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Dozenten-Leben
Lieber Plan A plus statt Plan B

Sie bräuchte ganz dringend einen Plan B, sagt die Studentin, als sie einen Termin bei mir vereinbart. Sie ist drei Mal durchs Physikum gefallen. Das bedeutet, dass sie ihr Medizinstudium nicht fortsetzen kann, weder an der bisherigen noch an einer anderen Uni. Wie schwer ihr der Abschied von ihrem Traumberuf fällt, merke ich schnell, denn kaum sitzt sie mir gegenüber, fließen die Tränen. In so einem Fall ist es gut, sich erst einmal ganz in Ruhe zu orientieren, sich eine Auszeit vom Studium zu nehmen und in zwei oder drei Praktika neue Berufsfelder zu erkunden. Von Karin Wilcke

Nein, das will sie auf keinen Fall, sie will nahtlos in ein anderes Studium einsteigen, um keine Zeit zu verlieren. Mein Einwand, dass sie im Moment gar nicht in der Verfassung sei, eine so weitreichende Entscheidung zu treffen, verhallt ungehört. Ein Studienfach muss her, das nach sechs Semestern einen Abschluss bietet, der den sofortigen Berufseinstieg erlaubt und ein gutes Einkommen garantiert. Da kommen eigentlich nur Ingenieurstudiengänge infrage. Ja, dann studiere sie eben Medizintechnik, das sei ja auch sehr angesehen. Sie habe schließlich einen Abi-Schnitt von 1,2, damit sei sie sowieso für alles geeignet. Ganz vorsichtig versuche ich, den Unterschied zwischen Eignung und Neigung zu besprechen, stoße aber auf taube Ohren.

Im Grunde geht es ihr gar nicht um einen Plan B, denn mit dem hätte sie lebenslang das Gefühl, beruflich nur die zweite Wahl zu machen. Viel mehr geht es um einen Plan A plus, etwas, das sie mindestens so begeistert, wie ihr erstes Berufsziel. Gerade die Top-Abiturienten haben oft den Anspruch, etwas Besonderes und das auch noch besonders gut machen zu müssen. Dabei geht es um den Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Setze ich mich mit den an mich selbst gestellten Anforderungen tatsächlich so unter Druck, dass ich gar nicht mehr erkennen kann, was wirklich zu mir passt? Werde ich damit überhaupt die Möglichkeit haben, ein zufriedenes Berufsleben zu gestalten? Ich wäre ja auch liebend gerne eine berühmte Pianistin geworden. Aber irgendwie ist mir das nicht gegeben.

Quelle: RP
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