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Bon Iver entdeckt die Seele in der Maschine

Indie-Pop Beim ersten Song denkt man noch, der Kopfhörer sei kaputt, aber das ist er natürlich nicht, er ist bloß irritiert, weil diese Musik so unverhofft klingt, so unerwartet und unerhört. "22, A Million" heißt das neue Album des amerikanischen Pop-Schrats Justin Vernon, der sich Bon Iver nennt. Er arbeitete fünf Jahre daran, und es ist umwerfend und viel zu kurz. Vor Veröffentlichung dieser Platte hat Bon Iver zwei Alben produziert: "For Emma, Forever Ago" aus dem Jahr 2008 ist allerherrlichster Einsiedler-Pop, jedes Lied wurde unter Schmerzen in körperwarmem Herzschmalz gewendet.

Auf "Bon Iver" (2011) blieb sich der Künstler treu, er machte weiterhin Versehrtheits-Folk, allerdings waren seine Stücke nun raffinierter, feiner ziseliert. Bon Iver spielte mit der Studiotechnik, er verfremdete die Musik, erhöhte die Künstlichkeit ausgerechnet in jenem Genre, das für Authentizität steht. Kollegen wie Kanye West und James Blake luden ihn ein, an ihren Alben mitzuarbeiten. Es sprach sich herum, wie seelenvoll dieser Mann die Maschinen singen lassen kann, und so begegnete man dem 35-Jährigen zuletzt verstärkt im Bereich R 'n' B, etwa auf dem aktuellen Album von Frank Ocean.

Bon Iver betitelt seine Stücke neuerdings in der Art von Aphex Twin, und manchmal klingen sie auch so: "10 dEAThbREasT" ist ein Robotermonster aus schroffen Beats und wüstem Bass, es spuckt tödliche Blitze, aber gesteuert wird es von einem Kerl mit feiner, zerbrechlicher Stimme. Das Lied ist das markanteste des Albums und sicher das verstörendste für jene, die dem alten Bon Iver nachhängen, der einst in einer Jagdhütte in Wisconsin weltabgewandte Songs schrieb.

Bon Iver tüftelt inzwischen am Klang der Gegenwart, die Gitarren sind Synthesizern gewichen, seine Stimme hört man nurmehr zerkratzt, vervielfacht und gezerrt. Er experimentiert mit Sounds, aber alles ist dringlich und logisch, und in Momenten größter Zerrissenheit, Unsicherheit und Irritation weht ein Sample von Mahalia Jackson durch das Lied (in "22 OVER SooN") oder er lässt einfach die Sonne aufgehen wie nach 3.17 Minuten in "8 (circle)".

Unglaublich faszinierende Platte. Philipp Holstein

Quelle: RP
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