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Studentenleben
Gelassenheit eines Seebären

Es fühlt sich an, als würde ich im Körper eines Hundertjährigen stecken. Ich blicke den Studenten hinterher wie ein alter Seebär, der sich von der Promenade aus vorüberfahrende Schiffe anschaut und dabei den Hinterkopf seines Enkels streichelt. Mein Enkel, das ist in diesem Fall ein Erstsemester. Ein orientierungsloser Erstsemester. Ein ungezähmter Wildfang, chronisch aufgeregt, der so heftig mit den Armen fuchtelt, als würde er mich verletzen wollen. Und er quasselt. Ganz schön laut. Und das an einem Samstag, an dem man an der Uni eigentlich nur alte Seebären trifft, also Langlanglangzeitstudenten der Geisteswissenschaften wie mich, die eigentlich lieber parallel bei der Zeitung arbeiten. In der einen Hand eine Bionade, in der anderen ein Reclam-Heftchen. Musste mein Getränk allerdings abstellen, streichle ja das Jüngelchen. Von Jan Dobrick

Das Blockseminar hätte schon vor 20 Minuten angefangen. Er müsse sich doch auf die Anwesenheitsliste eintragen, dürfe nur zweimal unentschuldigt fehlen. In Jörns Gesicht, so heißt der Kleine nämlich, geht gerade tränenreich die Welt unter. Und das in einem Affenzahn. Aber das bringt einen Hundertjährigen natürlich nicht aus der Ruhe. Wenn einer der Sache fachlich und sachlich gewachsen ist, dann ich. "Freundchen, reg dich doch nicht so auf, wir kaufen dir jetzt erst mal eine Fanta", denke ich mir, als ich Jörn zum Veranstaltungsraum bringe. Muss doch zum selben Seminar. Und denke, als ich durch die Tür bin, kurz darüber nach, direkt wieder aus dem Fenster zu steigen.

Quelle: RP
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