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Aufruf zur jährlichen Vogelzählung
Volkszählung bei den gefiederten Freunden

Aufruf zur jährlichen Vogelzählung 2018: Volkszählung bei den gefiederten Freunden
Eine Blaumeise. FOTO: DPA / Jens Kalaene
Düsseldorf. Jedes Jahr im Januar ruft der Naturschutzbund Deutschland zur Vogelzählung auf. Eine Stunde lang starren Menschen dann an diesem Wochenende in ihre Gärten. 124.706 Menschen nahmen im letzten Jahr teil. Warum eigentlich? Von Klas Libuda

Werfen wir einen Blick in die Zukunft: Im Jahr 2118 tritt in Taipeh in Taiwan das Unesco-Komitee nach seiner Sitzung vor die Presse und verkündet: Das Vogelzählen ist Weltkulturerbe. "Das Vogelzählen ist die traditionelle Bürger-Wissenschaft, an der jährlich Millionen Menschen partizipieren", heißt es in der Begründung. "Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit gehört die Laien-Vogelkunde zum neujährlichen Brauch, der überdies das Bewusstsein für ökologische Zusammenhänge festigt."

Ob es tatsächlich mal so kommt - weiß der Kuckuck! Das kollektive Vogelzählen ist eine noch recht junge Tradition. Erst zum achten Mal ruft der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) zum ornithologischen Zensus im Januar auf, zur "Stunde der Wintervögel". 124.706 Menschen nahmen im vergangenen Jahr daran teil, Tendenz: steigend. Sie suchten sich ein ruhiges Plätzchen, schauten eine Stunde lang in den Garten, auf den Balkon oder in den Hinterhof, notierten ihre Ergebnisse und gaben sie an den Nabu weiter. Der Verband veröffentlichte kurz darauf die Ergebnisse der Volkszählung: 479.916 Mal wurden demnach Haussperlinge - auch Spatz genannt - gesichtet, der Statistik zufolge in jedem zweiten Garten. 367.478 Amseln wurden gemeldet, 313.936 Kohlmeisen, 288.301 Feldsperlinge und 226.541 Blaumeise n. Das sind die Top Fünf. Es folgen Buch- und Grünfinken, Elstern, Rotkehlchen und Ringeltauben auf den Plätzen; 2,9 Millionen Vögel insgesamt. Die Zählung, zu der es auch ein Pendant im Frühling gibt ("Die Stunde der Gartenvögel"), ist dem Nabu zufolge die größte wissenschaftliche Mitmach-Aktion in Deutschland.

Bürgerwissenschaft ist in Übersee weit verbreitet

Citizen Science - Bürgerwissenschaft - nennen sich solche Aktionen, bei denen Laien aufgerufen sind, Messungen und Beobachtungen vorzunehmen und die im Angelsächsischen noch verbreiteter sind als bei uns. In Kanada und den USA ist das 118. jährliche, dreiwöchige Vogelzählen, der Christmas Bird Count, erst gestern zu Ende gegangen. Dort ist es mit zuletzt 73.153 Teilnehmern aber längst nicht so populär. Hierzulande darf und soll an diesem Wochenende gezählt werden, der Nabu stellt Zählhilfen zum Ausdrucken und Ankreuzen bereit. Online und übers Telefon kann man Ergebnisse durchgeben (siehe Infobox).

Wie zuverlässig die Ergebnisse der Hobby-Forscher sind, daran hegen manche Zweifel. Das Wetter ist ein Einflussfaktor, dass hauptsächlich in besiedelten Gebieten Daten erhoben werden, ein anderer. Und nicht jeder, der sich einmal Samstagmittags hinsetzt, wird auf Anhieb die Weiden- von der Sumpfmeise unterscheiden können (11.603 und 4414 Meldungen im vergangenen Jahr) - das räumt auch Heinz Kowalski ein. Die Ergebnisse passten aber mit den wissenschaftlichen Untersuchungen von Ornithologen zusammen, sagt der Sprecher des Nabu-Ausschusses Ornithologie und Vogelschutz. Die hohe Zahl der Stichproben verzeihe zudem individuelle Fehler, und allzu grobe Fehleinschätzungen würden bei der Auswertung erkannt und bereinigt. Ein weißer Bussard etwa werde gut und gerne mal mit der hierzulande äußerst unwahrscheinlichen Schnee-Eule verwechselt. "Die kennen viele aus den ,Harry Potter'-Filmen", sagt Kowalski.

Das Verhältnis zwischen Mensch und Natur steht im Fokus

Ohnehin geht es dem Nabu nicht bloß um die Zahlen - die Daten werden für den Artenschutz verwandt -, sondern auch ums Mitmachen, darum, das Verhältnis zwischen Mensch, Natur und Umwelt zu vermitteln. Und natürlich springt auch reichlich Öffentlichkeit für den Nabu dabei heraus. Dass sich die Naturkunde zuletzt größter Beliebtheit erfreute, haben sie indes nicht nur beim Naturschutzbund bemerkt. Auch Buchverlage setzen seit geraumer Zeit auf Wald- und Wiesenbeobachtungen aus dem Genre Nature Writing. Die Bücher von Peter Wohlleben ("Das geheime Leben der Bäume") verkaufen sich millionenfach.

Von "Die Vogelwelt von Düsseldorf und Umgebung" gingen in gut zwei Monaten immerhin 2000 Exemplare weg. Das Buch der Vogelkundler Jürgen Schumann und Tobias Krause wurde von der Biologischen Station Haus Bürgel herausgegeben, dessen Leiterin, Elke Löpke, mit einer solchen Nachfrage nicht gerechnet hätte. Die zweite Auflage, erzählt sie, ist in Auftrag gegeben.

Auch die Vogelexkursionen des Hauses im Naturschutzgebiet Urdenbacher Kämpe (zwischen Düsseldorf und Monheim) sind stets ausverkauft, so Löpke. Die Biologin begreift den Trend als Gegenbewegung. "Je mehr die Leute digital unterwegs sind, desto größer wird auch ihr Bedürfnis nach Natur", sagt sie. Wer rausgeht, trainiert zudem seine Sinne. "Wer richtig gut ist, hält nach einem Greifvogel Ausschau, wenn er den Warnruf einer Amsel hört", sagt Löpke. Wer sich so schult, ordnet sich in der Welt womöglich eines Tages neu ein. "Teil vom Ganzen zu sein", meint Elke Löpke. "kann auch etwas Sinnstiftendes haben."

Quelle: RP
 
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