| 10.38 Uhr

Vorschlag eines Philosophen
Babysteuer gegen den Klimawandel?

Bekommt weniger Kinder!
Große Familien sind eine große Belastung fürs Klima - sagt Travis Rieder. FOTO: dpa
Düsseldorf. Setzt weniger Kinder in die Welt, um die globale Erwärmung zu bremsen – das schlägt der amerikanische Philosoph Travis Rieder vor. Eine gute Idee? Von Sebastian Dalkowski

Wenn es nach ihrem Mann geht, dann braucht Sadiye Rieder kein zweites Mal in den Kreißsaal. Dann fällt auch die Sache mit dem dicken Bauch und der Morgenübelkeit weg. Wenn es nach Travis Rieder geht, dann wird Tochter Sinem das einzige Kind bleiben, das seine Frau auf die Welt gebracht hat.

Es ist nicht so, dass Travis Rieder keine Lust hat, noch einmal Vater zu werden. Er drückt sich auch nicht vor der Arbeit, die so ein Kind macht. Ein weiteres Kind zu adoptieren, das wäre für ihn völlig in Ordnung, aber ein weiteres bekommen will er nicht. Aus moralischen Gründen. Seine Frau stimmt ihm zu. "Sie ist konvertiert", sagt er. Vielleicht liegt es daran, dass Travis Rieder ein Philosoph ist. Sogar einer, der dafür bezahlt wird.

Zu viele neue Menschen in zu kurzer Zeit

Rieder, 34, arbeitet am Berman Institute of Bioethics an der Johns-Hopkins-University in Baltimore. Und er ist überzeugt, dass wir neue Wege brauchen, um den Klimawandel zu bremsen: Wir sollten weniger Kinder bekommen. Und mit "wir" meint er vor allem die Bewohner der hochentwickelten Nationen, denn die stoßen pro Kopf die meisten Treibhausgase aus.

Gerade hat er ein schmales Buch veröffentlicht, "Toward A Small Family Ethic", in dem er begründet, warum wir die Geburtenrate reduzieren sollten. "Wir Menschen haben sehr schnell sehr viele Menschen gezeugt. Es gibt sehr gute Beweise, dass wir zu viele gezeugt haben", schreibt er. Er ist besorgt, dass die Erde nicht noch mehr Menschen verträgt, ja nicht einmal die sieben Milliarden, die jetzt auf dem Planeten leben. Es reicht nicht mehr aus, seinen eigenen CO2-Verbrauch zu senken – nichts hilft mehr, CO2 zu sparen, als ein Kind nicht zu bekommen.

Wenn die Zahl der Kinder pro Frau um 0,5 sinkt, so würde das 2100 insgesamt 5,1 Milliarden Tonnen Kohlenstoffdioxid einsparen, schreibt er. Zum Vergleich: 2013 produzierte die Menschheit 9,9 Milliarden Tonnen. Er zitiert Berechnungen, nach denen die Menge an eingespartem CO2 durch den Verzicht auf ein Kind größer ist als die lebenslangen Einsparungen durch sechs grüne Aktivitäten zusammen (wie die Energie-Effizienz des eigenen Hauses zu verbessern).

Rieder ist kein herzloser Planer, er wägt ab. Schließlich ist er selbst Vater. In seinem Buch argumentiert er nicht, dass niemand mehr Kinder bekommen solle – schließlich ist das Elternglück etwas, das man niemandem verweigern dürfe. Doch jeder solle sich überlegen, ob er einen guten Grund hat, ein Kind zu kriegen. Nicht nur einfach, weil sich das so gehört. Beim ersten Kind reicht da noch der Verweis aufs Mutterglück, beim zweiten wird es schon schwieriger. Schließlich haben es die Eltern dann schon einmal erlebt.

Konservative Blogs beschimpfen ihn

Um die Menschen davon zu überzeugen, dass kleinere Familien besser sind, sieht er auch den Staat in der Pflicht. Zusammen mit Colin Hickey und Jake Earl beschreibt er in dem Aufsatz "Population Engineering And The Fight Against Climate Change", welche Maßnahmen der Staat ergreifen könnte.

