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Das flämische Venedig

Brügge zeigt derzeit die Ausstellung "Bruegels Hexen". Auch sonst hat die belgische Stadt, die 2014 Kulturhauptstadt Europas war, ihren Gästen viel zu bieten. Von Regine Müller

Eine Warnung vorab: Die belgische Stadt Brügge ist schon längst kein Geheimtipp mehr. Sie ist vielmehr ein Touristenmagnet und zur besten Reisezeit hoffnungslos überlaufen. Man sollte diese wirklich umwerfend pittoreske Stadt, von der ein Kollege einmal sehr treffend schrieb, sie sei eine Art begehbarer Adventskalender, also am besten im Winter oder jetzt, im noch klammen Vorfrühling, besuchen. Wenn die unwirklich schöne Silhouette noch im Nebel ihrer Kanäle liegt und man ahnt, warum der symbolistische Roman "Bruges-la-Morte" (Das tote Brügge) von Georges Rodenbach hier spielt. Der 1892 erschienene Roman - der übrigens zur Vorlage von Erich Wolfgang Korngolds spätromantischer Oper "Die tote Stadt" wurde - spiegelte die Situation der einst reichsten Handelsstadt Nordeuropas, die damals in alter Pracht bedeutungslos geworden war.

Davon kann heute keine Rede sein. Die historische Altstadt wurde im Jahr 2000 in die Weltkulturerbeliste der Unesco aufgenommen, und 2002 war Brügge Kulturhauptstadt Europas. Die Stadt hat sich fesch herausgeputzt und setzt kulturell und kulinarisch auf einen bewährten Mix aus reichem Erbe und neuen Impulsen. Die malerische, nie durch Krieg oder Brand versehrte Altstadt mit ihren Gässchen, Wallanlagen und Windmühlen ist von zahllosen Kanälen durchzogen und bietet ein nahezu geschlossenes Stadtbild mittelalterlichen Charakters, durch das man sich ziellos treiben lassen kann, aber immer wieder auf dem Hauptplatz landet, der vom imposanten, 83 Meter hohen, glockenspielenden Belfried überragt wird. Wenige Meter vom Hauptmarkt entfernt befindet sich die Heilig-Blut-Basilika, in der eine Ampulle mit dem Blut Christi aufbewahrt wird.

Die reiche Handelsstadt zog natürlich auch bedeutende Künstler an: Jan Van Eyck und Hans Memling stehen für die Maler-Schule der "Flämischen Primitiven", deren Werke im Groeninemuseum und im Arentshaus zu besichtigen sind.

Derzeit ist im mittelalterlichen Sint-Janshospital - dessen ständige Sammlung allein einen Besuch wert ist - die Ausstellung "Bruegels Hexen" zu sehen, die sich der Entstehung des Hexenbildes in Europa widmet. Die kleine und etwas arg mit Spielereien wie Reisigbesen und flackernden Kunstkerzen aufgepeppte Schau will nachweisen, dass unser bis heute gültiges Bild der Hexe sich zwei Kupferstichen von Pieter Bruegel dem Älteren verdankt, die sich mittels der noch jungen Buchdrucktechnik rasend verbreiteten und Bruegels Hexenbild damit im kollektiven Bildgedächtnis für immer abspeicherten - nämlich als hässliche ältere Frau mit krummer Nase und Buckel, die auf einem alten Besen reitet, begleitet von einer schwarzen Katze, und in einem großen Kessel einen bösen Zaubertrank köchelt. Neben Bruegels originalen Kupferstichen zeigt die Schau Kopien seiner Motive von der Hand anderer Meister und die mannigfaltigen Folgen von Bruegels Bildschöpfung im Werk der nachfolgenden Kollegen.

Darüber hinaus gibt es allerhand Foltergeräte wie etwa einen wuchtigen Pranger-Stuhl zu bestaunen und Kultgegenstände, die durchaus auch für afrikanische Voodoo-Rituale taugen würden. Beklemmend an der stellenweise etwas plakativen Schau sind nicht nur die ausgestellten Statistiken der Hexenprozesse, sondern auch der nüchterne Nachweis der Ursache für die Verfolgungen: Anfang des 15. Jahrhunderts begann in Europa die sogenannte kleine Eiszeit. Extrem kalte Winter und kühle Sommer verursachten Missernten und Hungersnöte. Für die klimatischen Verschiebungen suchte man verzweifelt nach Ursachen und lastete die Katastrophen schließlich bösen, zauberischen Mächten an. Unter den Mitmenschen suchte man nach mit dem Bösen in Verbindung stehenden Sündenböcken, die man in verhexten Menschen - überwiegend weiblichen Geschlechts - zu finden glaubte.

Wer des düsteren Mittelalters und der verwinkelten Architektur in Brügge irgendwann überdrüssig wird, findet auch Neues im flämischen Venedig. Am Rand des Schmuckkästchens der Altstadt steht einer der modernsten und schönsten Konzertsäle Europas: das Concertgebouw Brügge, das 2002 eröffnet wurde. Es bietet einen Kammermusiksaal mit Tageslicht und einen großen Saal, dessen Akustik durch lamellenartig durchbrochene Wände je nach Bedarf regulierbar ist. Der Saal klingt äußerst transparent. Wie gemacht für Jos van Immerseels famoses Orchester Anima Eterna Brugge, das seit 2003 dort Residenzorchester ist.

Quelle: RP
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