| 21.25 Uhr

Serie Bildung
"Das Gymnasium ist keine Schule für alle"

RP-Serie Bildung: "Das Gymnasium ist keine Schule für alle"
Ingrid Habrich, die Vorsitzende der rheinischen Direktoren, und Ulrich Czygan. FOTO: Endermann
Düsseldorf. Eltern und Lehrer sind nicht immer die besten Freunde – zu unterschiedlich sind oft die Vorstellungen daheim, was die Schule zu leisten hat. Ingrid Habrich, die Vorsitzende der rheinischen Direktoren, und Ulrich Czygan von der Landeselternschaft dagegen demonstrieren im Interview Einigkeit. Von Frank Vollmer

Wäre Schule eigentlich ganz schön, wenn nur die Eltern nicht wären?

Habrich (lacht) Keinesfalls! Schule funktioniert nur, wenn Eltern, Schüler und Lehrer zusammenarbeiten.

Haben Eltern heute häufiger unrealistische Erwartungen, was den Bildungserfolg ihrer Kinder angeht?

Habrich Eltern reagieren heute empfindlicher zum Beispiel auf Unterrichtsausfall. Es gibt auch Eltern, die sagen: Ich möchte, dass mein Kind an dieser Schule Abitur macht, obwohl die Noten nicht ausreichen. Das sind aber Ausnahmen.

Lieber Helikopter-Eltern als solche, die sich gar nicht für Schule interessieren?

Czygan Weder noch. Das Problem auf die Eltern zu reduzieren, ist zu einfach. Die Politik macht ja die Vorgaben, etwa die Abiturientenquote zu steigern. Das erhöht den Druck.

Müssen die Eltern heute mehr ausgleichen, was die Schulen nicht mehr hinbekommen?

Czygan Die Rückmeldung bekomme ich, ja. Allerdings hat sich auch die Mentalität geändert: Nachhilfe dient nicht mehr nur zum Defizitausgleich, wenn jemand auf Fünf steht, sondern auch zur Leistungsoptimierung bei einer Zwei minus.

Habrich An Gymnasien gibt es heute erheblich mehr Förderung als früher. Nachhilfe ist nur dann eine gute Idee, wenn es eine Lücke auszugleichen gibt, nicht um eine bessere Note zu erzielen. Auch Nachhilfe muss ja nachgearbeitet werden – irgendwann schaffen das die Kinder nicht mehr.

Czygan Wie soll jemand selbstständig arbeiten, der sein ganzes Schulleben lang gecoacht wurde?

Was steckt hinter diesem Optimierungswillen? Angst, nicht den höchsten Abschluss zu schaffen?

Czygan Ja. Das ist ja kein Wunder, wenn man sich die massiv gestiegene Numerus-clausus-Belegung vieler Studienfächer anguckt.

Habrich Ich würde eher von Ehrgeiz der Eltern sprechen als von Angst als Hauptmotiv. Und das ist ja auch erstmal verständlich.

Czygan Dabei sagt die Note zunächst wenig über meine Qualifikation aus. Die Einsnuller sind nicht garantiert die besten Ärzte, und wer in Latein, Mathematik und Physik exzellent ist, kann deshalb noch lange nicht mit Patienten umgehen.

Sind wir also zu notengläubig?

Czygan Nicht unbedingt. Die Note ist nicht alles. Andererseits bewältigt, wer ein gutes Abi hat, eher die Stofffülle des Medizinstudiums.

Habrich Aber es ist nicht unsere Aufgabe, die Schüler darauf vorzubereiten, ein erfolgreicher Arzt zu sein, das geschieht nach der Schule. Wir legen das Fundament, unsere Aufgabe ist die allgemeine Bildung, auch die Persönlichkeitsbildung. Gute Noten garantieren daher noch längst keinen Erfolg im Leben.

Ist denn, wer gute Noten in Latein, Mathe und Physik hat, zumindest schon mal ordentlich gebildet?

Habrich Gute Noten sind nicht schädlich als Bildungsnachweis. Zu guten Noten gehört aber auch Fleiß. Der ist kein Bestandteil von Bildung, aber ein Persönlichkeitsmerkmal, das im Leben weiterhilft.

Warum haben so viele Eltern die Sorge, für ihre Kinder nach Klasse vier die falsche Entscheidung zu treffen?

Czygan Weil unser Schulsystem nicht durchlässig genug ist. In Nordrhein-Westfalen ist ein Wechsel aufs Gymnasium nach Klasse 6, 7 oder 8 kaum möglich.

