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Interview mit Christoph Kardinal Schönborn
"Das Nein zur Sterbehilfe ist unumstößlich"

Interview mit Christoph Kardinal Schönborn: "Das Nein zur Sterbehilfe ist unumstößlich"
Christoph Kardinal Schönborn hält das Thema "Kirche der Armen für die Armen" für das vorrangige Anliegen des Papstes. FOTO: AP, AP
Der Erzbischof von Wien hält sich an Kardinal König: "Der Mensch soll an der Hand, aber nicht durch die Hand eines Menschen sterben."

Franziskus sagte, der gelebte Glaube sei ihm wichtiger als das Nachbeten von Glaubenssätzen. Ist der Papst ein Revolutionär?

Schöborn Es kommt darauf an, was man unter Revolutionär versteht. Ich glaube, dass Papst Franziskus ein überragendes Ziel hat: das Evangelium an die erste Stelle zu setzen. Das hat er seinem Namenspatron, dem heiligen Franziskus, abgeschaut. Der hatte, wie er glaubte, von Christus den Auftrag bekommen, die Kirche zu erneuern. Ich denke, das Programm des Papstes ist sehr gut beim heiligen Franziskus abzulesen.

Wann kommt denn der radikale Aufbruch der Kirche, den auch Sie vor drei Jahren gefordert haben? Wann kommt, salopp formuliert, Butter bei die Fische?

Schönborn Es hat in jedem Jahrhundert Erneuerungsbewegungen in der Kirche zurück zum Evangelium gegeben. Denken Sie zuletzt an den Konzilspapst Johannes XXIII. (1958-1963). Der hat vieles getan, was jetzt wieder bei Franziskus spürbar wird.

Verstehe ich Sie richtig: Die Kirche muss jesuanischer werden, zurück zu den Wurzeln also?

Schönborn So ist es.

Was heißt das konkret?

Schönborn Die Schwierigkeit liegt auch darin begründet, dass alle das Evangelium auf ihre Fahne schreiben, seien es die Reformbereiten oder die, die sich gegen Reformen sträuben. Auch Letztere berufen sich auf den Gründer, Herrn und Meister und auf sein Evangelium.

Zu den Bremsern zählen mächtige Kurienleute. Wer bremst die Bremser?

Schönborn Entscheidend ist die Frage: Wird Papst Franziskus die liberale Agenda der westlichen, säkularisierten Gesellschaft mit ihren Lieblingsthemen Zölibat, Sakramente für geschiedene Wiederverheiratete und Sexualmoral abarbeiten?

Wird er?

Schönborn Das ist wohl nicht seine Absicht. Er kommt aus einer Welt, die vor ganz anderen Problemen steht. Die Wahl eines Südamerikaners zum Nachfolger Petri war ein bewusstes Signal der Kardinäle: Wir müssen unseren Horizont erweitern.

Franziskus betont oft, wie wichtig ihm nicht eine Klerikerkirche, vielmehr das Gottesvolk ist. Ist das Gottesvolk nicht vielfach schon weiter, als Papst, Kurie und viele Bischöfe es sind? Wann geschehen endlich Zeichen und Wunder bei Reformen?

Schönborn Zeichen und Wunder werden geschehen. Es wird Reformen geben, vielleicht auch bei den eben erwähnten Themen. Es gibt darüber ja kein Diskussionsverbot. Da kann man auf den Heiligen Geist vertrauen. Die Dinge entwickeln sich häufig anders, als wir es uns heute vorstellen. Der Papst praktiziert keine Diskussionsverbote; aber Vorrang haben, so ist mein Eindruck, die Themen Zölibat und weibliche Priester für ihn nicht.

Sondern?

Schönborn Vorrangig ist das Thema "Kirche der Armen für die Armen".

Da schlägt aber der wohlhabenden Kirche in Mitteleuropa auch Hohn und Spott entgegen. Wollen Sie die Kirche arm machen?

