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Düsseldorf
Nach dem Berufseinstieg in den Hörsaal

Düsseldorf. Die Zahl älterer Studenten steigt. Sie haben es nicht immer leicht, doch das späte Studium kann sich trotzdem lohnen. Von Tanja Karrasch

Marcel Kleer hat sein Bachelorstudium mit 35 Jahren abgeschlossen. Vor drei Jahren entschied er sich nach einer Ausbildung und einigen Jahren im Beruf doch noch zu einem Vollzeit-Studium an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen, sein Chef hatte ihn dazu ermutigt. "Alle Freunde meinten: Marcel du willst mit 32 noch studieren? Um Gottes willen! Aber ich hatte ein gutes Bauchgefühl dabei und wollte es zumindest ein Semester ausprobieren", erinnert er sich an die Anfangszeit. Er zog das Studium durch. "Auch wenn es finanziell unsicher und schwer war."

Kleer ist kein Einzelfall: Die Zahl der älteren Studenten steigt. An der TH Köln studieren aktuell 765 über 40-Jährige, das sind drei Prozent aller Studenten der Hochschule. 2013 waren es nur 594. Die Hochschule Düsseldorf zählt 697 über 35-jährige Studenten, 297 davon sind über 40. Sie machen ebenfalls drei Prozent aller Studierenden aus. An der privaten Hochschule für Ökonomie und Management FOM studieren bundesweit über 35.000 Menschen, 1163 davon sind über 40. Diese Zahl sei in den vergangenen drei Jahren verglichen mit der Gesamtheit der Studierenden überproportional gestiegen, bestätigte eine Sprecherin der Hochschule unserer Zeitung.

Trotz steigender Zahlen machen die älteren Studenten insgesamt also immer noch nur einen geringen Teil der Studierenden aus. Dabei sollten seit dem Bologna-Prozess zumindest ältere Masterstudenten eigentlich keine Ausnahme mehr sein. Denn mit der Einführung des zweistufigen Studienabschlusses, Bachelor und Master, sollte es Studenten ermöglicht werden, bereits nach drei Jahren Studium in den Beruf einzusteigen, um dann mit Berufserfahrung gegebenenfalls zurück an die Hochschule zu kommen und den Master-Abschluss draufzusetzen.

Doch es trauen sich nur wenige, mit dem Bachelor in den Beruf einzusteigen. "75 bis 80 Prozent der Studenten machen den Master direkt im Anschluss an den Bachelor", so Pressesprecher Stefan Grob vom Studentenwerk Deutschland.

Lebenslanges Lernen, Weiterbildung, höhere Qualifikation - das ist auch seitens der Politik erwünscht, zumindest theoretisch. Bei der Umsetzung bleiben die Menschen sich dann aber selbst überlassen. Stefan Grob benennt eine Diskrepanz zwischen den hochschulpolitischen Forderungen und dem Bundesausbildungsförderungsgesetz, kurz Bafög. Es ist die Frage nach der Finanzierung, die viele Interessierte bisher abschreckt. Die finanzielle Unterstützung gibt es für das Erststudium nur bis 30, für das Masterstudium bis 35. Das Risiko, den sicheren Job mit festem Gehalt zu kündigen, scheint dann wohl vielen zu hoch.

Wer sich später für ein Studium entscheidet, hat Pech gehabt. So wie Kleer. Er verkaufte sein Auto, jobbte nach den Vorlesungen und lebte auf Sparflamme. "Wir fordern schon seit Jahren, die Altersgrenze abzuschaffen", sagt Grob dazu.

Anders ist das bei Studierenden, die ohne Hochschulzugangsberechtigung aufgrund ihrer beruflichen Qualifikation eingeschrieben wurden. Das ist seit der Kultusministerkonferenz 2009 möglich. Beruflich Qualifizierte können auch bei Überschreiten der Altersgrenze Bafög beantragen.

Nach Angaben des CHE Centrum für Hochschulentwicklung gehören vor allem Angebote für Distance-Learning und zeitlich flexible Lernmöglichkeiten zu den Faktoren, die Hochschulen für beruflich Qualifizierte attraktiv machen. Dennoch haben sie es nicht unbedingt leicht an deutschen Hochschulen: Sie fallen einer neuen Fallstudie zufolge häufiger durch Prüfungen als die Kommilitonen mit Abitur. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie das Studium abschließen, ist fast 20 Prozent geringer. Die Forscher hatten die Daten von über 1100 Studierenden eines Fachbereichs einer deutschen Universität ausgewertet. "Menschen, die sich später für ein Studium entscheiden, bringen häufig eine sehr hohe Motivation mit, auf die man gut aufbauen kann. Fehlendes theoretisches Vorwissen lässt sich jedoch nicht immer so leicht kompensieren", sagt Matthias Jaroch vom Deutschen Hochschulverband. Und auch die Lebensumstände der älteren Studenten bringen oft andere Verpflichtungen mit sich, so wie feste Partnerschaften, Ehen, Kinder und parallele Arbeitsstellen.

Marcel Kleer ist stolz auf seinen Bachelorabschluss, das späte Studium hat sich gelohnt: "Ich habe nicht nur beruflich andere Chancen als vorher, ich bin auch noch einmal persönlich daran gewachsen."

Quelle: RP
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