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Auslandsaufenthalt
Ich bin dann mal weg

Mönchengladbach. Ayse Özkan plante ihren Auslandsaufenthalt über Wochen und Monate. Sie kaufte sich neue Koffer, große, solche, in denen gefühlt ein ganzes Leben reinpasst. Kleider, Bücher, Fotos, Erinnerungen an ihr Leben in Deutschland, an ihre Familie, ihre Freunde. Sie suchte via Internet eine Bleibe und überlegte, in welche Kurse sie sich einschreiben will. Und trotz der ganzen Planung war selbst Stunden vor ihrer Abreise alles noch so unreal. "Erst als ich am Flughafen stand, habe ich gemerkt, dass ich für eine ganze Zeit weg sein werde", sagt die 26-Jährige. Dann liefen bei Ayse die Tränen. Von Nicole Scharfetter

Sie verabschiedete sich von ihrer Mutter, umarmte ihren jüngeren Bruder, zum Schluss war ihr Vater an der Reihe. "Ich bin ein Papa-Kind", sagt Ayse. "Er musste mich quasi zum Terminal schubsen." Der Papa blieb stark - so lange Ayse noch da war. "Wäre er es nicht gewesen, wäre ich wohl nicht gegangen", sagt die Gladbacherin.

Was nach einem schrecklich schmerzlichen Abschied klingt, ist in gewisser Weise auch einer. Im Nachhinein bereut Ayse aber keine Sekunde. Sie wollte in die Türkei, um in einem Land zu studieren, das sie nur aus dem Sommerurlaub kannte, dessen Sprache sie zu jenem Zeitpunkt zwar sprach, aber Muttersprachler sofort einen Akzent hörten. "Ich habe mich immer gefragt, wie es sein wird, als Deutsch-Türkin dort zu leben", sagt sie. Für Ayse war es nicht das erste Mal, dass sie von zuhause weg war. Als sie mit ihrem Studium der Sozialwissenschaften begann, bekam sie einen Platz in Siegen. Sie genoss die Freiheit, auf eigenen Beinen zu stehen. "Aber ich konnte auch nach Hause, wann ich wollte." Ayse arbeitete neben dem Studium, finanzierte sich so ihren Lebensunterhalt. Als sie beschloss, in Düsseldorf weiterzustudieren, zog sie wieder bei ihren Eltern in Mönchengladbach ein, um Geld zu sparen - für ihr Studium an der Ege-University in Izmir, der Partneruniversität des Fachbereichs Sozialwissenschaften der Düsseldorfer Hochschule. "Mit Bafög und dem Geld von Erasmus hatte ich fast 7000 Euro", sagt Ayse. Viel Geld für sechs Monate. Aber die Studentin wollte in der Türkei nicht nur in der Uni sitzen, sondern das Land kennenlernen, aus dem ihre Familie kommt, in dem Teile ihrer Familie noch heute leben. Sie flog extra ein paar Wochen früher, um noch durch das Land zu reisen.

Trotz der guten Vorbereitung und den Gesprächen mit der Auslandsstelle der Uni, lief beim Semesterstart nicht alles reibungslos. "Ich musste meinen kompletten Stundenplan umschmeißen", sagt sie. Ein bisschen im Stich gelassen gefühlt habe sie sich in dem Moment schon. "Aber es hat mich auch stärker gemacht." Ayse merkte schnell, wie anspruchsvoll die Vorlesungen sind. "Die Unterrichtssprache war Englisch, wir hatten pro Fach zwei Prüfungen. Nicht nur eine, wie hier." Dazu kamen Referate, Präsentationen, Diskussionen, die die Studentin vorbereiten musste. Zusätzlich belegte die Gladbacherin einen Kursus auf Türkisch, "um auch mal etwas anderes als die Alltagssprache zu hören", sagt sie. Und um Kontakt zu türkischen Studenten zu haben, nicht nur zu den Erasmus-Kommilitonen. Auch wenn ihr die besonders ans Herz gewachsen sind, vor allem ihre drei Mitbewohnerinnen. "Wir treffen uns heute noch regelmäßig", sagt Ayse.

Sevgi war es auch, die Ayse damals vom Flughafen abholte, nachdem Ayse fast vier Stunden im Flieger saß und schluchzte. Als sie aber das tolle Wetter in Izmir sah, war es vorbei mit Heimweh. "Wir haben nur schnell die Koffer in die Wohnung gebracht und sind sofort an den Strand", erzählt Ayse. Das war der Moment, als sie sich so richtig auf die sechs Monate freuen konnte.

Aus diesen sechs Monaten nahm Ayse mehr als nur bessere Fremdsprachenkenntnisse und neue Freunde mit. Sie sei selbstbewusster und selbstständiger geworden, habe keine Angst mehr vor dem Scheitern. Zweieinhalb Jahre ist ihr Trip her, und so langsam packt Ayse das Fernweh. Im Sommer wird die 26-Jährige mit ihrem Bachelor fertig sein, "danach ziehe ich nach Istanbul", sagt sie. Ayse will in der Medienbranche arbeiten, wohlwissend, "dass es in der Türkei nicht so einfach ist für Medienleute", sagt sie. Deswegen werde sie auch nie ganz die Zelte in Deutschland abbrechen.

Quelle: RP
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