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Düsseldorf/Siegen
Wo der Bachelor noch Nachhilfe braucht

Düsseldorf/Siegen. Das System ist zu schulisch und unflexibel, sagen Kritiker. Die Hochschulrektorenkonferenz hat Vorschläge zur Verbesserung gemacht. Von Nicole Scharfetter

Felix Nitsch studiert im sechsten Semester Psychologie. Bald macht er seinen Bachelor, auf dem Arbeitsmarkt hätte er mit diesem Abschluss aber keine guten Aussichten. "Der Bachelor ist gerade in der Psychologie nichts wert", sagt der 20-Jährige. Hilfstätigkeiten würden ihm angeboten, "für einen guten Job braucht man den Master", sagt er. Nitsch würde sich wünschen, dass sich der Bachelor, auch in Psychologie, als berufsbildender Abschluss etabliert und "Unternehmen nicht nur die teuren Master-Absolventen einstellen."

Das Bachelorstudium steht in der Kritik, und das im Prinzip seit der Einführung durch die Bologna-Reform, als 1999 beschlossen wurde, die Studienabschlüsse in Europa zu vereinheitlichen. Julia Göretz zum Beispiel bemängelt, dass sie in ihrem Bachelor-Hauptfach Geschichte zu viel Frontalunterricht gehabt hat, "wir bekamen sogar Hausaufgaben", sagt sie. Ihr seien keine beruflichen Optionen aufgezeigt worden, deswegen entschied sich die 27-Jährige, ihr Nebenfach Informationswissenschaften im Master zu belegen, weil es praktischer gewesen sei als Geschichte. "Da sind die Fachhochschulen insgesamt besser organisiert", findet Göretz.

Politik und Hochschulen wollen einen Versuch unternehmen, beim Bachelor-Master-System nachzubessern. Die Kultusministerkonferenz (KMK) und die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) haben dazu in einer Arbeitsgruppe, die unter anderem vom Rektor der Uni Siegen, Holger Burckhart, gegründet wurde, ein gemeinsames Papier erarbeitet: "Wir fordern mehr Flexibilität und Individualisierung des Systems. Wir möchten dynamische Studiengänge, die nicht bis ins Detail vorgegeben sind", sagt Burckhart. Die Bologna-Struktur müsse überprüft werden. "Wir müssen von der Detailsteuerung wegkommen, nationale oder besser noch europäische Standards sollten der regelnde Rahmen für ein funktionierendes Hochschulsystem sein", sagt er. Bisher würden die Bundesländer mehr oder weniger unabhängig voneinander die Module an ihren Hochschulen gestalten. "Mit dieser Kleinstaaterei müssen wir aufhören", sagt Burckhart. Und nicht nur die Bundesländer entscheiden, was unterrichtet wird, "ich habe das Gefühl, das ist hochschulabhängig", sagt Sandra Bethke. Die 22-Jährige hat ihren Bachelor in Linguistik in Dortmund gemacht und wechselte für ihren Master nach Düsseldorf. "Ich musste hier Bachelor-Kurse nachholen, weil sich Düsseldorf nicht sicher war, ob ich die Inhalte in Dortmund gelernt habe", sagt Bethke.

"Mir fehlt vor allem die Praxis", sagt Psychologie-Student Felix Nitsch. Er könnte sich bereits für den Bachelor ein zweigleisiges System vorstellen: "Praxisorientiert für alle, die nach dem Bachelor in den Beruf einsteigen wollen, theoretisch für jene, die den Master machen." Am zweistufigen Modell mit Bachelor und Master hält Holger Burckhart weiterhin fest. "Wie die zehn Semester allerdings aufgeteilt werden, sollten die Studierenden selbst entscheiden. Vielleicht studiert jemand sieben Semester im Bachelor und drei im Master, oder acht im Bachelor und zwei im Master", sagt er. "Studierbarkeit heißt nicht die völlige Verplanung einer 40-Stunden-Woche. Studierbarkeit heißt, der Studiengang lässt sich so gestalten, dass die Kompetenzen mit dem Abschluss erreicht werden. Dabei liegt die Gestaltungshoheit beim Studierenden", so Burckhart. Der Bachelor allein sei einem Diplom- oder Magister-Abschluss allerdings nicht äquivalent, weil die Inhalte in sechs Semestern einfach nicht vermittelbar seien. Der Bachelor sei vielmehr ein erster Abschluss. "Ein Bachelor-Absolvent wird aber kein Physiker sein, er hat vielmehr die fachliche Qualifizierung, sich im Master weiterzuqualifizieren", meint Burckhart. Und das Gleiche gelte auch für den Psychologie-Studenten.

