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Barfuß ins Paradies

Barfuß ins Paradies
FOTO: dpa
Vor 50 Jahren gewann Sandie Shaw den Grand Prix de la Chanson ohne Schuhe. Das war ein Skandal - und begründete einen Stil. Von Philipp Holstein

Als die 20-Jährige die Bühne betrat, tupften sich die Herren im Publikum mit ihren Einstecktüchern aufgeregt den Schweiß von der Stirn, und die Damen rasselten pikiert mit ihren Perlenketten. Der Grand Prix de la Chanson fand 1967 nämlich nicht in irgendeiner Mehrzweckhalle statt, sondern in der ehrwürdigen Wiener Hofburg, immerhin einst Residenz der Habsburger. Man hatte in Smoking und Abendkleid zu erscheinen, und da oben stand nun Sandie Shaw aus England in einem glitzernden Minikleidchen und sang "Puppet On A String" - und zwar unbeschuht und unten ohne. Sie war tatsächlich barfuß.

Der Auftritt ging als Skandal in die Geschichte des Schlagerwettbewerbs ein. Shaw war das Gesicht des "Swinging London", sie war jung und respektlos, ihr Lied machte die Menschen ganz wuschig, und was man auf den schwarz-weißen Filmaufnahmen von jenem Auftritt bei Youtube leider nicht sehen kann, ist der Sonnenschein, der über ihrem Kopf stand. Sie gewann denn auch haushoch und bekam mehr als doppelt so viele Punkte wie der Zweitplatzierte. Shaw hatte im Vorfeld des Ereignisses bereits angekündigt, sie beabsichtige, mit bloßem Spann zu singen, und so war die Stimmung gereizt. Als sich abzeichnete, dass man die damals bereits recht erfolgreiche Sängerin nicht würde umstimmen können, gab man eine offizielle Erklärung heraus, die ziemlich rührend klingt: Die Künstlerin sehe schlecht und habe Angst, von der Bühne zu fallen. Barfuß könne sie ihren Standort besser ertasten. Die Bildregie wahrte dann bei der Fernsehübertragung das Gebot der Keuschheit. Die Kamera zeigte Shaws Füße nicht. Da an der Bühne aber große Spiegel standen, sah man doch einmal ihre Fersen. Ein paar Sekunden nur, das genügte: Beim Namen Sandie Shaw denken die meisten noch 50 Jahre später sofort an diesen Quantensprung.

"Puppet On A String" eroberte auf zehn Zehen die Top 10 und stand acht Wochen auf Platz eins in Deutschland. Sandie Shaw sang sogar eine deutsche Version ein, die hieß "Wiedehopf im Mai" und war ehrlich gesagt genauso bescheuert, wie der Titel es vermuten lässt. Shaw konnte schon mit dem Text des Originals nicht viel anfangen, wie sie gelegentlich verriet. Darin ging es um eine Frau, die sich freut, die Marionette eines Mannes zu sein; geschrieben hatten das Stück natürlich zwei Männer. Shaw war kein doofes Schlagersternchen, sondern eine selbstbewusste Künstlerin, die zum Vorbild für andere Kollegen wurde. Morrissey von der Band The Smiths etwa war ganz vernarrt in Shaw, 1984 sang er mit ihr zusammen das sehr schöne Lied "Hand In Glove".

Die Popkultur ist fasziniert von der Barfüßigkeit. Janis Joplin trat so auf, und die Tradition reicht bis in unsere Tage, bis zu Sade, Björk, Beth Ditto und Florence & The Machine. Wobei die Genannten gewissermaßen die Beletage der Barfüßigkeit bilden. Im Souterrain hält sich Harpo auf, der seinen großen Hit aus dem Jahr 1976 auf Festen und Marktplätzen noch heute stets ohne Schuhe darreicht, und wer dieses Lied nicht für die nächsten zwei Wochen im Kopf haben möchte, halte sich bitte kurz die Ohren zu: "Moviestar, Moviestar, ah-ha-ha, you think you are a moviestar, ah-ha-ha." Vor einem Auftritt beim Stadtfest in Meppen vertraute Harpo - der seinen Künstlernamen übrigens als Ehrbezeugung gegenüber seinem Idol Harpo von den Marx Brothers versteht - einem Reporter jüngst an, seine Mutter habe ihn früher ausgeschimpft: Er solle den Mist lassen und gefälligst die Schuhe anbehalten. Hätte er mal gehorcht. Andererseits: Welche Nachtigall hat je mit Schuhen gesungen?

Mancher Künstler begründet die Vorliebe für die blanke Sohle mit sachlichen Erwägungen. Sade sagt, sie fühle sich so präsenter. Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja erdet barfuß die Hochspannungstöne ihres Instruments. Und die taube Weltklasse-Perkussionistin Evelyn Glennie kann überhaupt nur barfuß spielen, weil sie so die Vibrationen der Trommeln spürt. Die meisten anderen stellen sich in eine bestimmte Tradition: Barfuß zu sein bedeutet, frei zu sein, friedlich und je nachdem auch widerständig und nonkonformistisch. Patti Smith, Ozzy Osbourne und Rio Reiser traten barfuß auf, Blixa Bargeld und Shakira tun es noch heute.

Jeder bedient sich der Tradition, die ihm die liebste ist. Schuhe galten einst als Privileg der Herrschenden, also bekunden einige Künstler durch Barfüßigkeit ihren Hang zur Arbeiterklasse. Außerdem ist Barfüßigkeit eine Geste der Frömmigkeit und Ehrerbietung, wenn man an religiöse Konnotationen denkt. Der Barfüßige ist verwundbar und friedlich. Barfuß ist Paradies und Urzustand. Adam und Eva kannten keine Schnürsenkel. Spuren dieses Gedankenguts findet man etwa in dem Lied "Barfuß am Klavier" der Band AnnenMayKantereit: "Und ich sitz schon wieder / Barfuß am Klavier / Ich träume Liebeslieder / Und sing dabei von dir". Gandhi in love.

Barfüßigkeit ist heute jedenfalls mindestens so populär wie zu Zeiten von Sandie Shaw. Es erscheinen Bücher mit Titeln wie "Bigfoot - Unten ohne durchs Leben oder warum machen Schuhe blind?". Und auch Sandie Shaw selbst hat den Trend erkannt. Sie studierte bald Psychologie in Oxford, machte sich in London als Psychoanalytikerin selbstständig und bietet nun Barfuß-Therapien für Künstler und Sportler an.

Quelle: RP
 
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