Sie unterteilen sie in vier Kategorien: Besserer Zugang zum Gesundheitssystem und Aufklärung; Beeinflussung kultureller Normen durch Medienkampagnen; positive und negative Anreize; Zwang. Die Autoren schließen nur das letzte aus, also Zwangsabtreibung und Sterilisation, wägen aber auch bereits ab, welche Anreize der Staat geben darf. Schließlich hat die Ein-Kind-Politik Chinas zu großem Leid geführt. Ihre Idee: Arme eher mit positiven Anreizen fördern (zum Beispiel könnten sie mit Geld belohnt werden, wenn sie ihr Rezept für die Anti-Baby-Pille abholen), die negativen Anreize sollen eher die treffen, die deshalb nicht in finanzielle Not stürzen.

So können sie sich auch eine Steuer vorstellen, die Menschen zahlen müssen, wenn sie ein Kind bekommen. Die Höhe bemäße sich am Einkommen. Das könnte bereits das erste Kind betreffen, sagt Rieder. "Auch das erste Kind einer Familie wird für Treibhausgase sorgen, die irgendwie ausgeglichen werden müssen – was wiederum Geld kostet."

Die Reaktionen, die Rieder auf seinen Vorschlag bekommt, sind gemischt. Viele seiner Studenten seien offen gegenüber der Idee, sagt er. Besonders Frauen, weil dieses ohnehin schon den Großteil der Arbeit mit dem Kind haben und sich fragen, ob ein Kind überhaupt in ihr Leben passt. Dutzende von konservativen Webseiten und Blogs hätten ziemlich fiese Geschichten über ihn geschrieben, sagt er. "Baby hassenden Umweltschützer" hätten sie ihn genannt. Ob seine Idee je umgesetzt wird? "Nicht in nächster Zeit", sagt Rieder. "Aber wenn die Folgen des Klimawandels auch für die Mächtigsten auf der Welt zur Bedrohung werden, dann werden Vorschläge, die zuvor Tabu waren, wahrscheinlich auf dem Tisch landen."

Überlebt eine schrumpfende Volkswirtschaft?

Und was sagt die Wissenschaft zu seinen Ideen? Kann zum Beispiel die Volkswirtschaft einer schrumpfende Gesellschaft überleben? Christian Leßmann, Leiter des Instituts für Volkswirtschaftslehre der TU Braunschweig, sagt: "Eine schrumpfende Bevölkerung führt nicht zu einem Zusammenbruch einer modernen Volkswirtschaft. Problematisch sind in erster Linie die Alterssicherungssysteme, welche bei einer alternden Bevölkerung angepasst werden müssen." Das könnte durch eine Mischung aus Rentenkürzungen und Beitragssatzerhöhungen gelingen, verteilt über die verschiedenen Generationen. "Gleichzeitig steigt durch den technischen Fortschritt die Produktivität in der Zukunft, sodass weniger Personen nicht zwangsläufig weniger erwirtschaften."

Er hat aber zwei Bedenken. Erstens: Das Bevölkerungswachstum reagiert sehr träge auf Änderungen der Geburtenrate, weil die Leute immer älter werden. "In Klimamodellen ist es jedoch besonders wichtig, die Emissionen in naher Zukunft zu reduzieren." Zweitens: Die schrumpfende Bevölkerung könnte darauf verzichten, CO2 einzusparen. Weil ja schließlich weniger Menschen vom Klimawandel betroffen wären.

Leßmann versteht Rieders Arbeit "eher als Gedankenexperiment, weniger als politische Handlungsempfehlung." In der Wissenschaft sei es selbstverständlich, Grundsatzfragen zu stellen, um zum Nachdenken anzuregen. "Das Ziel hat er durch die Überspitzung wohl erreicht."

Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Bekommt weniger Kinder!


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.