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Münster
Manege frei an der Uni

Münster. Zirkus und Wissenschaft - in Deutschland bisher nicht der Forschung wert. Von Thomas Krämer

Gastiert ein Zirkus in einer deutschen Universitätsstadt, so steht das Zelt bestenfalls in der Nähe der Alma Mater. Zu einem Gegenstand akademischen Interesses oder gar zur Zirkuswissenschaft selbst haben es die Löwen, Clowns und Akrobaten der Manege hierzulande noch nicht gebracht. Geht es nach dem Willen von Franziska Trapp, soll sich das ändern.

Obwohl derzeit noch immer rund 300 Zirkusse, oftmals Familienunternehmen, durchs Land reisen, sucht man einen Lehrstuhl für Zirkuswissenschaft vergebens an einer deutschen Hochschule. "Bisher haben sich höchstens Einzeldisziplinen wie Anthropologie, Theaterwissenschaft oder Semiotik mit zirkusnahen Themen beschäftigt", erklärt Franziska Trapp, selbst Literaturwissenschaftlerin an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Franziska Trapps Interesse am Leben in der Manege ist nicht rein wissenschaftlicher Natur. Mit zwölf entdeckte sie das Leben unter dem Chapiteau für sich. Die Faszination dieser anderen Welt teilte sie schnell mit anderen Kindern, eine erste "Kompanie" Gleichgesinnter fand sich rasch zusammen. "Daraus ist eine Varieté-Gruppe entstanden; die besteht jetzt noch."

Wenn sie der universitären Erforschung des Zirkus in ihrer Heimat zum Durchbruch verhelfen wollte, das war Franziska Trapp bald klar, dann musste sie eine gewisse Zeit im Ausland studieren. Länder wie Frankreich, Kanada oder Schweden sind Deutschland auf diesem Fachgebiet weit voraus: "In Schweden zum Beispiel kann man den Master in Circus Arts machen." Trapp selbst ging 2012 mit einem Erasmus-Stipendium für ein Jahr an die Sorbonne und arbeitete sogar in der Produktion und Administration des bekannten "Festival Mondial du cirque de Demain" in Paris.

Kein Zufall also, dass von dort seit den 70er Jahren die Entwicklung zum zeitgenössischen Zirkus "Nouveau Cirque" ausging. Typisch für das neue Genre der darstellenden Kunst: Eine Geschichte wird durch traditionelle Zirkuskunst erzählt - ohne Tierquälerei, versteht sich. "Da zeigt der Zirkus eindrucksvoll seine Möglichkeiten, relevante Themen anders aufzugreifen als das Theater", erläutert Trapp.

Zurück in Deutschland war Franziska Trapp zwar zunächst erneut als Einzelkämpferin für ihre Sache unterwegs. Aber die neugewonnenen Kontakte sollten sich als ausgesprochen nützlich erweisen, um eine erste internationale Tagung zum Thema "Semiotics of the Circus" auf die Beine zu stellen. "Die Tagung ist auf großes Interesse der Fachwissenschaftler gestoßen." Immerhin 72 Teilnehmer aus 16 Nationen trafen sich am Schlossplatz vor dem Uni-Hauptgebäude - stilecht unter der Zeltkuppel des "Cirque Bouffon", der gerade in Münster gastierte. "Das Bedürfnis, sich miteinander auszutauschen und zu vernetzen, war besonders groß", so das Resümee der Initiatorin.

Daher steht eine Wiederholung der Veranstaltung in 2017 bereits fest auf ihrer Agenda. Ob sich ihr Wunsch, den Zirkus als Forschungsgegenstand an deutschen Hochschulen zu etablieren, in der Zukunft erfüllen wird, weiß Franziska Trapp natürlich nicht. "Aber ich hoffe doch, dass ich in zwanzig Jahren einen Lehrstuhl für Zirkuswissenschaft habe", sagt sie augenzwinkernd.

Quelle: RP
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