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Düsseldorf
Bitteres schwächt das Immunsystem

Düsseldorf. Menschen, die lieber Süßes mögen, heißen in der Wissenschaft "Super-Taster". Forscher haben nun herausgefunden, dass diese Leute im Vorteil sind: Sie leiden nämlich nicht so oft an Husten, Erkältung und Heiserkeit. Von Jörg Zittlau

Finden Sie Zartbitterschokolade und trockenen Wein einfach nur widerlich? Kommt bei Ihnen Tee nur mit Zucker und Gemüse nur mit Sahnesauce auf den Tisch? Dann sind Sie ein so genannter Super-Taster, dem starke Bitternoten einfach nicht über die Zunge kommen wollen. Kulinarisch ist dies sicherlich eine Einschränkung, doch die Betroffenen können sich trösten: Sie werden seltener Schnupfen haben als andere.

Zwei US-Forscher, Molekularbiologe Robert Lee und HNO-Mediziner Noam Cohen, haben in der Zeitschrift "Spektrum der Wissenschaft" die Daten für den Zusammenhang von Bittergeschmack und Immunsystem zusammengetragen. Demnach müssen sich die Bitter-Sensibelchen keine sonderlichen Sorgen um ihre Atemwege machen. Schnupfen, Husten, Heiserkeit - all das kommt bei ihnen ausgesprochen selten vor. Und sie müssen auch weniger zum Arzt, um eine Rhinosinusitis, eine Entzündung ihrer Nasennebenhöhlen behandeln zu lassen.

Lee und Cohen ermittelten, dass Super-Taster zwar auch mitunter an den Atemwegen erkranken, "doch viel seltener Infektionen durch gramnegative Bakterien erleiden". Zu diesem dünnwandigen Mikroben-Typ gehören beispielsweise die berüchtigten Pseudomonaden, die immer wieder durch ihre Resistenz gegen Antibiotika auffallen.

Wissenschaftler der Universität Montreal ermittelten zudem in umgekehrter Richtung, dass chronische Rhinosinusitis-Patienten überdurchschnittlich häufig zu den Nicht-Schmeckern gehören, die weitgehend immun gegen kräftige Bitternoten sind. Wer sich also beklagt, dass er wegen seiner verstopften Nase kaum noch etwas schmeckt, sollte bedenken: Er ist vermutlich auch mit freier Nase nicht gerade ein Feinschmecker.

Bleibt die Frage, warum die Empfindlichkeit für Bitteres einen so großen Einfluss auf die Gesundheit der Atemwege hat. Die Antwort liegt darin, dass die entsprechenden Rezeptoren nicht nur auf der Zunge vorkommen, sondern auch in anderen Organen. Wie etwa Herz, Darm, Harnblase und eben Nase, Nasennebenhöhlen und Bronchien. "Sie sind dort Teil unseres angeborenen Immunsystems", erklärt Lee. Und zwar dadurch, dass sie im Falle eines Bakterienkontakts zwei Verteidigungsmechanismen auslösen.

Erstens setzen sie die Flimmerhärchen in den Atemwegen in Bewegung, so dass ein Großteil der Keime abgehustet oder abgeschnieft wird. Und zweitens regen sie die Ausschüttung antibakterieller Substanzen an, wie etwa Stickstoffmonoxid, das auch die Herzkranzgefäße entspannt. Es gibt zwar noch andere Rezeptoren, die ähnliches in die Wege leiten können. Doch die Bittervarianten sind schneller, bis zu ihrer Antwort vergehen nur wenige Minuten oder sogar nur Sekunden. "Sie scheinen besonders in den Frühphasen einer Infektion von Bedeutung zu sein", erklärt Lee. Und erst wenn ihre Reaktion sich als nicht ausreichend erwiesen, "treten andere Immunrezeptoren auf den Plan, die trägere, aber vielleicht wirksamere Abwehrreaktionen auslösen".

Die Zusammenhänge zwischen den Bitterrezeptoren - in der Harnblase sorgen sie unter anderem dafür, dass schädliche Keime mit dem Urin ausgespült werden - und dem Immunsystem eröffnen weitreichende Perspektiven für die therapeutische, aber auch für die präventive Medizin. So sollte es möglich sein, Infektionen bereits im Anfangsstadium zu ersticken, indem man gezielt die Rezeptoren und ihre Immunreaktionen aktiviert. Beispielsweise durch bittere Heilpflanzen und Gewürze wie Löwenzahn, Wermut, Liebstöckel, Hopfen oder Enzian.

Ärzte verordnen Kindern oft Antibiotikasäfte, die intensiv süß schmecken, um dadurch die Kooperation der kleinen Patienten zu verbessern. Vor dem neuen Bittersensorik- Wissen sollte auch das überdacht werden. Denn vermutlich hätten die Mittel eine größere Durschlagkraft, wenn man in Kauf nimmt, dass Kinder bei ihrer Einnahme vorübergehend den Mund verziehen. Hinzu kommt, dass gerade intensive Süßreize die Immunantwort hemmen. Der Grund: Bakterien verstoffwechseln Zucker, und wenn sie zurückgedrängt werden, können sie das nicht mehr. Weswegen die Süßrezeptoren auf der Zunge und ihre Wahrnehmungszentren im Gehirn einen Zuckeranstieg als Hinweis darauf interpretieren, dass die bakterielle Belastung zurückgegangen ist - und daraufhin das Immunsystem zurückfahren. Was nicht nur ein Plädoyer gegen bitterfreie Antibiotika, sondern insgesamt gegen intensiv süße Speisen ist.

Robert Lee und Noam Cohen arbeiten schließlich auch schon an Methoden der "Bitter-Prävention". Ihr Ziel: Den Geschmacksinn oder Bestand an Bitterstoffrezeptoren zu erfassen, um aufbauend aus dieser Analyse ein Anfälligkeitsprofil des Patienten für Infektionen zu erstellen. Es böte allerdings auch Raum für Missbrauch. Man stelle sich nur vor, dass Job-Bewerber künftig einen Bittergeschmacks-Test durchlaufen müssten, damit man Rückschlüsse auf ihre bevorstehenden Krankheitsausfälle ziehen kann.

Quelle: RP
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