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Köln
Bechers Beste

Köln. Als große Ausstellung ist die Düsseldorfer Photoschule in der Kölner SK Stiftung ausgebreitet. Allen voran Bernd und Hilla Bechers Hochöfen. Von Annette Bosetti

Lang erwartet war diese Ausstellung, die die erste ist zu Ehren von Hilla Becher nach deren Tod im Oktober 2015. Man kann Hilla nicht ohne den 2007 bereits verstorbenen Bernd Becher benennen, denn nur beide zusammen stehen für das einzigartige Werk von Industriefotografie, das niemand anders auf der Welt in dieser Form der abstrakten Skulptur zur Vollendung brachte. Und sie beide stehen gemeinsam für die Entwicklung einer neuen Phänomenologie. Es ist heute längst vergessen, dass die Fotografie seit ihrer Erfindung, 1839, bis etwa in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts keineswegs als Kunst angesehen wurde. Sehr langsam nur vollzog sich der Wandel. Mithilfe und dank ihrer Studenten haben Bernd und Hilla Becher in den revolutionären Folgejahren nach 1968 das Medium noch einmal radikal geweitet und in eine neue Zeit geführt. Bechers haben die Fotografie vollends emanzipiert.

Durch diese in Düsseldorf geprägte Epoche führt die Ausstellung für Hilla Becher in der Kölner SK Stiftung, die das Archiv der Negative des Künstlerpaares bewahrt. Man hat der Schau den Titel "Der typologische Blick" gegeben in Anspielung auf die bevorzugte Präsentationsform des berühmten Werkes. Das Zeigen der Arbeiten in Ausstellungen war für Bernd und Hilla Becher von allergrößter Bedeutung. Es erfolgte meist in serieller Anordnung mehrerer Aufnahmen ein und desselben Motivkomplexes zu Tableaus, die sie Typologie nannten. Dieses Ordnungsprinzip greift der Titel der Kölner Ausstellung auf und setzt Überschriften über stilverwandte Abteilungen wie "Landschafts - Beobachtungen" oder "Bildwelten - Utopisches".

Viele der ehemaligen Studenten wurden eingeladen, Arbeiten zu entsenden, die einst mit den Mentoren Hilla Becher oder ihrem Mann diskutiert worden waren. Eine Auseinandersetzung konnte sogar ganz zu Beginn stattgefunden haben wie im Fall von Candida Höfer. Sie gehörte damals zu den ersten Studenten des ersten Lehrstuhls für Fotografie an einer deutschen Kunstakademie. Und sie gehört heute (Jahrgang 1944) zu den vier Weltstars aus der Düsseldorfer Photoschule, die mit der Berufung Bernd Bechers, 1976, ihre Initialzündung erlebte. Höfer hatte sich einst mit einer Mappe von Schwarzweiß-Bildern von türkischen Mitbürgern zur Aufnahme in der Becher-Klasse beworben. Interessant und eindringlich sind diese kleinen Formate, zugleich von hoher dokumentarischer Aussagekraft: Sieht man doch, wie die ersten türkischen Gastarbeiter in ihren blitzblanken Geschäftslokalen offenbar extrem um Anpassung und Integration bemüht waren. Später hat Höfer so gut wie nie mehr Menschen aufgenommen, insofern sind Raritäten zu sehen. Mit Höfer gehörte auch Axel Hütte zu den ersten in der mit Mitteln nur leidlich ausgestatteten Becher-Klasse. Von ihm stammen die exzellenten Farb-Porträts, die, am Eingang platziert, leitmotivisch das Künstlerpaar voransetzen.

Der erste Raum gehört den Hochöfen der Bechers, eine Auswahl aus sieben Jahren (1979-1986), in denen das Paar von Ohio bis Pennsylvania unterwegs war. Abends vertraute Hilla Becher, die junge Mutter war, ihrem Tagebuch an, wie müde sie waren. "Wir fahren zurück und fallen ins Bett."

Wie immer sind die nutzlos gewordenen Industriedenkmäler vor hellgrauem Himmel aufgenommen, was Schattenwürfe vermeidet und differenzierte Grauwerte ermöglicht. Wie immer menschenleer und perspektivisch auf der mittleren Höhe des symmetrisch in der Mittelsenkrechten des Bildes platzierten Objekts. Man schaut diese Bilder heute schon wie Relikte nicht nur einer längst vergessenen Industrieepoche an, sondern auch als Fotografien bilden sie ein abgeschlossenes Kapitel.

Allzu dicht gehängt sind die rund 220 Bilder, vom Format her uneinheitlich sowie verschiedenartig in Thema und Motiv. Nur mit echtem fotografischen Interesse wird man sich durcharbeiten von Werk zu Werk, Gemeinsamkeiten finden und doch auffälligen Eigensinn: Matt schimmernde Seidenstoffe aus Indien etwa hat Natascha Bowowsky zu Stillleben arrangiert, so dass mit dem Foto ein monochromes abstraktes Bild entsteht. Während Claudia Fährenkämper Käferköpfe unter dem Elektronenmikroskop aufrastert, die gar nicht weit von Thomas Ruffs Mars-Bildern hängen. Von Thomas Struth ist nur eine technikbetonte Arbeit zu sehen und von Gursky eine Reminiszenz, ein Bild aus seiner ersten Ausstellung, die er 1987 im Düsseldorfer Flughafen hatte.

Nicht originär zur Becher-Schule gehört der Sohn aus Übersee: Max Becher arbeitet in den USA mit seiner Frau Andrea Robbins - genau wie die Eltern - als Künstlerpaar. Von ihnen sind Cowboys in Serie zu sehen. Landschaften, Porträts, Architektur, Natur, Technik und Fiktion behandeln die Fotografen in ihren jeweils individuellen Konzepten. Der typologische Blick, den Becher lehrte, sollte Maßstab sein für ein konzentriertes, die Realität abbildendes Vorgehen. Groß geschrieben wurde damals das vergleichend analytische Sehen und Abwägen. Viele beherzigten das serielle Arbeiten, das bei den Meistern als formgebendes Prinzip galt. Doch dies ist alles auch graue Theorie. Schaut man heute auf die frischen Werke eines Andreas Gursky etwa, dann ist das Wundern über die Weiterentwicklung von Fotografie so groß wie die von ihm beherzigten Formate.

Quelle: RP
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