Habrich Nach Klasse 6 ist eine Aufnahme sehr gut möglich. Danach ist es schwieriger, weil andere Schulen vier Jahre Mittelstufe haben, die Gymnasien drei. Das Grundproblem ist aber ein anderes: Wir würden uns wünschen, dass nicht der Gedanke von Schubladen im Raum steht, in die Kinder sortiert werden. In verschiedenen Schulformen existieren Unterschiede in den Anforderungen. Eine Schulform und ihre Anforderungen müssen zu einem Kind passen, damit es erfolgreich sein kann. Es muss die Möglichkeit geben, Irrtümer bei der Schulformwahl zu korrigieren.

Das heißt, ein Abgang vom Gymnasium muss jederzeit möglich sein.

Habrich Ja, denn dauernde Misserfolgserlebnisse und daraus resultierende Überarbeitung gefährden die Gesundheit. Die bestehenden Regelungen zum Schulformwechsel reichen hier aber vollständig aus. Dasselbe gilt selbstverständlich für die Aufnahme von Kindern aus anderen Schulformen.

Czygan Dazu bräuchten wir aber eine intensive Laufbahnberatung. Die gibt es viel zu selten.

Kommt dem Gymnasium im Bildungssystem eine Sonderstellung zu?

Habrich Klar, wie jeder anderen Schulform auch. Nur das Gymnasium ist der vertieften Allgemeinbildung verpflichtet, nur am Gymnasium muss jeder zwei Fremdsprachen lernen, nur das Gymnasium hat einen geschlossenen Bildungsgang aus einem Guss. Nur das Gymnasium führt in acht Jahren zum Abitur.

Impliziert das Sonderrechte?

Habrich Das impliziert Respekt für die Schulform, und dass man das Gymnasium nicht mit Dingen belegt, die da nicht hingehören.

Zum Beispiel?

Habrich Zum Beispiel das Programm "Kein Abschluss ohne Anschluss" mit verpflichtender Berufsberatung ab Klasse 8. Das ist für unsere Schulform völlig unsinnig, denn das Gymnasium impliziert einen durchgehenden Bildungsgang bis zum Abitur. Früher abgehende Schüler sind Einzelfälle – solche Fälle können wir individuell betreuen. Die Studien- und Berufsberatung kann daher frühestens ab Klasse 9 beginnen.

Muss das Gymnasium auch Inklusion mit zieldifferentem Lernen anbieten – dass also behinderte Kinder andere Abschlüsse anstreben als das Abi?

Habrich Man kann das machen, sicher. Aber dann muss man die Ressourcen bereitstellen. Die Unterschiede zwischen den Kindern, bezogen auf den Lernstoff, werden z. B. von Jahr zu Jahr größer. Das muss personell durch Doppelbesetzungen aufgefangen werden. Am Gymnasium liegt das 10. Schuljahr zudem in der Oberstufe. Die Inklusionskinder können aber nicht einfach in das Kurssystem der Oberstufe eintauchen, wo alles nur noch fachgebunden ist. Es gibt also viele ungelöste systemische Probleme.

Es zeugt also von Unverständnis für das Gymnasium, den Gymnasien diese Aufgabe anzutragen?

Habrich Zieldifferenz ist grundsätzlich systemfremd, ja.

Czygan Ich höre immer wieder, dass viele Gymnasien jetzt schon zu wenig Räume haben und dass es gar keine Möglichkeit für Lehrer gibt, sich mit den Kindern zurückzuziehen, wenn das nötig wird.

Müssten also Gymnasien Schüler ablehnen dürfen, die nicht zielgleich unterrichtet werden können?

Czygan Das habe ich nicht gesagt. Wir brauchen die Ressourcen. Es wurde auch immer gesagt, man habe kein Geld für Lehrer – und in der Flüchtlingskrise gibt es plötzlich doch ein ansehnliches Stellenpaket.

Was sagen Sie zur Kritik von Eltern, Gymnasiallehrer seien offenbar nicht recht motiviert zur Inklusion?

Habrich Das empört mich. Unsere Lehrer kümmern sich mit hohem Einsatz um tragbare Konzepte.

Dahinter steht der Argwohn, das Gymnasium verstehe sich immer noch als elitäre Veranstaltung.

Habrich Mit dem Wort kommen wir nicht weiter, ebenso wenig wie mit "Abschulung" und "Selektion". Das ist Stimmungsmache. Wir sagen: Eine Schulform muss zum Kind passen. Das Gymnasium ist daher eine Schule für viele, aber nicht für alle.

