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Düsseldorf
Campus Internet

Düsseldorf. Machen Internetvorlesungen den Hörsaal bald überflüssig? Brauchen wir noch Bibliotheken, wenn alle Bücher online verfügbar sind? Und wie beeinflussen soziale Netzwerke den Uni-Alltag? Die NRW-Hochschulen im Digital-Vergleich. Von Laura Ihme

Wenn Eltern von ihren Zeiten an der Uni erzählen, dann hört man oft dieselbe Geschichte, wie sie damals mit wallender Hippie-Mähne schon frühmorgens zur Uni gefahren sind, um ja die Ersten zu sein, die sich in die Teilnehmerliste für die Vorlesung eintragen. Auf einem Blatt Papier. Mit einem Stift.

Diese Zeiten sind lange vorbei. Bereits seit Jahren findet ein Großteil des universitären Lebens (und damit auch die Anmeldung für Kurse und Vorlesungen) online statt, auf den zahlreichen Internetseiten der Hochschulen. Lehre, Forschung und Alltagsleben an den Unis werden immer digitaler - und in jüngster Zeit auch mehr und mehr von sozialen Netzwerken bestimmt. Doch was bedeutet das in der Praxis - und macht der Campus Internet den echten Campus bald überflüssig?

So verrät nur ein kurzer Blick auf die Lehre etwa an den Hochschulen in Nordrhein-Westfalen: Der Frontalvortrag im Hörsaal mit selbstgemalten Präsentationsfolien auf dem Projektor hat ausgedient. Um die Digitalisierung in der Lehre voranzutreiben, haben die Hochschulen inzwischen ganze Teams gebildet, die sich allein um E-Learning-Angebote, also Angebote des elektronisch unterstützten Lernens kümmern. An der Universität Duisburg-Essen etwa werden Dozenten vom E-Learning-Team beraten, wie sie digitale Angebote sinnvoll in ihre Vorlesungen einbetten können. Auf Wunsch nimmt das Team zudem Vorlesungen auf Video auf und stellt sie dann ins Netz. Über die Online-Plattform Moodle können die Studenten zudem digitale Lehrinhalte aufrufen. Und wenn sie dann den Studienstoff gepaukt haben, können sie auch digital ihr Wissen unter Beweis stellen: Dank verschiedener Computerprogramme können an der Uni nämlich auch Prüfungen digital durchgeführt werden.

Das ist auch an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf möglich: Auch dort kümmert sich ein ganzes Team um die optimale Verbindung zwischen analoger Lehre und digitalem Angebot, und auch dort können Vorlesungen auf Video aufgezeichnet werden. Und es gibt sogar ganze Veranstaltungen, die ausschließlich im Internet stattfinden, etwa indem die Studenten ihre Projekte auf den verschiedenen Plattformen online stellen und sich unter Aufsicht des Dozenten Feedback geben.

Online-Vorlesungen kennt man auch an der RWTH Aachen. "Flipped Classroom" nennt sich das Modell dort. "Die Inhalte werden dann für die Studenten online aufbereitet, damit sie sich ihr Wissen selbst aneignen können", sagt Aloys Krieg, Prorektor für Lehre an der RWTH. Das ersetzt allerdings nicht die Lehrveranstaltung: "Das ist ein Zusatzangebot. In einer zweiten Veranstaltung wird dann das online Erlernte vertiefend besprochen", so Krieg. Und wer sich dann nicht vorab in der Internetvorlesung ordentlich informiert hat, schaut in die Röhre: "Es soll wirklich darum gehen, dass man sich die Basisinformationen im Online-Angebot holt und das weiterführende Gespräch in der Sitzung dann dieses Wissen voraussetzt." Bis 2018 will man in Aachen mit solchen Maßnahmen 50 Prozent der Lehrangebote erweitern.

Die Online-Vorlesung ist - so die einhellige Meinung der Hochschulen - jedoch kein vollständiger Ersatz für das Leben rund um den Campus. "Im Gegenteil: Das ist nur eine Ergänzung zu den richtigen Vorlesungen. Und ich denke auch nicht, dass der Campus an sich bald ausgedient hat. Es ist in Zeiten der Digitalisierung, in denen wir alle ständig auf unser Smartphone gucken, doch auch schön, wenn man unter Menschen kommt. Das ist in der Universität ein ganz wichtiger Faktor: das Zusammentreffen", sagt Patrick Honecker von der Universität Köln, die ebenfalls eine große Palette von Online-Angeboten für ihre Studenten bereitstellt. Abgesehen von der Prüfungsanmeldung: "Da müssen ja aus rechtlichen Gründen auch Unterschriften geleistet werden. Bis das auf ein digitales Modell umgestellt wird, dauert es wohl", meint er.

Was die Interaktion und Kommunikation mit ihren Studenten angeht, ist die Universität Köln dagegen im Vergleich mit anderen Hochschulen in NRW ein regelrechter Vorreiter: Nicht nur, dass ihre Seiten auf Facebook und Twitter besonders viele Fans haben, man probiert auch soziale Netzwerke wie Instagram und bald auch Snapchat aus. "Das ist zum Beispiel ein tolles Medium, das man mal bei Vorträgen, wenn wir Gäste haben, zur Dokumentation nutzen kann."

Hintergedanke auch dabei: Viele Studenten benutzen ihr Smartphone, um sich über Neuigkeiten rund um ihre Uni zu informieren. Alle Hochschulen haben deshalb auch längst ihre Internetseiten für die Darstellung auf dem Handy fit gemacht. Aachen hat zudem eine App entwickelt, bei der die Studenten während der Vorlesung mit den Dozenten kommunizieren, Fragen stellen und an Umfragen teilnehmen können. Die Heine-Uni berät ihre Studenten zudem seit Mai per Chat via WhatsApp.

Auch was die Digitalisierung der Bibliothek angeht, haben die Hochschulen vorgelegt: Zwar haben die meisten noch mehr Bücher im Regal als auf dem Server, ein Großteil des Budgets wird aber in digitale Medien sowie die Digitalisierung des Bestands investiert. Eine (finanzielle) Aufgabe, deren Ausmaß kaum abzusehen ist: Könnte doch die heute gängigen PDF-Dokumente eines Tages das Schicksal der Diskette ereilen. Und dann spricht man über diese Zeiten wie über Papas Geschichten von der analogen Uni.

Quelle: RP
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