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Sechs Fragen an Gerhard Schröder
"Ich stamme aus sehr einfachen Verhältnissen"

Gerhard Schröder: "Ich stamme aus sehr einfachen Verhältnissen"
Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) hat sein Abitur in der Abenschule nachgeholt. FOTO: dpa
Berlin. Der Altkanzler kennt die Chancen des zweiten Bildungsweges aus eigener Erfahrung : "Man geht mit mehr Ernst an die Sache." Von Jan Drebes

Über den zweiten Bildungsweg kann man in Deutschland sogar Bundeskanzler werden. Der frühere Kanzler Gerhard Schröder spricht im Rahmen der Bildungsserie unserer Zeitung über seinen Weg von der Volksschule bis an die Spitze der Regierung. Eine politische Botschaft hat er auch: Er warnt vor dem Ende der "offenen Gesellschaft", ohne die seine Karriere nicht denkbar gewesen wäre.

Wie kam es zu der Entscheidung, zunächst eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann zu absolvieren?

Schröder Das hatte rein finanzielle Gründe. Wäre es nach der Empfehlung meines Klassenlehrers in der Volksschule gegangen, hätte ich auf ein Gymnasium gehen können. Aber die Zeiten waren damals andere. Ich stamme ja aus sehr einfachen Verhältnissen. Wir hätten das Schulgeld und die Fahrtkosten gar nicht aufbringen können. Also gab es nur die Lehre. Nach drei Jahren habe ich den sogenannten Kaufmannsgehilfenbrief gemacht.

Warum haben Sie sich später entschlossen, die Abendschule zu besuchen und das Abitur nachzuholen?

Schröder Ich denke, dass es schon der Wille war, aufsteigen zu wollen und aus den prekären Verhältnissen, wie man das heute so nennt, herauszukommen. Diese Erkenntnis ist mir schon während der Ausbildung gekommen. Mit 17 Jahren bin ich nach Göttingen gezogen und habe dort noch zwei Jahre in einer Eisenwarenhandlung als Verkäufer gearbeitet. Göttingen ist eine Studentenstadt. Da habe ich schnell gemerkt, dass ich durch den zweiten Bildungsweg die Chance habe, weiterzukommen, um irgendwann auch studieren zu können. Also habe ich nebenbei an der Abendschule die Mittlere Reife gemacht, dann meine Arbeit gekündigt und bin auf ein Kolleg gegangen, um das Abitur zu machen.

Welche Erfahrungen haben Sie auf der Abendschule und den Kollegs zur Erlangung der Hoch-schulreife gemacht?

Schröder Ich kann mich nur an sehr gute Erfahrungen erinnern. Ich war an zwei Kollegs, in Bielefeld und in Siegen. Beide waren hervorragende Einrichtungen mit sehr engagierten Lehrerinnen und Lehrern. Und man war mit Menschen zusammen, denen klar war, dass das Lernen die einzige Chance für einen gesellschaftlichen Aufstieg ist. Zumindest war das damals bei uns so. Insofern war das Lernen dort, im besten Sinne, leistungsorientiert.

Inwiefern konnten Sie in Ihrem späteren Berufsleben von Ihrem Bildungsweg profitieren?

Schröder Zum einen entwickelt man schon eine Dankbarkeit gegenüber der Gesellschaft, die einem einen solchen Aufstieg ermöglicht. Zum anderen denke ich, dass die berufliche Erfahrung, die man bereits gemacht hat, hilft. Man geht mit mehr Ernst und Disziplin an die Sache. Und so habe ich auch mein Jura-Studium begonnen. Bereits neun Tage nach dem Abitur habe ich mich an der Georg-August-Universität in Göttingen für das Studium eingeschrieben.

Haben es heutige Generationen leichter mit ihrer Erwerbsbiografie?

Schröder Ja und Nein. Sicherlich ist die Bildungslandschaft heute viel besser als in den 1950er und 1960er Jahren. Die Möglichkeiten sind größer. Wer heute auf dem Dorf lebt, hat in der Regel kein Problem mehr, eine weiterführende Schule zu besuchen. Auf der anderen Seite sehen wir aber auch, dass es andere Hürden gibt, weil Bildungserfolg und Elternhaus in Deutschland immer noch viel zu eng aneinander gekoppelt sind. Das zeigen die Pisa-Studien. Das war zu meiner Zeit anders, weil der kriegsbedingte Ausfall einer Generation die verkrusteten gesellschaftlichen Strukturen aufbrach und Aufstieg ermöglichte.

Welche Risiken sehen Sie in der heutigen Entwicklung der Bildungslandschaft in Deutschland?

Schröder Heute hat sich bei vielen Menschen die Erfahrung festgesetzt: Wer aus der Oberschicht kommt, hat es leichter in der Schule als das Unterschichtenkind. Das ist eine gefährliche Entwicklung, weil sie das Ende der offenen Gesellschaft bedeuten kann. Da müssen wir gegensteuern und das Bildungssystem entsprechend ausstatten. Das müssen wir übrigens auch wegen der anstehenden Integration der Flüchtlinge und ihrer Kinder tun. Integration klappt am besten über Spracherwerb. Das muss natürlich Schule leisten können, und dafür müssen die Voraussetzungen geschaffen werden. Die Investitionen in diesem Bereich müssen von der frühkindlichen Erziehung bis hin zu den Universitäten erhöht werden.

Quelle: RP
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