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Thomanerchor
Bachs Nachfolger gesucht

Leipzig. Der Komponist Johann Sebastian Bach leitete von 1723 bis 1750 den berühmten Leipziger Thomanerchor. Seitdem hatte er 16 Erben in diesem ehrwürdigen Amt; der jüngste war Georg Christoph Biller. Für ihn sucht die Stadt Leipzig jetzt einen würdigen Nachfolger. Das gestaltet sich schwieriger als erwartet. Von Wolfram Goertz

Knabenchöre sieht man im Fernsehen ja meistens zur Advents- und Weihnachtszeit, wenn die Buben mit artigem Scheitel, spitzen Näschen und jener Form von Wonne, auf die Großmütter fliegen, einen Choral singen. Sie tragen einheitliche Anzüge, sehen zuweilen aus wie Matrosenkinder auf Landgang; die älteren Buben singen im Tenor und Bass, tragen dermatologisch relevante Zeichen der Pubertät im Gesicht (Pickel, flaumige Bärte) und geben dem Klang einen entscheidenden Aspekt von Männlichkeit.

Es gibt namhafte Knabenchöre, sie sitzen in Regensburg, Bad Tölz, Dresden, Stuttgart, Hannover, Basel. Der älteste ist der Aachener Domchor (gegründet 796). Die Wiener Sängerknaben singen nur in den Stimmlagen Sopran und Alt. Über allen aber thront der Leipziger Thomanerchor, der in der dortigen Thomaskirche singt und seit den Zeiten von Johann Sebastian Bach Ruhm und Ehre nach Sachsen holt.

Jetzt suchen sie in Leipzig Bachs 17. Nachfolger. Der war von 1723 bis 1750 in Amt und Würden. Das heißt statistisch, dass jeder Thomaskantor im Schnitt 16 Jahre bleibt. Das war natürlich nicht der Fall. Georg Christoph Biller, der jüngste Thomaskantor, der 2015 wegen Krankheit ausschied, war fast 23 Jahre im Amt, eine kleine Ewigkeit: länger hatte es nur Johann Friedrich Doles ausgehalten, der von 1756 bis 1789 das Amt besorgte. Betrachtet man die Liste dieser Musiker, dann fällt auf, dass sie fast alle in Leipzig starben. Das Thomaskantorat ist eine Lebensaufgabe. Sie fordert einen Künstler in höchstem Maße. Man kann auch sagen: Sie frisst einen auf.

Denn es ist ja nicht nur dieser Chor. Dem Thomaskantor obliegen die Durchführung der allwöchentlichen Motetten und die musikalische Gestaltung der Gottesdienste in der Leipziger Thomaskirche. Früher gingen seine Aufgaben an der Thomasschule zu Leipzig noch weiter, so musste Bach beispielsweise Latein unterrichten.

Immer dieser Bach: Er wusste genau, was dieser Chor konnte und noch können sollte, er hat ihn sich gedrillt. Schaut man in Bachs Partituren, so kommt man zu der Erkenntnis, dass Bach für die Chormusik insgesamt, nicht nur die seiner Zeit, einen Quantensprung bedeutete. Diese komplexe Virtuosität in der h-Moll-Messe, diese Vielfalt der Emotionen in der "Matthäus-Passion", diese Reaktionsschnelligkeit in der "Johannes-Passion", diese ungeheure Vielfalt an expressiven Gesten und theologischen Nuancen in den Kantaten und Motetten - das ist so viel mehr, als der Chor je vorher und nachher zu singen hatte. Noch heute lebt der Chor für Bach, der ihn zur Elitetruppe geformt hatte; gleichwohl pflegt der Chor auch andere Musik.

Biller hatte sich in die Aufgabe gekniet wie kein zweiter, doch musste er schnell begreifen, dass sein Nervenkostüm nicht für 365 Tagen des Jahres ausreichte; der Thomaschor kennt nur wenig Zeitfenster, in denen der Chef abwesend sein darf. Biller wurde im Amt depressiv, schied immer wieder für Monate aus. Dann litt er erst recht, weil er wusste, wie sehr er vermisst wurde und was auch ihm fehlte: Biller war selbst, von 1965 bis 1974, Thomanerknabe gewesen. Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) sagte 2015 zu Billers Rücktritt: "Ich habe größten Respekt vor der Entscheidung des Thomaskantors. Und ich weiß, dass er sie sich nicht leicht gemacht hat. Er zieht sich aus dem Amt zurück, weil er weiterhin das Beste will für seinen Thomanerchor und für die Musik."

Dass sich ein Oberbürgermeister äußert, ist eine Spezialität der Stelle. Der Thomaskantor macht seinen Vertrag mit der Stadt, nicht mit der Kirche. Ihr steht denn auch die Hauptentscheidung zu. Das muss nicht für jeden eine tragfähige Basis sein; mancher hat deshalb die Stelle gar nicht erst angetreten. So ist bekannt, dass Hermann Max, der großartige Chorleiter aus Dormagen, einmal die Stelle ablehnte, obwohl er bereits in Leipzig zugesagt hatte. Man unterliegt dort halt erheblichen Zwängen; und der größte ist, dass man das Klima eines Knabenchores mit dieser riesigen Tradition, auf die man fortwährend festgenagelt wird, nicht unbedingt ertragen kann.

Derzeit steht die Entscheidung zwischen zwei Musikern an, die ein Selektionsverfahren überlebt haben: Es sind Clemens Flämig aus Halle und Markus Teutschbein aus Basel. Beide sollen nun vor der sehr prominent besetzten Findungskommission ein identisches Programm einstudieren. Danach soll eine Entscheidung fallen. Gleichwohl besteht keine Eile: Thomanerchor - das ist als Chor und als Schule eine in Erz gehauene Institution, obwohl man in Leipzig nicht müde wird zu betonen, dass die Thomaner offen sind für Neues. Gäste, die Leipzig besuchen, wollen den Chor am liebsten mit Bach hören. Nun, das kann er wirklich besonders gut.

Quelle: RP
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