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Düsseldorf
Da alle studieren, fehlt es an Lehrlingen

Der Vizekanzler sah sich zu warnenden Worten genötigt. "Es gibt eine Fehlwahrnehmung, dass man nur mit Abitur und Studium ein anständiger Mensch in Deutschland ist. Das müssen wir ändern", sagte Bundeswirtschaftsminister und SPD-Chef Sigmar Gabriel. Aktuelle Daten zeigen, dass der Trend schwer zu brechen sein wird: Demnach geht die Entwicklung weg von der betrieblichen Ausbildung und hin zum Hochschulstudium. Eine neue Studie malt aus, wohin das in den nächsten Jahren führen kann. Fast 2,7 Millionen Studenten an deutschen Hochschulen, davon 500.000 Erstsemester - die Beliebtheit der akademischen Bildung lag im Wintersemester 2014/15 auf Rekordniveau. Die neuen Studenten-Zahlen zum gerade begonnenen Semester 2015/16 sind erneut ein Rekord. Dagegen sinkt die Zahl neuer Ausbildungsverträge - 2014 laut Berufsbildungsbericht der Regierung um 1,4 Prozent auf 522.000.

Der Trend "Volle Hörsäle - leere Werkbänke" wird anhalten, ergibt sich aus dem Szenario der Bertelsmann-Stiftung zur nachschulischen Bildung. Falls sich der Run auf die Hochschulen fortsetzt, müssen die Unternehmen in Deutschland in 15 Jahren mit rund 80.000 Lehrlingen weniger auskommen. Noch größer würde die Lücke durch demografischen Wandel - der lässt die Zahlen in allen Bereichen der nachschulischen Bildung sinken. So sei 2030 nur noch mit rund 700.000 Schulabgängern zu rechnen - 2011 waren es noch 880.000. Weil darunter immer mehr Abiturienten sind, die an die Unis drängen, werde der Rückgang dort weniger spürbar sein: Die Studie geht davon aus, dass die Erstsemesterzahlen nur gering absinken, auf dann rund 485.000. Der Trend zum Studium statt zur klassischen Lehre verschärfe den Fachkräftemangel in Industrie und Handwerk, sagt der frühere SPD-Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin. Der Münchner Philosophieprofessor und Sachbuchautor spricht von einem "Akademisierungswahn" und attackiert die Bildungspolitik. Den Mahnungen seines Parteifreundes Gabriel dürfte Nida-Rümelin freudig zugestimmt haben.

Der Sozialdemokrat verweist auf Studien, wonach bis 2030 mit einer Lücke von über vier Millionen nichtakademischen Fachkräften zu rechnen sei. Nida-Rümelin plädiert für mehr Durchlässigkeit zwischen Hochschul- und Berufsbildung - allerdings "in beide Richtungen", wie er betont. "Durchlässigkeit stellt man nicht dadurch her, dass alle studieren." Die Bertelsmann-Stiftung empfiehlt, beide Systeme sollten besser verzahnt statt gegeneinander ausgespielt werden. "Wir müssen weg vom ,Entweder oder' zum ,Sowohl als auch' und zwischen beruflicher und akademischer Ausbildung für eine bessere Durchlässigkeit sorgen." So gelte es, praxisorientierte Studiengänge zu stärken. Zugleich sollten Übergänge von Studienabbrechern in eine Ausbildung durch die Anerkennung bisheriger Leistungen erleichtert werden. Umgekehrt solle es mehr Hochschulangebote für beruflich Qualifizierte geben. Laut Studie sollte auch Zuwanderern, Flüchtlingen und bislang als nicht ausbildungsreif geltenden Schulabgängern der Zugang zu einer betrieblichen Lehre erleichtert werden.

Völlig unklar ist derzeit noch, wie viele Flüchtlinge in Deutschland ein Studium aufnehmen - und wie viele in eine Lehre vermittelt werden können. Laut Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) sind zehn bis 15 Prozent der Migranten studienberechtigt. Die Friedrich-Ebert-Stiftung geht von bis zu 50.000 potenziellen Studenten unter den 2015 neu ins Land kommenden Asylsuchenden aus.

(dpa)
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