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In der Bewerbung besser nicht schummeln

Wer den Lebenslauf mit Erfahrungen anreichert, die so nie stattgefunden haben, riskiert Probleme am Arbeitsplatz. Wichtig dagegen ist es, eigene Stärken auch als solche zu erkennen. Von Karin Wilcke

Nie war die Zahl derer, die erfolgreich ein Studium abschließt, größer als heute. Und entsprechend groß ist auch die Konkurrenz um den ersten Job nach dem Studium. Plötzlich erscheinen einem die lieben Kommilitonen viel fitter für den Arbeitsmarkt als man es selbst ist. Die anderen haben die tollsten Praktika absolviert oder interessante Auslandsaufenthalte vorzuweisen.

Da kann der Gedanke nahe liegen, den eigenen Lebenslauf auch mit entsprechenden Aktivitäten aufzuwerten. Wer will schon überprüfen, ob ich nach dem Abi wirklich ein Jahr in Australien war oder nur hier zuhause ein Jahr "Pause" gemacht habe? Und ein Auslandssemester in den USA macht sich doch auch gut, oder?

Doch so eine Mogelei kann gründlich schiefgehen. Arbeitgeber überprüfen viel mehr, als man denkt, und Facebook, Twitter und Co. machen das heute auch sehr leicht. Aus meinem Beratungsalltag kenne ich Fälle, in denen noch viele Jahre nach einem Job der damalige Arbeitgeber angerufen und nach seinem Eindruck vom Bewerber befragt wurde. Peinlich, wenn dann auffliegt, dass man dort niemals gearbeitet hat.

Negativ ist eine entdeckte Schummelei immer: Ich verliere das Vertrauen meines Chefs und meiner Kollegen, und schlimmstenfalls verliere ich meine Stelle. Wenn ich so dreist gewesen bin, eine Bescheinigung oder ein Zeugnis zu fälschen, kann ich damit sogar vor Gericht landen, denn das ist kein Kavaliersdelikt.

Doch selbst wenn der zukünftige Arbeitgeber meine Angaben gar nicht prüft, ist es schon schwer genug, ein Bewerbungsgespräch zu überstehen, bei dem ich meine Tätigkeit im erfundenen Praktikum oder meine Eindrücke von meinem Gastland, in dem ich nie war, schildern soll. Wer hat schon so viel Fantasie?

Wenn ich mit Absolventen spreche, die meinen, ihr Lebenslauf sei nicht gut genug, stelle ich in vielen Fällen fest, dass sie ihre echten Erfahrungen viel zu gering einschätzen. Da wird die jahrelange Mitarbeit im Familienbetrieb nicht erwähnt, weil "es ja nur bei den Eltern war".

Oder aber Stationen im Lebenslauf werden ganz unkommentiert angegeben, wie zum Beispiel: drei Monate in einem Hotel in Florida. Das klingt nach Urlaub. Nein, sie habe dort gejobbt, erklärt mir die Absolventin. Sie sei für aufgebrachte Hotelgäste zuständig gewesen, die sie dann mit einem besseren Zimmer oder einem Gratisessen beruhigt habe. Mit anderen Worten: Diese Bewerberin kann so gut Englisch, dass sie in einem amerikanischen Hotel im Beschwerdemanagement arbeiten konnte, und das mit Menschenkenntnis und Einfühlungsvermögen wohl auch erfolgreich tat. Weil das aber ein bezahlter Job und kein Praktikum war, der auch nichts mit ihren Studienfächern zu tun hatte, hat sie ihn nicht für wichtig genug gehalten, ihn ausführlicher in ihrem Lebenslauf zu beschreiben.

Und damit steht diese Absolventin nicht allein: Die meisten Studenten glauben nämlich, dass spätere Arbeitgeber nur Praktika interessant finden, die auch so heißen, und lassen Joberfahrungen oder ehrenamtliche Arbeit einfach unter den Tisch fallen. Dabei kann man gerade mit Nebenjobs oder sozialem Engagement, die oft Stressresistenz oder besondere Flexibilität verlangen, bei Arbeitgebern Punkte sammeln. Und das ganz ohne zu schummeln.

Quelle: RP
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