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Düsseldorf
Auch nachts wird die Erde nicht dunkel
Düsseldorf. Am 21. Dezember ist in Deutschland die längste Nacht des Jahres – aber das ist kein Sieg der Dunkelheit. Das zeigen neue Bilder der Nasa, deren Satellit 22 Tage die Erde umkreiste und sie bei Nacht fotografierte. Von Rainer Kurlemann

Als US-Astronauten 1972 zum Mond flogen, machten sie ein berühmtes Foto, das die Menschen nachhaltig beeindruckte: die Ansicht der Erde aus dem Weltall – der blaue Planet. 40 Jahre später hat die US-Weltraumbehörde Nasa dem Gesicht des Tages das Antlitz der Nacht hinzugefügt. Ein Satellit hat 22 Tage die Erde jeweils um 1.30 Uhr Ortszeit bei Nacht fotografiert, und die Nasa hat seine Aufzeichnungen zur Weltkarte der Nacht zusammengefügt.

Entstanden ist ein detailverliebtes Bild, das dokumentiert, dass die Dunkelheit in vielen Regionen der Welt auf dem Rückzug ist. Die Nordhalbkugel ist deutlich heller als der Süden. Der Blick auf Europa und Nordamerika veranschaulicht, wie die menschliche Zivilisation den Kontinent prägt. Die zahlreichen Lichtquellen lassen keinen Platz für die Nacht. Weltweit zieht sich entlang der Küsten der Ozeane die Lichtspur der Menschheit.

Wirklich dunkel ist es auf der Erde selten. Angenehme Ausnahmen bilden die Stellen, wo die Natur dem Menschen das Siedeln erschwert: im Himalaya, in den großen Wüsten, den Regenwäldern Südamerikas und Afrikas und mitten auf dem Ozean – sofern dort nicht Öl oder Gas gefördert wird. Denn mitten in der Nordsee leuchten die Feuer der Gasplattformen. Das Kaspische Meer lässt aus der Satellitenperspektive eine Brücke erahnen, die nicht existiert. Und auch das Rote Meer ist durch die Öl- und Gasförderung so hell, dass man dort größere Städte vermuten würde. Wer wirkliche Dunkelheit sucht, muss sich mittlerweile unter die Erdoberfläche begeben.

Doch manchmal ist Licht auch nur die Visualisierung von Arm und Reich. In Korea beispielsweise ist der Süden der Halbinsel mit seinen großen Städten und Verkehrsadern klar erkennbar, Nordkorea unterscheidet sich hingegen kaum vom angrenzenden Ozean. Das bitterarme Land scheint mit dem Aufkommen der Dunkelheit zu verschwinden. Dann wirkt Südkorea aus dem Weltall wie eine Insel im Meer.

Bisher gab es solche Bilder nur von Spionagesatelliten, bei denen die Auflösung der Fotos nachts aber zu schlecht war. Die 252 Kilo schwere Kamera von "Suomi NPP" kann 22 verschiedene Bereiche des Spektrums des Lichts (sichtbares Licht und Infrarot) erfassen und ist dank technischer Unterstützung 250-mal lichtstärker als bisherige Satellitentechnik.

Damit lässt sich gleichzeitig die Quelle des Lichts identifizieren: Ist es Elektrizität oder rauchgetränktes Feuer wie bei Buschbränden in Australien, Waldbränden in Sibirien oder Vulkanen? Spiegelt sich der Mond, sind es Auswirkungen von Polarlichtern? Meistens ist Quelle der Mensch.

Der Satellit kann sogar Fischerboote im Gelben Meer vor China erkennen, die regelmäßig nachts mit starken Scheinwerfern Fische anlocken und sie damit in ihre Netze treiben. Die Boote scheinen dabei an einer Perlenschnur Stopp zu machen – weil sie in einer politischen Konfliktregion die internationalen Seegrenzen nicht überschreiten wollen.

"Nichts eignet sich so sehr wie das Licht, um die Ausdehnung der Menschheit auf dem Planeten zu verfolgen", sagt Chris Elvidge, Wissenschaftler an der US-amerikanischen Nationalen Wetterorganisation NOAA, die die Daten vor allem für bessere Vorhersagen nutzen will. Er gibt offen zu, dass ihn diese Bilder faszinieren. Licht ist Luxus und auch Zeichen von Macht, sagt er mit Blick auf die Teile der Welt, wo Elektrizität nicht selbstverständlich ist.

Auch in Europa wird aus den Bildern deutlich, welche Bedeutung Städte wie Paris, Moskau oder Madrid als Metropolen für ihre jeweiligen Länder haben. Als strahlende Sterne sind sie das prägende Element der nächtlichen Struktur. Deutschland ist vergleichsweise gleichmäßig ausgeleuchtet. Italien zeigt ein Nord-Süd-Gefälle, in Großbritannien ist es andersherum.

"Suomi NPP" wird sich mit seinen insgesamt fünf Sensoren jetzt neuen Aufgaben widmen: Die jüngst veröffentlichten Bilder zeigen die Verteilung von Plankton im Meer.

Quelle: RP
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