Schönborn Die Frage, wovon sich die Kirche - ob in Wien, Köln oder sonstwo in Mitteleuropa - trennen soll, steht tatsächlich an. Wir im Erzbistum Wien werden auf Dauer nicht alle Kirchen aufrechterhalten können. Das Gewand, in dem wir uns bewegen, ist viel zu groß und weit geworden.

Aha, das Materielle diktiert? Haben Sie eigentlich "Richtig so!" gerufen, als Franziskus seinen berühmten Satz sagte: "Diese Wirtschaft tötet"?

Schönborn Ein richtiger Befund. Der Satz zielte jedoch nicht auf die soziale Marktwirtschaft, sondern auf den Kapitalismus und die eklatanten Ungerechtigkeiten, welche der liberale Turbokapitalismus mit sich bringt. Diese Wirtschaft tötet, denn sie stürzt Länder und Menschen in Armut und Not.

Müsste die verantwortliche Politik nicht viel mehr dafür tun, die Arm-Reich-Schere wieder mehr zusammenzubringen? Zum Beispiel durch mehr Vermögensbildung für breite Schichten?

Schönborn Ja. Da muss die ganze westliche Welt aktiv werden. Ich erinnere an die geniale Sozialenzyklika von Johannes Paul II. von 1991. Der Papst zeigte damals seherisch: Jetzt steht die westliche Welt nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und dessen falscher Wirtschaftspolitik an einer Weg-Gabelung: entweder soziale Marktwirtschaft oder Turbokapitalismus.

Ist der Zug, global betrachtet, nicht abgefahren in die falsche Richtung?

Schönborn So ist es. Man schaue sich bloß an, wie der Turbokapitalismus über die ehemals kommunistischen Länder hergefallen ist. Man ließ ihnen nicht die Möglichkeit, in behutsamen Schritten eine soziale Marktwirtschaft zu entwickeln.

Wundert es Sie, dass Menschen, deren Lebensunterhalt immer schwieriger wird, stillhalten angesichts frivoler Unterschiede zwischen Arm und Reich?

Schönborn Es wird mir zu wenig darüber gesprochen, dass unsere Militär- und Verteidigungsstrategien sich inzwischen auch bereits stark nach innen richten, mit Blick auf mögliche Aufstände in den eigenen Ländern. Erschreckend.

Welche Länder meinen Sie?

Schönborn Auch solche in unserer westlichen Welt. Das zeigt, dass die Strategen mit einem wachsenden Unmut in der Bevölkerung rechnen.

Und die Franziskus-Kirche wüsste, auf wessen Seite sie stünde?

Schönborn Die Kirche hat die Aufgabe, daran zu erinnern, dass es noch Zeit ist, umzukehren. Franziskus ist mehr Prophet als Revolutionär.

Was ist, wenn die Begeisterung über ihn bald in Enttäuschung umschlägt?

Schönborn Ich bin überzeugt davon, dass er nicht nach Beifall schielt. Wenn er etwas Prophetisches hat, wovon ich überzeugt bin, weiß man ja, dass Propheten oft auf heftige Widerstände treffen, denken Sie nur an die Reaktionen auf seinen eben besprochenen Satz gegen den Kapitalismus als Elendbringer. Franziskus muss, und er wird authentisch bleiben.

Deutschland diskutiert über den Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche, Präses Schneider, und dessen Bekenntnis, seine schwer erkrankte Ehefrau, wenn sie es wünschte, auf dem Weg zur aktiven Sterbehilfe zu begleiten. Ihre Meinung dazu?

Schönborn Über das absolute Nein zur aktiven Sterbehilfe darf es keine Debatte geben. Wir als Kirche werden dazu nie unsere Zustimmung geben. Es gilt das Wort meines großen Vorgängers Kardinal König: "Der Mensch soll an der Hand, aber nicht durch die Hand eines Menschen sterben."

REINHOLD MICHELS FÜHRTE DAS INTERVIEW.

Quelle: RP
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