| 00.00 Uhr
Brünnhilde und ihre Schwestern
Sängerinnen, die Wagner singen, müssen schweren Stürmen trotzen: acht Heldinnen für die Ewigkeit. Von Wolfram Goertz

Es war in Frankfurt in den 80er Jahren, als mancher skeptische Wagner-Verehrer schwer mit den Tränen rang – so ergreifend hatte die Regisseurin Ruth Berghaus die Erweckung der schlafenden Brünnhilde durch den Grobian Siegfried geschildert. Wie schutzlos erwachte sie, wie gedemütigt wirkte sie; dann aber gewann sie ihr Leben durch ihr Singen zurück – nie wieder hat man das so berührend, hell, strahlend, gerundet gehört wie damals von der (in Stockholm geborenen) Catarina Ligendza. Die hat jeden, der sie auch in Bayreuth erlebte, durch ihre unmatronenhafte, windsbrauthafte Art des Singens überwältigt. Nur wenige Platten hat sie gemacht, und 1988, als sie auf dem Gipfel des Singens war, trat sie ab. Sie wollte auf diesem Gipfel in Erinnerung bleiben. Eine grandiose Haltung.

Ebenfalls in Stockholm geboren wurde Astrid Varnay – sie brachte schon früh neben ihren sängerischen Tugenden ein psychologisches Moment in die weltweite Wagner-Pflege ein. Sie gab den oft pathetisch missverstandenen Figuren Tiefgang und lautere Menschlichkeit; auch ihr Timbre zeichnete sich durch dunkle, warm geerdete Töne aus. Das heißt nicht, dass sie nicht auch laut konnte. Leider ist die Varnay auf Platte ebenfalls schlecht dokumentiert – es gibt zwar mehr Mitschnitte als von Catarina Ligendza, aber die meisten sind von eher beschränkter Qualität.

Skandinavien scheint überhaupt ein guter Kreißsaal für dieses schwer singbare Wagner-Zeug; die dort geborenen Gesangsheldinnen besitzen hörbar ein meta-germanisches Echtheitszertifikat, in besonderem Maße gilt das für Birgit Nilsson, die als Brünnhilde eine Durchschlagskraft hatte, die nie mehr erreicht wurde. War Astrid Varnay die Alt-Posaune des Fachs, so war die Nilsson die Sturmtrompete. Wer sich ihr in den Weg stellte, wurde plattgesungen. Doch konnte ihre Brünnhilde auch piano singen, und zwar sehr schön. Privat übrigens war sie eine nette, humorbegabte Person.

Norwegisches Blut trug Kirsten Flagstad (1895–1962) in sich, die nach allem, was man hört, die bis heute ideale Isolde war. Die Furtwängler-Aufnahme gibt davon überreich Auskunft. In Bayreuth hat sie nur in den 30er Jahren gesungen – ihre Sieglinde soll die Leute regelrecht hingerissen haben. Berühmt wurde sie aber durch eine Rundfunk-Übertragung der New Yorker Metropolitan Opera im Jahr 1935 – als Sieglinde.

In dieser Partie gibt es eine weitere ganz Große, die selbst Fachleute nicht automatisch mit Wagner assoziieren: die Österreicherin Leonie Rysanek. Sie zählt zu den wenigen Sängerinnen, die mit gleicher Kompetenz Lady Macbeth und die Senta im "Holländer" singen – und zwar auf der Basis eines flutenden, vom Legato gestützten, innigen Belcanto, das Wagner selbst stets schätzte. Übrigens hat Rysanek in Bayreuth mehrfach mit jenen Kolleginnen gesungen: etwa als Sieglinde neben Varnay als Brünnhilde 1958 unter Hans Knappertsbusch, 1967 neben Nilsson unter Karl Böhm. Der Kreis der königlichen Könnerinnen war klein und frei von Neid, man sah einander gern und oft wieder. 1957 standen auch Birgit Nilsson und Astrid Varnay in der Bayreuther "Walküre" nebeneinander.

1954 sang Rysanek in Wien neben einer anderen Brünnhilde: Martha Mödl, ebenfalls einer wunderbar uneitlen Diva mit Gesangskultur und eindringlicher Bühnenpräsenz. Ihr Spektrum war ebenfalls weit und sorgenfrei, ihre "Götterdämmerungs"-Brünnhilde 1953 unter Furtwängler (RAI Rom) ist unerreicht. Ältere Kunden der Rheinoper können von Glück reden, Varnay und Mödl hier oft live erlebt zu haben.

Grenzfälle hat die Aufführungsgeschichte immer wieder erlebt – der fanatischste war jene Aufnahme von "Parsifal" mit Maria Callas in der Partie der Kundry (1950, unter Leitung von Vittorio Gui). Diese Italienisch gesungene Partie ist für Puristen gewiss kaum bekömmlich. Wer sich über diese lässlichen Aspekte hinwegsetzt, bekommt ein echtes Wahnsinnsweib geboten. Hier, bei der Callas, wirkt die Nähe zwischen Lady Macbeth und Kundry schlagend.

Kehren wir nach Stockholm zurück, so kam dort 1963 die stimmlich aufregendste, klügste und sinnlichste Wagner-Sängerin der Gegenwart zur Welt: Nina Stemme. Sie ist als Brünnhilde mittlerweile interkontinental unterwegs. Hoffentlich singt sie sich nicht tot.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung.
Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.


Melden Sie diesen Kommentar