Fehlt in der Schulpolitik der Mut zu sagen: Das Gymnasium ist nicht richtig für alle Kinder?

Czygan Ja. Wir haben jahrzehntelang nur auf das Ziel gestarrt, die Akademikerquote zu steigern. Es gibt aber ein Leben neben der Uni.

Warum wird diese Diskussion dann in NRW immer noch nicht geführt?

Habrich Wir versuchen immer wieder, das zum thematisieren.

Czygan Das ist Aufgabe der Politik und nicht der Schule.

Offenbar ist eine Mehrheit der Eltern gegen das achtjährige Gymnasium. Wie gehen Sie damit um?

Czygan Indem wir jetzt eine wissenschaftliche Befragung der Eltern durchführen. Das wird aber ein Fragenpaket sein und keine Ja-Nein-Alternative. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass dabei keine 90-Prozent-Mehrheit für G 9 herauskommt, die sich manche Initiative wünscht.

War es ein Fehler der Landeselternschaft, 2014 den Reformempfehlungen des runden Tisches zuzustimmen – ohne diese Umfrage?

Czygan Ich bin seit Februar im Amt, beim runden Tisch war ich nicht dabei. Ich erlaube mir kein Urteil, ob da das Maximum erreicht wurde.

Ist G 8 in seiner jetzigen Form – die Reformen eingeschlossen – pädagogisch verantwortlich umsetzbar?

Czygan Auch das ist nicht so einfach. Solange so viel Unterricht ausfällt wie derzeit, ist die Frage nach dem System die falsche.

Habrich Ja, ist es. Es funktioniert ja auch schon eine ganze Weile.

Czygan Und an vielen Schulen vom ersten Tag an.

Machen sich die G 9-Initiativen eigentlich um das Gymnasium verdient, weil sie eine gehaltvolle gymnasiale Bildung fordern?

Habrich Manche Inhalte der Argumentation sind mir durchaus sympathisch. Meiner Ansicht nach hat das aber nichts mit G8 oder G9 zu tun.

Wie sähe denn ein Plan B für eine Rückkehr zu G 9 aus?

Habrich Wir brauchten jedenfalls geschätzt fünf Jahre Vorlauf für neue Bücher, neue Lehrpläne und die Fortbildungen. Wie möchten in dieser Frage aber keine halbherzigen Kompromisse. Entscheidend ist, dass nicht G8 und G9 parallel an einer Schule eingeführt werden und dass die Oberstufe weiterhin dreijährig ist, wenn es bei G8 bleibt. Und da brauchen wir eine klare Ansage.

Czygan Wenn es eine Entscheidung gibt, brauchen wir ein und denselben Rahmen für alle Schulen. Es ist aber nicht Aufgabe der Eltern, dafür die Blaupause zu liefern.

Habrich Wenn es sich jetzt noch einmal ändern sollte, muss es richtig gut gemacht sein.

Die G 8-Reform sieht die Reduktion von Hausaufgabenzeiten vor. Daran hat sich die Debatte angeschlossen, ob nun noch genug Hausaufgaben gemacht werden. Seitens eines Düsseldorfer Gymnasiums war die Rede von sieben Minuten pro Hauptfach.

Habrich Hausaufgaben sind unverzichtbar – ich glaube, die Eltern teilen diese Einschätzung...

Czygan Ja. Vertiefung ist nötig.

Habrich ... und nicht alle Aufgaben lassen sich in der Schule erledigen. Dass Hausaufgaben in Ganztagsschulen so gut wie gar nicht mehr stattfinden sollen, ist daher problematisch.

Czygan Schulen, die ihren Stundenplan vernünftig takten, erreichen trotz G 8 einen Unterrichtsschluss um halb drei. Das reicht für Sport, Hobbys und Hausaufgaben.

Das schaffen aber nicht alle Schulen.

Czygan Weil häufig die nötigen Lehrer fehlen. Auch das ist eine Frage der Ressourcen.

Habrich Aus der jetzigen Vorgabe von 163 Stunden von Klasse 5 bis Klasse 9 mit fünf Stunden zur individuellen Förderung, die allen Kindern angeboten, aber nicht von allen Kindern belegt werden müssen, ergibt sich rechnerisch einmal pro Woche verpflichtender Nachmittagsunterricht ab Klasse 6. An vier Tagen der Woche ist mittags Schluss. An den anderen Schulformen ist das auch nicht anders, und von dort hört man keine Klagen.

Frank Vollmer führte das Gespräch.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

RP-Serie Bildung: "Das Gymnasium ist keine Schule für alle"


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.