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Studentenleben
Spitznamen sind praktisch

Früher dachte ich, Spitznamen wären was für kleine Kinder. Manchmal süß, aber ganz oft auch gemein. Und ich dachte, nach der Schule hört es damit auf. Stimmt aber nicht: An der Uni geht es erst richtig los. Von Eva Böning

Das hat rein praktische Gründe: Während der Hausarbeitszeit, also jetzt, sitzen wir alle von morgens bis abends in der Bibliothek. Irgendwann pendelt es sich so ein, dass dieselben Leute zu den gleichen Zeiten an den exakt selben Plätzen sitzen. Die studentische Hackordnung besagt, dass die Erstsemester im großen Lesesaal sitzen müssen, wo ständig Trubel ist. Wir "Großen" dürfen in den ruhigen Bereich an der Fensterfront. Obwohl sich auf diesem Wege also alle irgendwie kennen und enorm viel Zeit miteinander unter einem Dach verbringen, kommen wir selten bis nie ins Gespräch. Wie denn auch, in der Bibliothek herrscht ja Redeverbot. Kennt man die Namen nicht, ist es aber schwer, mit seinen Freunden in den Pausen beim Kaffee über die Leidensgenossen oben im Lesesaal zu lästern, oder - netter gesagt - Beobachtungen auszutauschen. Deshalb müssen Namen her. Und die entwickeln sich, indem wir bestimmte Leute immer erst auf dieselbe Weise umschreiben: Die, die immer so schnell geht. Der, der alle 20 Minuten aufs Klo muss. Die, die so extrem böse guckt, wenn sie denkt. Der, der immer so laut auftritt. So wurde aus diesen vier Menschen schnell in zugegeben wenig kreativer Manier die Rennmaus, die Blase, die Hexe und der Herr General. Problem gelöst, das sind Namen, mit denen wir arbeiten können. Es besteht keine Notwendigkeit mehr, einander kennenzulernen. Höchstens noch, um rauszukriegen, wie die anderen einen nennen.

Quelle: RP
 
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