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Bären suchen Schutz bei den Menschen

Braunbär-Mütter wollen ihre Jungen vor den Männchen in Sicherheit bringen. Wissenschaftler haben das Wanderverhalten der Tiere in Schweden beobachtet. Von Jörg Zittlau

Wenn Braunbären hungrig sind, können sie schon mal Campingplätze und deren Gäste heimsuchen. Ansonsten aber meiden sie die Nähe des Menschen, der Zweibeiner ist ihnen suspekt. In Schweden jedoch beobachten Zoologen einen neuen Trend: Bärenmütter suchen gezielt menschliche Nähe, um ihren Nachwuchs zu schützen.

Ein Forscherteam vom University College of Southeast Norway stattete 30 Mutterbären mit einem GPS-Sender aus, um sieben Jahre lang deren Wanderverhalten in den schwedischen Wäldern zu beobachten. 19 von ihnen gelang es, ihren Nachwuchs wohlbehalten großzuziehen. Elf von ihnen verloren jedoch ihre Jungen, weil sie von einem ausgewachsenen männlichen Bären getötet wurden - was nicht außergewöhnlich ist. "Etwa 35 Prozent aller jungen Braunbären erreichen nicht das Erwachsenenalter", erklärt Studienleiter Sam Steyaert. Die meisten von ihnen würden von ausgewachsenen Männchen getötet, die dadurch mit dem Weibchen, das während der Jungenaufzucht nicht schwanger werden kann, wieder neuen Nachwuchs zeugen könnten.

Außergewöhnlich ist jedoch, wo sich die Mütter aufhielten, deren Nachwuchs getötet wurde. Nämlich weit weg vom Menschen, wie es ja eigentlich auch typisch für Braunbären ist. Jene Weibchen jedoch, deren Jungen überlebten, waren im Durchschnitt nur 783 Meter von Dörfern und Campingplätzen entfernt. Hier hausten sie mit ihrem Nachwuchs in Gebieten mit dichtem Strauchbewuchs, um sich zu verstecken und den Kontakt zum eher gefürchteten Zweibeiner so gering wie möglich zu halten. Was für Steyaert ein deutlicher Hinweis dafür ist, dass diese Braunbären nicht die Nähe des Menschen wegen dessen Küchen, Vorratskammern und Mülltonnen suchten, wie es beispielsweise oft in Nordamerika geschieht, sondern weil sie ihn als Schutzschild brauchen. "Die Weibchen wissen: Die Nähe zum Menschen ist riskant", erläutert Steyart. "Aber sie suchen trotzdem seine Nähe, um ihre Jungen aus der Reichweite der Männchen zu bringen." Interessant ist, wie sich die Bärenmütter verhalten, wenn die Paarungssaison zwischen Mai und Juli vorbei ist. Dann verlassen sie nämlich ihre Verstecke und damit auch die Nähe des Menschen, während die männlichen Bären umgekehrt ihre Scheu ablegen und menschliche Siedlungen aufsuchen, weil sie hungrig sind und für die Winterpause vorfressen wollen. Mit der Konsequenz, dass sie gerade im Oktober oft abgeschossen werden, während die Weibchen mit ihren Jungen schon längst in sicherer Entfernung sind. "Das ist ungewöhnlich klug", betont Ökologe William Ripple von der amerikanischen Oregon State University. "Denn damit legen die Tiere ein weit vorausschauendes Denken an den Tag."

Das Prinzip "Suche die Feinde deines Feindes!" ist nicht nur bei den Bären weit verbreitet. So suchen Gänse die Nähe von Eulennestern, weil Füchse darum einen großen Bogen machen - und die sind noch gefährlicher für eine Gänsefamilie als der Raubvogel. Und einige Kraniche und Flamingos staksen mitten durch Krokodilhorden, obwohl deren Mitglieder auch mal nach einem strammen Vogelschenkel schnappen. Aber dafür traut sich auch kein Leopard oder Löwe in ihre Nähe - und das ist den staksigen Federtieren das Risiko wert.

Quelle: RP
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