Besser umgesetzt als in Deutschland sei das Bachelor-Master-System in Finnland und in den Niederlanden. Dort ist die Durchlässigkeit zwischen einzelnen Studiengängen viel ausgeprägter, Studierende können Seminare in anderen Fachbereichen und sogar Fakultäten belegen. "Unser Problem ist die Vielfalt der Studienangebote. Wir haben mehr als 18.000 Studiengänge, die wie Spargelstangen auf dem Feld hermetisch nebeneinanderstehen. Wir müssen uns hochschulintern zusammensetzen, um bestimmte Inhalte verschiedener Studiengänge gerade in den ersten beiden Semestern zusammenzulegen und ein generelles Studienangebot zu schaffen. Im dritten und vierten Semester können sich die Studierenden dann spezialisieren", sagt Burckhart. Am Anfang des Studiums würde zum Beispiel der Theologie-Student gemeinsam mit der angehenden Politikwissenschaftlerin Seminare und Vorlesungen belegen - zur Orientierung. Und im dritten Semester hätte er dann die Möglichkeit ins Politikstudium zu wechseln und sie umgekehrt zur Theologie, ohne Zeit verloren zu haben. Wenn es nach dem Rektor der Uni Siegen geht, sollen die Studenten dafür auch benotet werden, damit sie ein Feedback bekommen. "Diese Bewertungen dürfen aber nicht relevant für die Endnote sein - das nimmt den Prüfungsdruck und gibt Freiraum für die Entwicklung", sagt Burckhart. So wären Persönlichkeitsbildung, Fachlichkeit und Berufsorientierung ausgewogen, meint der Hochschulrektor. "Die Niederländer und Finnen praktizieren außerdem das Lifelong Learning. Studierende haben die Option, auch nach sechs, sieben, acht Jahren zurück an die Uni zu gehen, um den Master zu machen", sagt Burckhart.

Immerhin sollen durch die Bologna-Reform mehr Studenten deutscher Hochschulen für eine befristete Zeit ins Ausland gehen. "Die Unsicherheit hat sich gelegt", sagte Jan Kercher vom Deutschen Akademischen Austauschdienst jüngst in einem Interview. Zu Beginn der Umstellung auf Bachelor und Master hätten die Studierenden den Eindruck gehabt, die Regelstudienzeit unbedingt einhalten zu müssen. Inzwischen gebe es da - auch vonseiten der Hochschulen - mehr Flexibilität. "Mir ging es da ganz ähnlich, aber gute Noten, zwei Jobs und Praktika sind in der Regelstudienzeit kaum machbar", meint Julia Göretz. An ein Auslandssemester sei da nicht zu denken gewesen. Sandra Bethke dagegen war im Ausland, hat kein Semester dranhängen müssen. "Viele meiner Kommilitonen schon, aber das macht doch nichts", meint die 22-Jährige. "Der Stellenwert eines Auslandssemesters hat für viele Studenten zugenommen."

Das von der KMK und HRK gemeinsam erarbeitete Papier soll so schnell wie möglich verabschiedet werden, um einen Handlungsdruck in der Öffentlichkeit zu erzeugen. "Die Länder sollen sich mit den Hochschulen zusammensetzen, damit wir im nächsten Jahr schon erste Ideen aktiv angehen können", sagt Holger Burckhart. So würden auch die Studierenden von heute noch davon profitieren können.

Quelle: RP
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