letzter Zeit zu oft daran gedacht."

Wenn einer ein Thema hat, über das er ein Stück schreiben möchte, bringt er es mit in den Probenraum, und die anderen schauen, wie man es in Form bringt. Sie spielen live im Studio, jeden Song des Albums haben sie zehn- oder zwölfmal aufgenommen und sich dann die beste Version ausgesucht. Der Maßstab seien dabei stets die Beatles. "Wenn es zu traurig wird, heißt es bei uns: Wir brauchen mehr ,Ob-la-di, Ob-la-da'. Oder in anderen Fällen: Wir brauchen mehr ,Yesterday'." So gesehen ist "Barfuß am Klavier" das "Yesterday" von AnnenMayKantereit. "Und du und ich / Das war mal Wir / Und ist jetzt nicht / Du da ich hier", heißt es darin. May nuschelt Vokale weg, er macht das absichtlich, denn er möchte singen, wie man spricht. "Das hat mit Intuition zu tun", sagt er.

Man kann sie sich gut im Tourbus vorstellen, wie sie bestrumpfsockt dasitzen und gemeinsam ihre Lieblingslieder hören: "Easy" von Son Lux zum Beispiel, "Maschin" von Bilderbuch und "No No No" von Beirut. Wo auch immer sie irgendwann ankommen werden, sie reisen mit guter Laune, darauf darf man sich verlassen. "Vertrauen ist gut / Kontrolle für Besserwisser".

Quelle: RP
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