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Amsterdam
Amsterdam: Lernen bis zum Pausengong

Lernen: Study Share beruht auf der Tomaten-Technik
In der Openbare Bilbiotheek Amsterdam beendet eine Klingel die 45-minütige Lerneinheit. FOTO: NN
Amsterdam. Ruheraum, Handyverbot und eine tickende Küchenuhr: Immer mehr Studierende in den Niederlanden nutzen das Zeitmanagement-Konzept "StudyShare", um sich auf Klausuren vorzubereiten. Es basiert auf der "Tomaten-Technik". Von Jessica Balleer

Etwa ein Jahr ist es her, als dem Bibliothekar Frank Verbeek das Verhalten einer Studentin auffiel. "Sie kam in die Bibliothek und hat Bücher und PC auf den Tisch gelegt", erinnert er sich. Stundenlang habe sie dort gesessen. Nur gelernt hat sie nicht. "Die Studentin war ununterbrochen mit ihrem Handy beschäftigt." Ein Schlüsselerlebnis für den Bibliothekar aus Amsterdam, der sich Gedanken machte und begann, nach Zeitmanagement-Konzepten zu suchen. Verbeek entwickelte eine eigene Methode, die auf der "Pomodoro-Technik" ("Tomaten-Technik") des Italieners Francesco Cirillo basiert - und unter anderem die Abgabe des Handys beim Lernen vorsieht. Das Lernkonzept "StudyShare" nahm Form an.

Einmal pro Jahr organisiert die Openbare Bibliotheek Amsterdam (OBA) den Mitarbeiter-Wettbewerb "Innovation prize", um kreative Ideen des Personals zu nutzen und das Bibliotheksangebot weiter zu verbessern. Mit "StudyShare" belegte Frank Verbeek vergangenes Jahr Platz zwei. Nach vier Pilot-Einheiten und der engen Zusammenarbeit mit den Amsterdamer Studierenden hat sich das Konzept mittlerweile durchgesetzt - und wird von den Studierenden regelrecht gehypt.

In den Lerneinheiten sind soziale Medien und Gespräche nicht erlaubt. Eine Aufsicht sorgt dafür, dass Ruhe herrscht und die Tür des Ruheraums geschlossen bleibt. Der Lernraum erinnert an ein Klassenzimmer. Auf dem "Lehrerpult" steht eine kleine, tickende Uhr. Bei Francesco Cirillos "Pomodoro-Technik" war das eine Küchenuhr in Tomatenoptik, daher der Name "Pomodoro" - zu deutsch: Tomate.

In Amsterdam tickt eine handelsübliche Eieruhr. Die 45-minütige Lernphase beginnt, wenn die Aufsicht zum ersten Mal auf die Klingel neben der Küchenuhr schlägt. Klingelt es erneut, folgen 15 Minuten Pause - und damit Zeit für Kaffee, Erholung und einen Blick auf das Smartphone-Display. Dann folgt die nächste 45-Minuten-Lerneinheit, so geht es immer weiter. "Der Uhrentakt wirkt fast hypnotisch auf die Teilnehmer", sagt Mitarbeiterin Katrin Schultz, die regelmäßig Aufsicht führt. Die Studenten kämen in eine Art "Lern-Flow", weil keine Ablenkung im Raum ist. "Nachmittags gehen sie zufrieden nach Hause und haben sich ihren Feierabend verdient", sagt Schultz.

"Die Abgabe des Smartphones schafft Freiheit im Kopf", sagt Ideengeber Frank Verbeek. FOTO: Martin de Jong

Das Prinzip von "StudyShare" ist einfach. Und es ist eine kostengünstige Variante, um effektiv zu lernen. Für die Teilnahme an den Kursen zahlen Studierende nichts. Verbeek ist überzeugt von dem Konzept: "Das Smartphone abzugeben, ermöglicht eine Freiheit im Kopf für neue Gedanken." Derzeit bietet die OBA "StudyShare" viermal pro Jahr an, immer in einem Zeitraum von zwei bis drei Wochen kurz vor den Klausuren. Den Raum stellt die Bibliothek zur Verfügung.

Ohnehin wirbt die Amsterdamer Bibliothek mit Innovation. Nicht nur Bücher, CD's und Filme gibt es hier. Unter dem Dach befinden sich auch ein Theater, ein Restaurant und ein Kinosaal. Es gibt Gruppenräume und die "Orte der Stille", in denen hochwertige Möbel zum Wohlfühlen und Lernen anregen. Sie sind Orte des flexiblen Lernens, Lehrens und der Begegnung. "StudyShare" ist hier bisher einzigartig.

Erste Versuche, das Konzept auch in anderen öffentlichen Bibliotheken einzuführen, gab es allerdings schon. Auch in der University of Amsterdam hat Frank Verbeek seine Idee bereits vorgestellt, denn viele Studierende mit Lernproblemen hatten ihre positiven Erfahrungen mit dem Lernkonzept an die Universitäts-Psychologen weitergegeben. "Wir wollen das Konzept noch ausweiten", sagt Verbeek.

Quelle: RP
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