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Breslau und San Sebastián: Die neuen Kulturhauptstädte stellen sich vor

Lautes Hämmern und Bohren schallt über den spätgotischen Marktplatz - schließlich muss die Tribüne für die Eröffnungsfeier von Breslau (Wroclaw) als "Europäische Kulturhauptstadt 2016" bald fertig sein. Am 17. Januar werden vier große Umzüge auf das Zentrum zustreben. Es ist eine Inszenierung des britischen Regisseurs Chris Baldwin. Sie soll das Erwachen der Stadt durch vier Geister symbolisieren: "Innovation", "Wiederaufbau", "Hochwasser" und - mit Bezug auf Religionen - "viele Bekenntnisse".

Breslau hat in seiner wechselvollen Geschichte mit deutschen, polnischen, tschechischen und ungarischen Herrschern zahlreichen Glaubensgemeinschaften Platz geboten. Zu sehen ist das im "Viertel der vier Religionen", wo verschiedene Gotteshäuser zugänglich sind. Im kommenden Jahr wird nun Henry Purcells Barockoper "Die Feenkönigin" mit älteren Menschen, Kindern aus Heimen und Vertretern von Minderheiten zusammen aufgeführt. Darunter seien viele orthodoxe Ukrainer sowie eine Gruppe von älteren, zumeist evangelischen deutschen Damen, die vor Kriegsende in der damals drittgrößten Stadt Deutschlands geboren wurden.

Die meisten Musikfreunde aber wird es im Kulturhauptstadtjahr wohl zum Herzstück der Hochkultur ziehen, dem neu erbauten "Nationalen Musikforum". In dem riesigen braunen Gebäude am Rande der Altstadt können vier Konzerte gleichzeitig stattfinden. Auftritte des London Symphony Orchestra und der Wiener Philharmoniker gelten als Höhepunkte für 2016.

Doch auch auf Misstöne muss die südwestpolnische Stadt sich gefasst machen: Breslau ist bekannt für eine aktive rechte Szene. Die rechtsextreme Organisation "Nationalradikales Lager" nutzte erst kürzlich den Breslauer Marktplatz als Bühne für ihre ausländerfeindlichen Parolen. Die Stimmung richtet sich gegen Flüchtlinge, obwohl die wenigen Iraker und Syrer in der Stadt bereits nach Deutschland weitergezogen sind.

In ganz Polen ist nach dem Wahlsieg der nationalkonservativen Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) der Ton konfrontativer geworden. Der neue Kulturminister Piotr Glinski wollte bereits Ende November vergeblich eine Aufführung von Elfriede Jelineks "Der Tod und das Mädchen" im Breslauer Teatr Polski verbieten lassen; er störte sich an pornografischen Handlungen auf der Bühne, wie er sagte. epd

Am 20. Januar wird es in San Sebastián laut. Sehr laut. Die baskische Küstenstadt wird das Kulturhauptstadtjahr 2016 nicht einläuten, sondern eintrommeln. Denn das ist der Tag des Heiligen Sebastián, des Namensgebers der Stadt. Traditionsgemäß treffen sich Tausende von Trommlern ab Mitternacht in der Altstadt.

Sie bieten ausgefeilte Kompositionen, dazu wird gesungen, und das vier Tage lang. Das Fest hat seine Wurzeln in drei Kriegen um die Erbfolge Spaniens im 19. Jahrhundert, an denen sich die Basken beteiligten. Die uniformierten Trommler sind heute in rund 150 Vereinen organisiert. Nach dem zentralen Fest in der Altstadt trommelt jeder Verein in seinem Stadtteil zu einer vorgeschriebenen Uhrzeit. Nachtruhe gibt es an diesen Tagen keine.

Für den 23. Januar ist dann die offizielle Eröffnung des Kulturhauptstadtjahrs geplant: ein Bühnenspektakel auf der barocken María-Cristina-Brücke über dem Urumea-Strom, organisiert vom katalanischen Bühnenkünstler Hansel Cereza, einem der Gründer der Theatergruppe Fura dels Baus.

San Sebastián, auf baskisch "Donostia", ist das alte Seebad der spanischen Könige. Im 19. Jahrhundert traf sich entlang des eleganten Stadtstrandes der europäische Adel. Heute ist die Stadt auch berühmt für ihre Küche, mehrere Restaurants wurden mit Michelin-Sternen ausgezeichnet. Und in der Altstadt reiht sich eine Kneipe an die nächste, gereicht werden "pintxos", ursprünglich nicht mehr als kleine Häppchen. Inzwischen handelt es sich aber um aufwendige Kreationen.

Die Gastronomie spielt natürlich auch im Kulturprogramm eine wichtige Rolle. Köche des "Basque Culinary Center" sowie baskische Kulturschaffende schlagen Besuchern im Februar eine Zeitreise durch die Geschichte Europas vor. "Die Reisenden werden zwölf Suppen probieren, von der aktuellen Instantsuppe bis zur hypothetischen ersten in einer Höhle zubereiteten Brühe", kündigt das Programm an. Das gesamte, rund 50 Millionen teure Kulturprogramm umfasst etwa 200 Beiträge. Eine wichtige Rolle spielt auch das Kino: Das Internationale Filmfestival von San Sebastián findet in diesem September zum 64. Mal statt. Es gilt als bedeutendstes Festival in der spanischsprachigen Welt. Und: San Sebastián hat 32 Wanderwege in das Programm aufgenommen. Jeder lohnt sich: Der Ausblick auf die Weinberge, die Strände und den Atlantik ist großartig. epd

Quelle: RP
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