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Wahl der zweiten Fremdsprache
Latein oder Französisch?

Latein oder Französisch? - Die schwierige Wahl der zweiten Fremdsprache
An vielen weiterführenden Schulen müssen Fünftklässler und deren Eltern diese Frage bald entscheiden. FOTO: dpa
Düsseldorf. Sollte man nicht statt Latein eine lebendige Fremdsprache wählen, die man beim Schüleraustausch anwenden kann? Vor dieser Wahl stehen gerade viele Schüler in NRW. Bei der Entscheidung sollte der Lerntyp eine Rolle spielen. Von Dorothee Krings

"Gallia est omnis divisa in partes tres" – Gallien in seiner Gesamtheit zerfällt in drei Teile. Viele ehemalige Lateinschüler können ihn noch aufsagen, den Anfang des berühmten Berichts des Gaius Iulius Caesar über den Gallischen Krieg (58 bis 51/50 v. Chr.). Doch bis ein Jugendlicher dieses große Werk des Lateinkanons übersetzen kann, muss er viele Lektionen Vokabeln und Grammatik büffeln.

Man wird ihn in geheimnisvolle Konstruktionen wie den "AcI" und den "Abl. abs." einführen, wird ihn a-, o- und u-Deklinationen herbeten lassen und mit allerlei halbvergnüglichen Texten über den Alltag römischer Bauern oder den Ausbruch des Vesuv zu ködern versuchen. Das Lebendigste in der Lateinstunde wird der kurze Austausch von Weckrufen zwischen Lehrer und Schülern zu Beginn der Stunde sein: "Salve, Magister! Salvete, discipuli!"

Dafür wird der Lateinschüler bis zu Beginn des "Gallischen Kriegs" sein analytisches Denken geschult, den Aufbau einer Sprache studiert und anhand originaler Texte die Geschichte Europas erkundet haben. Die Frage bleibt: Lohnt die Mühe?

"Latein ist eine Sprache, durch die man lernt, wie Sprache funktioniert"

An vielen weiterführenden Schulen müssen Fünftklässler und deren Eltern diese Frage bald entscheiden. Die Schüler stehen vor der Wahl, Latein als zweite Fremdsprache zu wählen oder doch lieber auf eine noch gesprochene Sprache wie Französisch oder Spanisch zu setzen, die Tore in die Welt öffnen kann. Altphilologen führen in der Regel ins Feld, dass viele europäische Sprachen, darunter Englisch, aus dem Lateinischen hervorgegangen sind, dass es auf der Basis von Latein also leichter ist, andere Fremdsprachen zu lernen und Fremdwörter sowie Fachbegriffe etwa in Biologie oder Medizin herzuleiten.

"Außerdem ist Latein eine Sprache, durch die man zugleich lernt, wie Sprache funktioniert", sagt Sabine Vogt, Vorsitzende des Deutschen Altphilologenverbandes. Diese analytische Herangehensweise helfe Schülern, die Struktur von Sprache zu erkennen, zu verstehen, wie Sätze und Tempussysteme funktionieren. "Studien zeigen, dass diese metasprachliche Kompetenz zurückwirkt auf den Gebrauch der Muttersprache", sagt Vogt. Auch bei der Integration von Kindern anderer Herkunft sei Latein deswegen hilfreich. Dazu gibt Latein Einblick in die griechisch-römische Kultur, die Basis des Christentums. Und wer durchhält, kann in höheren Klassen die Raffinesse antiker Verskunst etwa eines Ovid kennenlernen.

Kinder wissen noch nicht, wo ihre Talente liegen

"Wenn man keine Karriere in der katholischen Kirche plant, ist Latein zu lernen schlecht investierte Zeit", sagt dagegen Anatol Stefanowitsch, Professor für Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Er glaubt nicht, dass Latein das Erlernen weiterer Fremdsprachen erleichtert. "Mit jeder neuen Sprache wird es leichter, noch eine weitere Sprache zu durchdringen, weil man Grammatik-Strukturen kennenlernt; das ist kein Privileg des Lateinischen."

Auch das Herleitungsargument findet er schwach, weil man sich Fremdwörter genauso aus dem Italienischen oder Französischen erklären könne. Diese Sprachen hätten aber den enormen Vorteil, dass sie der lebendigen Verständigung dienten. Statt die Latein-Debatte zu führen, hält Stefanowitsch es für angebracht, über die Wahl unter den lebendigen Sprachen nachzudenken. "Französisch kann im Rheinland sinnvoll sein, denn Frankreich liegt nicht weit entfernt", sagt Stefanowitsch. Global gesehen sei allerdings Spanisch interessanter, weil es von mehr Menschen gesprochen werde.

So erscheint die Wahl der Fremdsprache inzwischen wie eine frühe Entscheidung über Karrierewege. Das erklärt den Druck, den Schüler und Eltern deswegen empfinden. Die Kinder wissen noch nicht, wo ihre Talente liegen und was sie einmal werden wollen, sollen aber Weichen stellen. Doch allzu weit blickende biografische Überlegungen sind gar nicht nötig, sagen die Experten. Die Betroffenen sollten sich lieber nach dem richten, was sie einschätzen können: etwa, zu welchem Lerntyp ein Kind gehört.

Eine Frage des Typs

"Extrovertiert kommunikative Schüler sollten die lebendige Sprache wählen, analytische Kinder, die gern tüfteln, eher Latein", sagt Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, der als ehemaliger Schulleiter viele Beratungsgespräche geführt hat. "In jedem Fall sollte das Kind die Entscheidung mittreffen", rät Kraus, dann übernehme es auch Verantwortung. Es könne hilfreich sein, Schüler schon mal in das erste Lehrbuch für Latein und Französisch schauen zu lassen, damit sie sich ein Bild machen können. Oft sei es auch ratsam, den Englischlehrer eines Kindes nach dessen Einschätzung zu fragen.

Sabine Vogt glaubt dagegen, dass man bei Schülern eher zwischen sprachbegabten und naturwissenschaftlich orientierten Kindern unterscheiden sollte, statt die Sprachen gegeneinander auszuspielen. Wenn ein Kind kommunikativ veranlagt sei und etwa im Englischunterricht munter drauflosrede, bedeute das noch lange nicht, dass ihm Latein keinen Spaß machen werde. "Latein öffnet nur einen anderen Blick auf Sprache", so die Professorin. Allerdings räumt sie ein, dass Jugendliche für Latein Disziplin und langen Atem benötigen: "Wer in Latein erfolgreich sein will, muss verinnerlicht haben, dass man täglich lernen muss."

Latein ist also kein Fach für "Bulimielerner", die kurz vor der Arbeit viel Stoff schlucken – und danach schnell wieder vergessen. Französisch aber wohl auch nicht. Auch muss Latein nicht stumpfes Pauken bedeuten. Es gibt inzwischen zahlreiche Methoden, die es Schülern erleichtern, am Ball zu bleiben, etwa Vokabeltrainer für das Smartphone.

Die Entscheidung für oder wider Latein ist also eine Typfrage – und auch deswegen so schwierig, weil es keine letztgültigen Argumente gibt. Kraus rät daher vor allem zu Gelassenheit: "Durch die Wahl der Fremdsprache werden keine Karrieren entschieden."

Quelle: RP
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