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Düsseldorf
Wer fehlt, schreibt schlechte Noten

Düsseldorf. Hochschulforscher Rolf Schulmeister hat 298 Studien über den Zusammenhang zwischen Anwesenheit in Vorlesungen und der Klausurleistung ausgewertet. Bereits vier verpasste Termine können einen Unterschied ausmachen, sagt er. Von Leonie Wunderlich

Als vor zwei Jahren die Anwesenheitspflicht an Universitäten in Nordrhein-Westfalen abgeschafft wurde, fühlten sich die meisten Studierenden befreit: keine verschulte Pflicht mehr. Mit dem neuen Hochschulgesetz solle Eigeninitiative gestärkt werden, hieß es von der Landesregierung. Studierende seien Erwachsene, die selbst entscheiden können, sagte Wissenschaftsministerin Svenja Schulze.

Forscher, die sich mit dem Zusammenhang zwischen der Anwesenheit in Lehrveranstaltungen und dem Studienerfolg der Studierenden befassen, sahen das von Anfang an skeptisch. So auch Rolf Schulmeister, Hochschulforscher der Uni Hamburg. Gerade Nordrhein-Westfalen vereine zwei "merkwürdige" Vorschriften in dem neuen Hochschulgesetz, sagt er. Die Hochschulen sind dem Studienerfolg verpflichtet, gleichzeitig gibt es aber ein Verbot der Anwesenheitspflicht. "Wie kann man jemandem den Studienerfolg garantieren, der nicht das Studienangebot wahrnimmt?", hat sich Schulmeister gefragt.

298 Studien zur studentischen Anwesenheit aus 25 Ländern wertete er im Jahr 2015 aus. Das Ergebnis der Studie "Abwesenheit von Lehrveranstaltungen - Ein nur scheinbar triviales Problem" zeigt einen starken Zusammenhang zwischen der Anwesenheit in Lehrveranstaltungen und dem Studienerfolg. Selbst wenn man an den Veranstaltungen teilnimmt, sich währenddessen aber mit E-Mails oder Facebook beschäftigt, seien die Noten der Anwesenden besser, sagt Schulmeister. Studierende hingegen, die dreimal oder öfter fehlen, schnitten in Prüfungen schlechter ab.

Mehrere Forscher stellten fest, dass die Schwelle, ab der die Leistung deutlich sinkt, bei vier verpassten Veranstaltungen liegt. Wissenschaftsministerin Svenja Schulze zweifelt die Aussagekraft der Studien an. Von den knapp 300 untersuchten Studien sei nur eine einschlägig für Deutschland. Tatsächlich wurde nur eine der untersuchten Studien in Deutschland erhoben. Allerdings hat Rolf Schulmeister in seiner Metastudie ein früheres Projekt aus den Jahren 2009 bis 2012 miteinbezogen. Bei diesem wurde der Workload von über drei Millionen Studierenden ermittelt.

Generelle Kritik kommt von Dozenten, die sich über leere Hörsäle und schlechte Planbarkeit von Seminaren beklagen. Darum hat Jürgen Handke, Anglistik-Professor an der Uni Marburg, das "Inverted Classroom-Modell" entwickelt. Er vermittelt das Basiswissen mit Quizspielen über Smartphones und vertieft den Stoff in den Vorlesungen. So sollen Studierende zur Anwesenheit bewegt und die Seminare besser kontrolliert werden können. Zuletzt hat sich auch der Senat der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) gegen gesetzliche Vorgaben zur Anwesenheitspflicht in Lehrveranstaltungen ausgesprochen. Dieser erklärte kürzlich, dass nur die Hochschulen selbst beurteilen könnten, ob eine Anwesenheit notwendig sei. Durch die Gesetzesnachträge in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein sei die Hochschulleitung um ihre Autonomie besorgt.

Eine strengere Kontrolle wäre im Sinne von Rolf Schulmeister. "Die Anwesenheitspflicht ist nur eine Variable, die den Studienerfolg beeinflusst", sagt er. Eine strengere Kontrolle würde vor allem schwachen Studenten helfen, sich zu organisieren. "Wir brauchen eine Regel, um auch schwache Studenten zu halten", betont er - und schlägt das sogenannte "Monitoring-System" vor. Dabei soll die Anwesenheit zwar kontrolliert werden, aber keine Konsequenzen für Verbleib im Seminar oder Benotung haben. Fehlt ein Student drei Mal, soll dieser gezielt angesprochen und beraten werden. Dass das Gesetz noch mal verändert wird, hat Wissenschaftsministerin Schulze zumindest bisher ausgeschlossen.

Quelle: RP
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