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Hochschule
Mutter werden im Studium

Duisbrug. Janne Schorer hat während ihres Studiums bewusst ein Kind bekommen, weil das für den besten Zeitpunkt hielt. Von Carolin Skiba

Die Frage, ob Lysander ein Wunschkind ist, beantwortet Janne Schorer mit einem Strahlen. Sie kann verstehen, warum sie das gefragt wird. Der Zeitpunkt, den sie und ihr Partner sich zum Eltern werden ausgesucht haben, erscheint nicht jedem als ideal - als Schorer schwanger wurde, steckte sie mitten im Studium. "Für uns war es der beste Zeitpunkt", sagt die junge Mutter. Niemals sonst würde sie so viel Zeit für ihr Kind haben, dachte sie damals. Außerdem müsse sie später nicht mehr aus dem Job raus, weil ihr Kind bis zu ihrem Eintritt ins Arbeitsleben schon aus dem Gröbsten wäre.

Zwei Jahre später, Schorer ist mittlerweile 24 Jahre alt, ihr Sohn anderthalb, ist sie zwar nicht weniger überzeugt von ihrer damaligen Entscheidung, ein Kind zu bekommen. Ein bisschen einfacher habe sie sich das Ganze aber schon vorgestellt, gibt sie zu. Studium und Kind seien eben doch zwei Bereiche, die - jeder für sich - viel Aufmerksamkeit bräuchten. Im Zweifel siege natürlich immer das Kind. Ihr Studium der Politikwissenschaft hat Schorer bald beendet, "allerdings bin ich jetzt auch schon im elften Semester", sagt sie. Bei der Wahl ihrer Kurse sei mittlerweile ausschlaggebend, wann sie stattfinden - Abendtermine sind tabu und Treffen mit Freunden rar. "Klar war das am Anfang eine Umstellung, aber wir haben uns ja bewusst entschieden, jung Eltern zu werden." Schorer hat ihren Sohn auch schon mal mitgenommen in eine Vorlesung. "Er war aber zu unruhig, deshalb mache ich das nicht mehr", sagt sie.

Damit die Uni dennoch nicht zu kurz kommt, bedarf es einer guten Planung und Unterstützung. Unizeit ist für Schorer immer dann, wenn Lysander in der Kita ist. Die besucht er bereits, seitdem er zehn Monate alt ist. Von montags bis freitags, neun bis 16 Uhr. "Am Anfang war es ganz merkwürdig für mich, ihn hier abzugeben", sagt Schorer. Doch mittlerweile sei das ok, weil sie sich sehr wohl und bestens aufgehoben fühle. Das liegt zum größten Teil daran, dass die Kita Campino spezialisiert ist auf Mütter wie sie, also Mütter, die noch studieren. "Wir sind eine Kita des Studentenwerks", erklärt Jessica Klink, Leiterin der Kita, die nahe des Duisburger Campus' liegt. 50 Kinder im Alter von vier Monaten bis zum Schuleintritt werden dort von pädagogischen Fachkräften betreut. "Wir sind darauf eingestellt, dass sich bei den Eltern viel um das Studium dreht, dass sie manchmal ein bisschen früher oder später kommen, weil sie noch einen wichtigen Uni-Termin haben", sagt Klink. Für Schorer zählt noch mehr als das: "Es ist schön, dass man mit den Müttern die gleichen Themen hat", sagt sie. Hier gehe es nicht ausschließlich um Windeln und Essgewohnheiten, sondern auch um das Vorankommen im Studium oder sonstige Probleme, die sich im Hochschul-Alltag ergeben.

Auch an der Uni hatte Schorer großes Glück, sagt sie. "Das lief alles relativ problemlos. Die Dozenten sind mir sehr entgegengekommen." Das ist nicht immer der Fall, weiß Johanne Peito vom Studierendenwerk Essen-Duisburg. "Manchen Dozenten ist es völlig egal, ob ihre Studenten schwanger sind", sagt sie. Die müssten selbst schauen, wie sie alles geregelt bekommen. Bei Schorer war das anders. "Ich konnte alles informell mit dem Prüfungsamt besprechen und wir haben für mich passende Lösungen gefunden." So sei es kein Problem gewesen, dass sie in den Mutterschutz gegangen ist. "Ich glaube, dass viele meiner Dozenten selbst Kinder haben und deshalb so verständnisvoll reagiert haben", sagt Schorer. Gesetzlich geregelt ist das bislang nicht. Erst kürzlich hat der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Mutterschutz auch für Studentinnen und Schülerinnen gefordert. Es sei nicht nachzuvollziehen, warum Schülerinnen und Studentinnen von einer geplanten Neuregelung des Mutterschutzes ausgenommen werden sollten, sagte die DGB-Vizechefin Elke Hannack. "Wer den Mutterschutz wirklich stärken will, der darf keine Ausnahmen zulassen." Ein Gesetzentwurf von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) hatte vorgesehen, den Mutterschutz auch auf Studentinnen und Schülerinnen auszudehnen. Dagegen gab es Widerstand, nach Medienberichten wandte sich Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) dagegen. Und das, obwohl Schorer eine von vielen ist. Eine Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks aus dem Jahr 2012 besagt, dass im Sommersemester 2012 fünf Prozent aller Studierenden mindestens ein Kind hatten, Frauen mit sechs Prozent anteilig etwas häufiger als Männer (vier Prozent). Hochgerechnet auf alle Studierenden waren im Sommersemester 2012 rund 101.000 Studierende mit Kind immatrikuliert, darunter 56.000 Frauen und 45.000 Männer. Damit stieg die Anzahl Studierender mit Kind seit 2009 um etwa 6500. Eine Ursache für diese Entwicklung ist die gestiegene Anzahl an Studierenden insgesamt. "Auch ein veränderter Lebenswandel spielt eine Rolle", sagt Peito. Viele würden somit einem "Karriereknick" entgehen oder wollten schlicht jung Eltern werden.

Abgeschreckt werden viele durch den finanziellen Aspekt. Bei Schorer, die durch Kindergeld, Halbwaisenrente und einen gut verdienenden Partner abgesichert ist, kein allzu sorgenvolles Thema. Doch nicht jedem geht es so. Gerade Studenten, die ohnehin meist nicht viel Geld haben, können durch ein Kind in eine schwierige Lage geraten. Doch es gibt Hilfe. Neben Kindergeld, Elterngeld und Betreuungsgeld kann man Mutterschaftsgeld oder Kinderzuschlag beantragen. Auch gibt es die Möglichkeit, das Bafög aufzustocken. Wer Hilfe sucht, findet sie in der Regel beim Studierendenwerk oder beim Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) der jeweiligen Universität. "Gerade das Studierendenwerk ist auf solche Fragen spezialisiert und kann über Angebote und Möglichkeiten informieren", sagt Peito. Und auch wenn es nicht immer einfach ist, mit der richtigen Unterstützung sei Studieren mit Kind nicht unmöglich.

Quelle: RP
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