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Rheinliebe
Auf Naturpfaden durchs Millingerwaard

Kekerdom. Die Auenlandschaften des Rheins sind nur noch selten naturbelassen. Eine Ausnahme bildet das Naturschutzgebiet Millingerwaard in den Niederlanden. Von Jörg Isringhaus

Deutsche Biber von der Elbe haben in den Niederlanden das Paradies gefunden. Anfang der 90er wurden einige Tiere umgesiedelt ins Millingerwaard, den Grüngürtel an der Waal bei Kekerdom und Millingen, direkt hinter der deutschen Grenze. "Das waren mal Problem-Biber", erzählt Bart Beekers, Ökologe bei der holländischen Naturschutzorganisation Ark. Heute leisten die Tiere, die sich stark vermehrt haben, einen wertvollen Beitrag zur Entwicklung des 700 Hektar großen Naturschutzgebiets. Auch Besucher können an den Wasserarmen der Waal den gut sichtbaren Spuren der Biber folgen - und stoßen vielleicht sogar auf einen Bau.

In der Millingerwaard scheint die Natur also im Gleichgewicht. Ganz so einfach ist es jedoch nicht, sondern eher ein laufender Prozess, zu dem auch Rückschläge gehören. Das von der Waal, einem Arm des Rhein-Flussdeltas, umspülte Gelände wurde bis 1990 landwirtschaftlich genutzt. "Dann entstand die Idee, der Natur mehr Raum zu geben", erzählt Beekers. Den Bauern wurden Ersatzflächen angeboten, das Agrarland wieder in den Urzustand zurückgeführt. Etliche Tier- und Pflanzenarten seien daraufhin spontan zurückgekommen, berichtet Beekers. Auf andere wie etwa den Schwarzstorch oder den Seeadler warte man bis heute. "Aber das kann dann ganz schnell gehen", sagt der 39-Jährige.

Marschiert man heute vom Parkplatz zwischen Millingen und Kekerdom hoch auf den Deich, bleibt der Blick aber zunächst an Baggerschiffen und aufgetürmten Sandbergen hängen. Das Material wird abgetragen, um die alten Rheinarme wiederzubeleben und zugleich den Hochwasserschutz zu verbessern, weil das Wasser dadurch mehr Möglichkeiten bekommt, sich auszubreiten. 2020 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Glücklicherweise aber ist die Millingerwaard groß genug, um die Wiesen-, Wasser- und Auenlandschaft abseits der Bagger ungestört genießen zu können. Rund 500.000 Besucher kommen laut Beekers pro Jahr, um das Naturschutzgebiet zu erkunden. Die "Waarden" (oder "Warden" im Deutschen) bezeichnen dabei die Bereiche, die bei Hochwasser überspült werden.

Tatsächlich findet man an diesem Rhein-Abschnitt Wildnis - jeweils 150 Galloway-Rinder und Konik-Pferde leben frei auf den Flächen. Sie sorgen nicht nur für eine natürliche Beweidung, sondern auch dafür, dass sich Pflanzen ausbreiten. Eingegriffen wird in den Kreislauf nicht, nur tote Tiere müsse man entsorgen, sagt Beekers. Besucher sollten sich den Pferden nicht auf weniger als 25 Meter nähern. "Die Tiere sind nicht gefährlich, wollen aber respektiert werden. Dann funktioniert das Miteinander sehr gut."

Das ist auch das Schöne am Millingerwaard - dass die Besucher mitten in der Natur sind, sich querfeldein durch die Landschaft bewegen dürfen. Auf Augenhöhe mit Fauna und Flora sozusagen. Natürliche Barrieren wie Flussabschnitte oder dichte Auenwäldchen lenken dabei den Weg. Der irgendwann aber zum Paradies im Paradies führen sollte - dem Café Theetuin, nur zu Fuß oder per Rad zu erreichen. Auf verschiedenen Ebenen angelegt, mit Zierteichen und lauschigen Ecken, ist das Lokal eine grüne Oase, die sich harmonisch einfügt ins Naturschutzgebiet - dabei allerdings so attraktiv ist, dass Holländer aus dem ganzen Land eigens für das Theetuin das Millingerwaard besuchen. Was an schönen Wochenenden das Oasengefühl etwas beeinträchtigt.

Aber auch diesseits der Grenze finden sich vergleichbare, für den Artenschutz wichtige Areale. Allen voran das rund 300 Hektar große Emmericher Ward, das Teil des EU-Vogelschutzgebiets "Unterer Niederrhein" ist, unter anderem, weil dort Gänse, Enten und Watvögel rasten und überwintern. Weil die ufernahen Flächen unangetastet bleiben, haben sich dort Stauenflure und Auenwälder mit hohem Artenreichtum entwickelt. Von der Vegetation vergleichbar, aber mit rund 143 Hektar deutlich kleiner ist das Dornicksche Ward zwischen Emmerich und Rees. Auch in diesem Landstrich darf der Rhein die Natur umgestalten. Und wer weiß, wer dort sein Paradies findet.

Quelle: RP
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