Infostrecke

So unterschiedlich sind die Bildungssysteme in Europa

FRANKREICH

Die Schule als Gleichmacher

In Frankreich wechseln alle Kinder nach fünf Grundschuljahren auf das Collège, das in Deutschland der Sekundarstufe I entspricht. Die Mittelschule geht von der sechsten bis zur neunten Klasse, wo alle Schüler das „Brevet“ machen, eine Art mittlere Reife. Der Wohnsitz legt fest, auf welche Schule ein Kind kommt. Erst mit 15 fällt die Entscheidung, ob nach der Mittelschule die dreijährige Oberstufe (Lycée) mit dem Abitur folgt. Die „einheitliche Mittelschule“ soll garantieren, dass der in Frankreich wichtige Gleichheitsgrundsatz umgesetzt wird. Auf zwei Jahre „Beobachtungsstufe“ folgen zwei Jahre „Orientierungsstufe“, um dann für das Lycée den passenden Schwerpunkt zu wählen. In der Oberstufe, die in der Regel einen Schulwechsel erfordert, stehen drei Schwerpunkte zur Auswahl: Naturwissenschaften, Wirtschaft und Literatur. Den höchsten Stellenwert für die spätere Karriere hat eine naturwissenschaftliche Orientierung. Auch ein Abitur mit Berufsschul-Profil ist möglich.  

Christine Longin, Paris

So unterschiedlich sind die Bildungssysteme in Europa

GROSSBRITANNIEN

Privat muss man sich leisten können

Wenn die Kinder acht oder neun Jahre alt sind, müssen sich britische Eltern Gedanken machen, auf welche weiterführende Schule die Sprösslinge wechseln sollen. Denn spätestens im Alter von elf Jahren gibt es für jeden einen „National Curriculum Test“, danach stellt sich die Frage, wohin man das Kind schickt. Wer es sich leisten kann, wird eine Privatschule wählen; dieser Sektor macht ungefähr sieben Prozent des Schulwesens aus. Für den großen Rest gibt es meist nur die örtliche Gesamtschule oder eine Academy, wo Spezialisierungen wie Sport, Künste oder Wissenschaften möglich sind. Unter ehrgeizigen Eltern entbrennt ein Wettbewerb, den Nachwuchs auf einer der wenigen öffentlichen Grammar Schools unterzubringen. Diese unseren Gymnasien vergleichbaren Institutionen verlangen einen Zulassungstest. In der Regel bewerben sich Hunderte auf einen Platz. Wer es schafft, gehört zur akademischen Elite – und hat auch den Eltern einen gehörigen Schub beim sozialen Status beschert. 

Jochen Wittmann, London

So unterschiedlich sind die Bildungssysteme in Europa

DEUTSCHLAND

Die große Vielfalt ab Klasse 5

Wie immer bei Schulfragen ist im föderalistischen Deutschland auch hier die Antwort: Kommt drauf an – nämlich auf das Bundesland. In der Regel aber werden die Kinder nach der vierten Klasse auf die weiterführenden Schulen aufgeteilt. Regulär sechsjährige Primarstufen haben nur Brandenburg und Berlin. Eine ähnliche Reform in Hamburg scheiterte 2010 am Widerstand der Eltern. Thüringen bietet Gemeinschaftsschulen, die Primar- und Sekundarstufe umfassen; einen ähnlichen Schulversuch („Primus“) gibt es in Nordrhein-Westfalen. Die Grundschule ist in Deutschland die einzige Schule für alle Kinder. Mit der Sekundarstufe I beginnt die große Vielfalt; nur eine Gemeinsamkeit haben alle Länder: das Gymnasium. Es gibt zweigliedrige Systeme mit nur einer weiteren Schulform wie in Sachsen und im Saarland, aber auch komplizierte Varianten mit je nach Rechnung bis zu sieben weiterführenden Schulformen wie in NRW. Eins aber hat sich noch keine Landesregierung getraut: das gegliederte Schulsystem komplett abzuschaffen und damit einen alten Traum der politischen Linken zu verwirklichen. 

