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Klassik
Daniil Trifonov spielt Franz Liszts Etüden

"Das ist die Neuerfindung des Klaviers, von dem man bis heute gar nicht wusste, was es war." Dieser enthusiastische Ausruf eines Zeitgenossen beschrieb die Wirkung, die dieser Klavierzyklus ausübte. Für manchen war er aber auch einfach ein Angang. Clara Schumann fand die Stücke zu wild, ihr Gatte Robert zu "struppig". Wer die Noten sah, dem wurde schwarz vor Augen - selbst Chopin hatte nur selten so atemberaubend virtuos komponiert. Von Wolfram Goertz

Dabei sind Chopin diese Werke zugedacht, sie waren der Ansporn. Es geht um die "Études d'exécution transcendante" von Franz Liszt, ein Titel, der bereits den Wahnwitz anzeigt, der hier geboten wird. "Transzendierende Ausführung" oder "in aufsteigender Schwierigkeit", wie mancher Konzertführer das übersetzt - das klingt nach Überlebenstraining am Steinway, nach Hexenmeisterei, nach Kraftmeierei und Salto in einem - und man bräuchte eigentlich drei, besser vier Hände, um diese Stücke zu erledigen.

Manche Titel beschreiben bereits den Grad der Anstrengung: "Wilde Jagd", "Irrlichter", Schneetreiben".Langsame Stücke sind die Ruhe vor oder nach dem Sturm. Liszt ahnte, dass die Werke in der Urfassung fast nur von ihm, dem Supervirtuosen des 19. Jahrhunderts, gespielt werden konnten, also modifizierte er sie später. Im Konzert hört man diese zwölf Etüden selten komplett, einen solchen Overkill tun sich Pianisten nur selten an.

Andererseits gibt es jenseits der Brillanz wunderbare Musik zu entdecken, Klangfarben, Nuancen, die Entwicklung von Strukturformen im Gewand der Magie. All dies bietet nun in einem beängstigend perfekten Maß der russische Pianist Daniil Trifonov, der längst zur Elite der modernen Klavierritter zählt (DGG). Trifonovs Spiel hat nichts Glitzerndes, nichts Dekoratives, keinen Talmi-Glanz - immer gibt es selbst in den Zonen reiner Luftbewegung noch einen glühenden Kern, eine ritterliche Attitüde, die seinem Klavierspiel ein Adelsprädikant verleiht.

Und manuell kann ihm unter den Klaviermeistern seiner Generation sowieso nur Lang Lang das Wasser reichen. Also: eine CD, um Liszt zu entdecken.

Quelle: RP
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