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Düsseldorf
Bücher schreiben mit Internetschnipseln
Düsseldorf. Das Netz hat eine neue Art von Literatur hervorgebracht, die Wissen vermittelt. Auch Helge Hesse ist damit erfolgreich. Von Eva Pfister

Ein Freund hat sein Smartphone immer zur Hand. Taucht im Gespräch irgendeine Frage auf, tippt er das Stichwort ein und kann sie sofort beantworten, Google sei Dank. Seine Frau aber nennt das schlaue Gerät spöttisch: Klugscheißer-Telefon. Auch wenn es zuweilen nervt: Es ist eine unglaubliche Errungenschaft, dieses ständig und blitzschnell zur Verfügung stehende Wissen im Internet. Und es hat auch eine neue Art von Büchern hervorgebracht: Sammelwerke und Lexika zu allen möglichen Themen, handlich verpackt in gut genießbaren Happen.

Ob Schott's Sammelsurium oder Dr. Ankowitschs Konversationslexikon, die Bücher verkaufen sich prächtig. Auch die des Düsseldorfer Autors Helge Hesse. "Hier stehe ich, ich kann nicht anders. In 80 Sätzen durch die Weltgeschichte" erschien 2008 und war das erste einer Serie, die auch "Unbekannte Helden der Weltgeschichte" sammelte und zuletzt mit "Bilder erzählen Weltgeschichte" historische Momente anhand von Gemälden erläutert.

Helge Hesse gibt sofort zu, dass er seine Bücher ohne Internet nicht hätte schreiben können. Es sei denn in jahrelanger Fleißarbeit. Aber das bedeute nicht, dass man einfach aus dem Internet "abschreibe", betont der Autor. Das Online-Lexikon Wikipedia etwa sei ein guter Ausgangspunkt, aber er würde nie Fakten übernehmen, ohne sie durch andere Quellen abzusichern. Um das Wissen zu vertiefen, müsse man dann Spezialseiten suchen, die Hinweise auf Bücher oder Artikel liefern, die man halt in der Bibliothek studiert, wenn sie nicht im Volltext im Internet zugänglich sind. Dank Online-Katalogen findet man ja rasch heraus, wo ein Buch steht, und so setzt sich Hesse zum Beispiel in die Kunstsammlung NRW und liest ein Buch über Gerhard Richter, um dessen Bild "September" auch kunstgeschichtlich richtig einordnen zu können – und zugleich die Geschichte des Terroranschlags vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York zu erzählen.

Von den Höhlenmalereien bis zu Sandow Birks "Die Befreiung von Bagdad" reicht die zeitliche Spanne von "Bilder erzählen Weltgeschichte", das anschaulich und genau 74 historische Momente auf jeweils drei kompakten Seiten schildert. Das Internet war für die Auswahl der Gemälde unverzichtbar, Tausende von Bildern hat Hesse durchgesehen, bis er das Ausdrucksvollste zum Thema fand. Auch das "Länderlexikon der erstaunlichen Fakten" mit dem schönen Titel "Wo der Fettschwanzmaki fremdgeht" entstand online. Gemeinsam mit Josi Kemmann und Bruder Henning Hesse wurde im Internet recherchiert, wobei jeder an einem anderen Ort am Computer saß und dank Google.docs direkt verfolgen konnte, was die anderen gerade eingaben. Das Buch schwimmt zwar auf der Erfolgswelle der Bücher der kuriosen Fakten mit, will aber trotzdem "seriös" sein. Im Unterschied zu den Listen "fun facts" oder "curious countries", die man zuhauf im Netz findet, aber nicht so ernst nehmen darf, sind hier alle Informationen mehrfach überprüft.

"Eigentlich sollte man sich im Internet so verhalten wie im Alltag, da glaubt man ja auch nicht jedem Fremden", meint Helge Hesse. Und so ging das Autorentrio nach einiger Zeit fröhlichen Herumstreunens in den Blogs von Reisenden oder Fan-Seiten diverser Länder zu seriösen Quellen über, nämlich zu den Webseiten großer Tageszeitungen. Nun kann man lesen, dass es in Indonesien die meisten Pfadfinder gibt, oder dass sich in Indien Politiker gerne Namen von Prominenten zulegen, wie Tony Curtis Lyngdoh oder Stalin L. Nangmin. In Honduras regnet es Fische, und in Ghana können sich einsame Europäer von einer Großfamilie adoptieren lassen. Das sind "erstaunliche Fakten", aber man hätte auch ohne deren Kenntnis überlebt. Das trifft noch mehr auf viele Bücher und Internetseiten zu, die sich oft schon selbstironisch "Unnützes Wissen" nennen. Etwa der Tagesabreißkalender von Neon, der am 1. Januar 2013 mit der Information begann: "Bodybuilding hieß in der DDR Körperkulturistik".

Ein Traum ist beinahe in Erfüllung gegangen, nämlich so allwissend zu sein wie Gott. Jetzt ist aber zu beobachten, dass diese Inflation zu einer Entwertung des Wissens führt. Es scheint zu einem lustigen Zeitvertreib zu werden. Kann man daraus folgern, dass die Menschen zwar mit Hilfe der Technik der Allwissenheit nahegekommen sind, aber nicht damit umgehen können?

Aber man sollte kurzlebige Trends nicht gleich an der Ewigkeit messen. Die Gegenbewegung setzt schon ein: Die amerikanische Blogger-Queen Jenny Lawson hat ein Buch geschrieben und dabei entdeckt, wie spannend es ist, nicht nur kurze Häppchen zu posten. "An dem Buchprojekt hat mich vor allem der weite Horizont fasziniert", stellt sie fest (im Magazin des Verlags Metrolit, wo ihr Buch "Das ist nicht wahr, oder?" im Februar erscheint): "Wenn man ein Buch schreibt, dann kann man Gedanken ausbreiten, Zusammenhänge ausarbeiten und muss einen roten Faden finden, das war für mich eine neue Erfahrung."

Quelle: RP
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