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Nach Jahrhunderten endet in Ströbeck eine alte Tradition
Schach auf dem Lehrplan - Schule muss schließen
Leipzig (rpo). Von einer solchen Aufgabe träumen wohl viele Pennäler: "Überführe den Springer c5 auf gefahrlosem Weg auf c7". Im sächsischen Ströbeck steht die einzige deutsche Schule, deren Lehrplan das Fach Schach anbietet. Aber nicht mehr lange: Der Einrichtung fehlt der Nachwuchs.

"Welche Rochaden sind hier möglich?" steht auf dem Aufgabenblatt neben einem gezeichneten Schachbrett. Die Jungen und Mädchen an der Sekundar-Schule in Ströbeck müssen bei ihren Klassenarbeiten regelmäßig Fragen wie diese beantworten. Doch in diesem Schuljahr werden die Fünft- bis Zehntklässler wahrscheinlich das letze Mal darüber brüten: Deutschlands einzige Schule, in der Schach Lehrplan-Fach ist, muss nach fast 200 Jahren schließen.

Weil im menschenarmen Sachsen-Anhalt zu wenig Kinder auf die Schule gehen. Doch das Aus mit Beginn der großen Ferien im Juli, so fürchten viele der rund 1200 Einwohner des Dorfes, könnte auch den schleichenden Verfall einer fast tausend Jahre alten Tradition einläuten.

"Unsere Geschichte wird wohl nicht sofort verloren gehen", sagt Ströbecks Bürgermeister Rudi Krosch. "Aber was, wenn sich in zehn oder zwanzig Jahren die Leute fragen müssen: Warum nennen die sich hier Schachdorf?"

Wer heute das Ortsschild mit der Aufschrift "Schachdorf Ströbeck" passiert, fragt sich das nicht. Der Dorfplatz heißt Schachplatz, als Heiligtum in dessen Mitte ist ein großes Schachbrett auf den Asphalt gemalt. Die Gaststätte im Ort heißt "Zum Schachspiel", ein Schachbrett ist auch auf der Wetterfahne des Kirchturms.

Ströbecker Kinder lernen zuerst Schach, dann das Laufen

In Ströbeck, so versichern dort alle, gibt es nicht einen einzigen Menschen, der das königliche Spiel nicht beherrscht. "Bei uns lernen die Kinder zuerst das Schachspielen und dann das Laufen", sagt ein Lehrer der Schachschule.

Aus gutem Grund, denn das Dorf muss nichts weniger als eine historische Mission erfüllen. Die Überlieferung besagt, dass die Ströbecker seit dem 11. Jahrhundert Schach spielen. Damals brachte ein adliger Gefangener in einem Turm des Dorfes seinen Bewachern das Spiel bei.

Später gelangte der Gefangene wieder zu Ansehen und Einfluss und sorgte dafür, dass die Ströbecker weniger Abgaben zu zahlen hatten. Als Gegenleistung verlangte er von seinen einstigen Bewachern, das Spiel auf ewig am Leben zu erhalten.

Nun droht die Erfüllung der Pflicht schwerer zu werden. So ist etwa der große Stolz der Gemeinde, das über 300 Jahre alte Lebendschach-Ensemble, in Gefahr. Kinder aus der Ströbecker Schule spielen dabei in aufwändig gestalteten Kostümen historische Partien nach. Oder dienen den Stadtoberen als Figuren bei einer Partie gegen ranghohe Besucher. Die Grundschüler spielen dabei die kleinen Figuren, die Kinder der Sekundarschule sind Läufer, König oder Dame.

Ab dem nächsten Schuljahr soll es nur noch die Grundschule in Ströbeck geben. "Dann bleiben uns nur noch die kleinen Bauern", sagt Bürgermeister Krosch. Im vergangenen Jahr war das Ensemble etwa im Einsatz, als der sachsen-anhaltinische Finanzminister Karl-Heinz Paqué in die Stadt kam. Seinem Ruf als exzellenter Schachspieler machte er alle Ehre und gewann gegen die Honoratioren von Ströbeck in einer Dreiviertelstunde.

Doch nun setzt das Land die Stadt zum zweiten Mal matt. Es schreibt seit diesem Jahr vor, dass in einem Jahrgang mindestens 40 Schüler sein müssen. Ströbeck schafft das nicht. Am Mittwoch kam der Brief in Ströbeck an, mit dem auch die beantragte Ausnahmegenehmigung verweigert wurde.

So werde wieder einmal ein Stück positives Image weggespart, sagt Bürgermeister Krosch. "Mit dem Geld können ja dann wieder ein paar Arbeitsämter gebaut werden." Aber, sagt er kämpferisch, den Ströbeckern sei noch immer etwas eingefallen. Und denkt dabei an ein Land, wo Schach in höheren Ehren gehalten wird.

"Ich habe vor, in den nächsten Wochen mal einen russischen Ölmanager anzuschreiben", verrät Krosch. Und fügt, mit Blick auf Roman Abramowitsch, der im vergangenen Sommer den englischen Erstliga-Klub FC Chelsea kaufte, hinzu: "Wer genug Geld für einen Fußballverein hat, der kann auch ein Schachdorf kaufen."

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