Frank Vollmer, Düsseldorf

So unterschiedlich sind die Bildungssysteme in Europa

ITALIEN

Eine Mittelschule für alle

Nach dem Kindergarten oder der Vorschule (Scuola Materna) beginnt die Grundschule. Sie ist für alle Kinder verpflichtend und dauert fünf Jahre. Kinder werden in dieser Phase meist nur von einem Lehrer unterrichtet. Das Vorrücken in die nächste Klasse ist der absolute Normalfall. Anschließend folgt der zweite Schulzyklus, der in zwei Phasen aufgeteilt ist. Nach der Grundschule wechseln alle Kinder in die Mittelschule (Scuola Media); der anschließende Besuch einer weiterführenden Schule ist nicht verpflichtend. Die Mittelschule dauert drei Jahre; mit gut 13 Jahren haben die jungen Italiener also ihrer Schulpflicht Genüge getan. Am Ende der Mittelschule steht ein Staatsexamen, dessen Bestehen den Besuch einer weiterführenden Schule ermöglicht. Dazu zählen das Gymnasium (Liceo) mit verschiedenen Schwerpunkten, technische Schulen und Berufsschulen. Nach fünf Jahren dort und einer weiteren Prüfung steht der Weg an die Uni frei. 

Julius Müller-Meiningen, Rom

So unterschiedlich sind die Bildungssysteme in Europa

SCHWEIZ

Sechs Jahre Grundschule

Kinder in der Schweiz müssen neun Jahre die Schulbank drücken. Die obligatorische Schulzeit ist unterteilt in Primarstufe und Sekundarstufe I. Die meisten Kinder gehen im Alter von vier bis fünf Jahren zunächst in den Kindergarten oder die Vorschule, dann beginnt der Ernst des Lebens. In der Regel dauert die Primarstufe sechs Jahre, dann folgen (je nach Kanton) meist drei Jahre Sekundarstufe I – teilweise mit Differenzierung in verschiedene Leistungsgruppen, in manchen Kantonen auch in verschiedene Schulformen. Unterrichtet werden eine Landes- und zwei Fremdsprachen, Mathematik, Geografie und Geschichte. Die Sekundarstufe II dauert drei bis vier Jahre; Schüler können zwischen allgemeinbildenden und beruflichen Schulen wählen. Etwa 90 Prozent aller Jugendlichen in der Schweiz bilden sich in der Sekundarstufe II weiter. Die Gymnasien der Sekundarstufe II schließen mit dem Maturitätsausweis ab, der mit dem deutschen Abitur vergleichbar ist. 

Jan Dirk Herbermann, Genf

So unterschiedlich sind die Bildungssysteme in Europa

FINNLAND

Rücksicht auf die Langsamen

Finnlands erfolgreiches, aber oft missverstandenes Schulsystem hat weniger mit Eliteförderung zu tun als damit, dass extrem viel Wert darauf gelegt wird, dass alle Schüler, auch die langsamen, den Anschluss nicht verlieren. In Finnland gehen die Kinder mit sechs in eine Art Vorschule. Mit sieben beginnt dann die richtige neunjährige Grundschule, die meistens mit 16 Jahren abgeschlossen wird. Das ist die Pflichtschulzeit. Ein weiteres freiwilliges zehntes Jahr an der Grundschule ist möglich, etwa für Kinder mit schlechten Noten, vielen Fehlzeiten oder anderen Problemen. Danach folgt die weiterführende, an deutsche Gesamtschulen erinnernde Schulbildung. Fast alle Schüler machen dort das Abitur – die Hälfte an berufsorientierten, die andere Hälfte an akademischen Schulen. Das System ist aber sehr flexibel und offen. Es gibt keine endgültige Trennung zwischen beiden Formen. Zumeist dauert die weiterführende Schule drei Jahre. 

André Anwar, Stockholm

So unterschiedlich sind die Bildungssysteme in Europa

POLEN

Gymnasium in Gefahr

Das Schulsystem in Polen ist seit 1989 mehrfach reformiert worden. Seit 2012 werden Kinder nach einem verpflichtenden Vorschuljahr mit sechs Jahren regulär eingeschult. Es folgen eine sechsjährige Grundschulzeit und eine dreijährige Mittelstufe. Diese dreijährige Schule heißt in Polen Gymnasium, nach dessen Besuch die Schulpflicht mit einer Prüfung endet. Darauf aufbauend können Schüler ein Lyzeum besuchen und das Abitur ablegen (Matura), das zu einem Studium berechtigt, oder sich in Berufsschulen (Technikum) weiterbilden. Die neue Regierung der nationalkonservativen PiS-Partei will das Schuleintrittsalter wieder auf sieben Jahre anheben. Es soll eine achtjährige Grundschulzeit folgen, an die sich Lyzeum oder Technikum anschließen – oder der direkte Weg in die Berufsausbildung. Noch ist allerdings das letzte Wort nicht gesprochen. Vor allem die katholische Kirche, die in Polen Trägerin von rund 600 Schulen ist, steht der Reform kritisch gegenüber. 

Ulrich Krökel, Warschau