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Studienabbruch
Wenn das Studium zur Qual wird

Duisburg. Die Gründe für den Ausstieg sind vielfältig. Ein Abbruch ist aber kein Ausschlusskriterium mehr für einen guten Job. Von Lena Köhnlein

Eine junge Frau sitzt an einem runden Tisch, nervös trommelt sie mit ihren Fingern auf der Holzplatte herum. Ihr größter Wunsch war, das wirtschaftswissenschaftliche Studium abzuschließen und danach in einem großen Unternehmen einzusteigen. Doch jetzt kommt alles anders: "Ich bin im 13. Semester und schaffe nun eine der letzten Prüfungen nicht", sagt die Mittzwanzigerin. Ihr kommen die Tränen. Die anderen um sie herum im Berufsinformationszentrum (BiZ) in Duisburg, die ebenfalls mit dem Gedanken spielen, alles hinzuschmeißen, nicken zustimmend. "Ich musste auch abbrechen", sagt ein junger Mann. "Dabei habe ich so gerne studiert. Es ist mir einfach über den Kopf gewachsen." Ein anderer sagt: "Mir bringt mein Studium nichts für den späteren Beruf."

Die Gründe für einen Studienabbruch sind vielfältig. Allerdings ist der Abbruch längst kein Ausschlusskriterium mehr für einen guten Job - nur weitergehen muss es danach, am besten mit einer Ausbildung. Deshalb veranstalten die Agentur für Arbeit sowie das Jobcenter in Duisburg zusammen mit Vertretern aus Industrie und Handwerk sowie der Beratungsstelle der Universität Duisburg-Essen regelmäßig einen Beratungsnachmittag zum Thema "Studienausstieg". Dort tauschen sich die Teilnehmer aus, holen sich Informationen und knüpfen bereits Kontakte zu Unternehmen. Die Botschaft des Nachmittages: Mut sollen die Teilnehmer haben und nicht aufgeben.

Mut hat auch Matthias (26) wieder geschöpft. Er studiert seit sechs Jahren, aktuell im 12. Semester, "Angewandte Informatik - Systems Engineering" an der Universität Duisburg-Essen. Das Studium hat er wegen seines Interesses an Informatik begonnen. Doch: "Viele Inhalte haben fast nichts mit Informatik zu tun", sagt der 26-Jährige. So hätte er beispielsweise auch Module wie Betriebswirtschaftslehre. Bekannt war ihm das vorher nicht. "So wirklich wohl gefühlt habe ich mich von Anfang an nicht", sagt er. Aber er habe es probiert. Der fehlende Praxisbezug sei vor allem Grund, warum er das Studium beenden möchte. Er würde sich gerne mehr auf die IT-Branche konzentrieren. Im Gespräch mit den Experten sei ihm klar geworden, dass das auch ohne Studium möglich sei. So könnte er etwa eine Ausbildung zum Fachinformatiker machen. Die Berater empfehlen, sich auf mittelständische Unternehmen zu konzentrieren. "Ich überlege mir das jetzt in Ruhe", sagt der 26-Jährige. Auch im Freundeskreis beobachtet Matthias, dass ein Großteil das Studium abbricht. Von seiner sechsköpfigen Clique, mit der er 2010 das Studium begonnen hat, sei Matthias der Letzte, der noch studiert. "Viele haben sich etwas anderes unter dem Studium vorgestellt."

Das sei häufig ein großes Problem, sagen Martina Ibold und Gabriele Angst - beide beraten Studenten, die sich einen Ausstieg aus dem Studium wünschen. Rund sechs Ratsuchende kommen in der Woche zu ihnen. Das seien mehr als früher. Allerdings würden heute auch mehr Menschen studieren. Die Beraterinnen beobachten, dass viele einfach ein NC-freies Fach gewählt hätten, nur um an die Uni gehen zu können. "Viele denken: ,Ich habe Abi, ich muss studieren'", sagt Martina Ibold.

Dabei seien sie unzufrieden. Häufig würden sich die jungen Menschen lange quälen. Der Schritt, wirklich abzubrechen, ist schwer. "Man ist in seiner Lebensplanung gescheitert, zumindest fühlt es sich so an", sagt Ibold. Auch den Eltern gegenüber, die das Studium womöglich jahrelang finanziert haben, fühlen sie sich verpflichtet. Wichtig sei, nach dem Abgang weiterzumachen. Denn ohne Abschluss sind die Arbeitschancen sehr schlecht. "Die Schockstarre sollte nicht zu lange dauern", sagt Ibold. Jobben sei für maximal ein Jahr okay. Auf keinen Fall nichts tun - so der Tipp der Beraterinnen. Der Lebenslauf soll nach Aktivität und Orientierung aussehen. "Dann sind Studienabgänger als Bewerber gerne gesehen, denn häufig bieten sie viel Wissen und sind reifer als jene, die gerade erst von der Schule kommen." Wenn es trotz allem nur Absagen hagelt, sollten die Suchenden ihre Bewerbungsmappen checken lassen. Die Chancen stehen gut, sind sich die Beraterinnen sicher. "Der Großteil, den wir begleiten, bekommt eine Ausbildung."

Die Beraterinnen helfen auch dabei, die richtige Fachrichtung zu finden. "Wir schauen, welche Erfahrungen und Kompetenzen bereits durch Praktika oder das Studium vorhanden sind", sagt Angst. Es sei wichtig, dass Studienabgänger herausfinden, was sie machen wollen. Ein Tipp für alle, die noch vor dem Studium stehen: sich vorher gut informieren, damit es gar nicht erst zum Abbruch kommt. "Ich empfehle jedem einen Termin bei der Berufs- oder Studienberatung vor Beginn des Studiums", sagt Angst.

Quelle: RP
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