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Interview mit Heiner Barz
Die Verteidigung des Bachelors

Heiner Barz: Die Verteidigung des Bachelors
Bachelor-Stundenten können gar nicht so schlecht sein, wie immer behauptet wird. Sonst würden ihnen Arbeitgeber nicht ähnliche Gehälter zahlen wie Master-Absolventen. FOTO: picture-alliance/ ZB
Düsseldorf. Der Düsseldorfer Bildungsforscher Heiner Barz nimmt den Abschluss gegen Kritiker in Schutz. Und weist auf eine erstaunliche Tatsache hin: Egal ob Bachelor oder Master - alle verdienen am Anfang zwischen 30.000 und 40.000 Euro pro Jahr. Von Bertram Müller

Auf einem Bildungskongress in Eriwan wurde kürzlich wieder einmal Kritik am Bachelor-Abschluss laut: Der Studiengang qualifiziere seine Absolventen zu wenig für den Beruf. Heiner Barz, Professor an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität, ist mit der pauschalen Kritik nicht einverstanden und äußert im RP-Interview eine differenzierte Meinung.

Kürzlich gaben die Bildungsminister der Europäischen Union bekannt, sie wollten das Bachelor-Studium stärker auf den Arbeitsmarkt zuschneiden und damit auch kritischen Stimmen aus der Wirtschaft begegnen. Halten Sie das für notwendig?

Barz Die Debatte, inwieweit ein Studium die Studierenden fit machen soll für den Beruf, ist alt. Die gab es schon vor Einführung von Bachelor und Master. Anders ist heute, dass die Studierenden durch das früher abgelegte Abitur im Schnitt jünger sind als zuvor. Hinzu kommt, dass die Zahl der Studierenden immer höher wird. Heute studieren bereits 50 Prozent eines Jahrgangs - junge Leute, die nicht mehr auf dem Weg einer Ausbildung in den Beruf gelangen. Diese Akademisierung wird in der Wirtschaft sehr kritisch gesehen. Da heißt es dann: Ein Studium ist gut für Leute, die später in die Forschung wollen oder höher qualifizierte Jobs anstreben, aber für viele andere ist es nicht die beste Vorbereitung auf den Beruf. Die Wirtschaft sieht eine duale Ausbildung oft als geeigneter an. Dementsprechend haben wir an Fachhochschulen auch immer mehr solcher Studiengänge.

Wie schätzen Sie die ein?

Barz Diese Ausbildungsgänge sind ideal, weil sie von vornherein nicht die Lücke entstehen lassen zwischen dem, was an Hochschulen gelehrt wird, und dem, was später im Berufsalltag gebraucht wird. An der Klage der Wirtschaft ist schon was dran, aber man darf sie nicht überbewerten. Manche Studiengänge sind hervorragend konzipiert. Bei anderen hat man den Fehler gemacht, dass man den Stoff der früheren Master- oder Diplomstudiengänge einfach unverändert von acht oder zehn Semestern Regelstudienzeit auf sechs Semester komprimiert hat und nicht die Idee verwirklicht hat, den Bachelor praxisnah und den anschließenden Master wissenschaftsnah zu gestalten.

Die EU-Bildungsminister kündigten auch an, dass die Mobilität von Studierenden und Lehrenden weiter gefördert werden solle. Ist eigentlich in jedem Fach ein Auslandsaufenthalt notwendig, zum Beispiel in Mathematik? Ist das Erasmus-Stipendium nicht für viele eher eine Abwechslung als ein notwendiger Bestandteil des Studiums?

Barz Mag sein, dass ein Erasmus-Stipendium für manchen etwas Touristisches hat. Ich glaube aber, dass unabhängig vom fachlichen Gewinn ein Auslandsaufenthalt auf jeden Fall seine Berechtigung hat. Viele Studierende wohnen noch zu Hause. Im Ausland müssen sie endlich mal auf eigenen Beinen stehen, müssen sich in einer unbekannten Umgebung beweisen und bewähren, sich in einer fremden Sprache im Alltag ausdrücken. Es geht auch um die interkulturelle Kompetenz, die man auf diese Weise erlangt. In Spanien, in der Türkei oder in Island gehen die Uhren ja doch ein bisschen anders als bei uns. Umgangsformen, Temperament, Klima - alles ist anders. Das zu erleben ist wichtig in einer globalisierten Berufswelt.

Nach Angaben des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) halten lediglich 47 Prozent der Betriebe Bachelor-Absolventen für praxistauglich. 2007 waren es noch 67 Prozent. Erwarten die Betriebe zu viel? Oder müssen sie nicht selbst etwas für die Berufseinsteiger tun?

Barz Die Unternehmen kalkulieren heute mit immer spitzerem Bleistift und möchten Einarbeitungszeiten minimieren oder ganz streichen. Aber diese Zeit muss man jungen Leuten natürlich zugestehen. Der Untersuchung des DIHK steht allerdings eine andere gegenüber, die das Bundesbildungsministerium beim Institut der Deutschen Wirtschaft und beim Stifterverband in Auftrag gegeben hat. Da lautet das Ergebnis: Die Unternehmen sind zufrieden. In dieser Erhebung ging es darum, wie viel die Bachelor-Absolventen verdienen. Das Ergebnis: Sie verdienen genau soviel wie früher die Magister- oder Diplom-Absolventen. Demnach sieht es so aus, als würden sich die Bachelor-Absolventen doch ganz gut in den Berufsalltag integrieren. Interessant ist auch, dass sich die Einstiegsgehälter von Bachelor- und Masterstudenten kaum voneinander unterscheiden. Beide verdienen zwischen 30 000 und 40 000 Euro pro Jahr.

Noch einmal Statistik: Nur sieben von zehn Studierenden schließen ihre Hochschulausbildung ab. Sind die Abiturienten auf die Hochschule nicht mehr gut genug vorbereitet?

Barz Abitur nach zwölf Jahren ist ein Punkt in diesem Zusammenhang; ein anderer ist der Wegfall der Wehrpflicht. Studienabbrecher gab es schon immer. Die Statistiken sind im Übrigen mit Vorsicht zu lesen. Wenn jemand in Düsseldorf ein Germanistik-Studium abgebrochen hat, wissen wir nicht, ob er vielleicht anschließend in Berlin ein Spanisch-Studium beginnt und abschließt. Nicht alle, die aus einer Hochschule verschwinden, werden danach Taxi-Chauffeure. Man darf auch nicht vergessen, dass Deutschland einen flexiblen Arbeitsmarkt hat, der Leuten oft auch ohne Zertifikat einen Arbeitsplatz anbietet. Mancher hat einfach keine Zeit, zu Ende zu studieren, weil er etwa bei TV-Produktionen so viel zu tun hat, dass er gut davon leben kann.

Was ist aus Ihrer Sicht die Hauptaufgabe der Hochschulen in der Lehre ?

Barz Ich halte es nicht für schlecht, wenn Hochschulen ihre Studierenden darauf vorbereiten, dass sie im Arbeitsleben ihren Mann, ihre Frau stehen können. "Employability" (deutsch: Beschäftigungsfähigkeit) ist von daher für mich kein Schimpfwort. Ein zweiter Aspekt ist die Vermittlung dessen, was man "soft skills" nennt: präsentieren, analysieren, hinterfragen, Zeitmanagement, Teamfähigkeit, Konfliktfähigkeit. Und natürlich kommt es darauf an, neben dem Fachwissen ein umfassenderes Bild von der Gesellschaft zu vermitteln.

Quelle: RP
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