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Königswinter
Der Bau von Schloss Drachenburg

Königswinter. Innerhalb von nur zwei Jahren verwirklichte Baron von Sarter seinen Traum von einem eigenen Schloss. Er gab den Auftrag zum Bau der Drachenburg am Rhein. Er ließ sich von Märchenkönig Ludwig II. und Neuschwanstein inspirieren. Von Leslie Brook

An einem Sonntag im April 1883 sitzen mehrere Männer bei duftiger Bowle in einem Wirtshaus zusammen. Sie unterhalten sich über den Drachenfels. Soeben haben sie sich die neue, riesenhafte Burg mit eigenen Augen angesehen. Dieser Anblick lässt sie nicht los. Deshalb stecken sie nun die Köpfe zusammen, einer von ihnen greift zum Papier. Sie setzen einen Brief an den Bauherren des Schlosses, Baron von Sarter, auf und schicken ihn an dessen offizielle Adresse in Paris: "Du hast ein stolzes Schloss erbaut, dort wo der Rhein vor allem schön. Dass dort es grad' herunterschaut – wir haben es nicht gern geseh'n", werden Auszüge aus dem Brief im "Echo des Siebengebirges" zitiert.

Aus diesen Zeilen lässt sich herauslesen, dass Ende des 19. Jahrhunderts längst nicht alle begeistert sind von der Idee einer mächtigen Burg auf dem sogenannten Dünnholz, einer dem Nordhang des Drachenfelses vorgelagerten Anhöhe. Denn der Bau von Schloss Drachenburg bedeutet massive Einschnitte in die über Jahrhunderte geprägte Siebengebirgslandschaft und in die Natur entlang des Rheins. Das Erscheinungsbild würde sich erheblich verändern, fürchtete man. Doch sahen die Bewohner von Königswinter auch die Chancen, die sich durch das neue Bauwerk eröffnen würden: der Drachenfels mit Schloss Drachenburg als Anziehungspunkt für Touristen.

Von all diesen Überlegungen wird Baron von Sarter nicht viel mitbekommen haben – und wenn, dann dürfte es ihn nicht sonderlich interessiert haben. Für den durch Bankgeschäfte zu großem Reichtum gelangten Sohn eines Bonner Gastwirts stand fest, dass er sich mit dem Bau des Schlosses ein weithin sichtbares Denkmal nahe seiner Geburtsstadt setzen wollte. Stephan Sarter stammte aus kleinbürgerlichen Verhältnissen und erarbeitete sich sein Vermögen an der Börse. 1881 war er in der Lage, sich einen Adelstitel zu erkaufen. Herzog Georg von Sachsen-Meiningen erhob ihn daraufhin in den Freiherrenstand. Unmittelbar danach beginnt der Baron mit dem Bau von Schloss Drachenburg. Sarter baut das Schloss ursprünglich, um es mit einer Jugendliebe zu beziehen, heißt es. Bei der Fertigstellung ist jene Geliebte aber bereits verstorben, weswegen er das Schloss nie bezieht und als Junggeselle ganz nach Paris geht, wo er 1902 in einer Wohnung im Alter von 71 Jahren stirbt.

1882 erfolgt die Grundsteinlegung. Als Architekten wird zunächst das junge Düsseldorfer Architekten-Duo Bernhard Tüshaus und Leo von Abbema verpflichtet. Danach ist der in Paris lebende, ehemalige Kölner Dombauschüler Wilhelm Hoffmann für die weitere Ausgestaltung verantwortlich. Das ehrgeizige Bauvorhaben schreitet bemerkenswert zügig voran. Nach nur zwei Jahren wird der erfolgreiche Abschluss vermeldet. Am 28. Oktober 1882 berichtet das "Echo": "Soeben, Nachmittag zwischen vier und fünf Uhr, erdröhnen von der Drachenburg zahlreiche Böllerschüsse; sie gelten der Feier der Versetzung des letzten Steines am Hauptgebäude."

Es offenbart sich hoch oben über dem Rhein zwischen den Wäldern ein romantisches Schloss im Stil des Historismus mit Türmchen, Zinnen, Stützmauern, Treppen, Wasserspeiern und Statuen, eingebettet in Nischen der Mauern. Auf den ersten Blick ist all der Dekor gar nicht zu erfassen – auch heute noch nicht. Der Bauherr verewigt bei der Ausgestaltung seine Vorbilder: Albrecht Dürer und Wolfram von Eschenbach. Sarter selbst verewigt sich in Form von Löwen in den Wappen, die gleichzeitig für Bonn und Paris stehen. Das Schloss wird fortan "Neuschwanstein des Rheinlands" genannt. Denn es ist deutlich inspiriert von Ludwig II. und seinem Märchenschloss in Bayern. Jetzt wird auch die Drachenburg Bestandteil der "Grand Tour" junger Adliger. Zu den berühmten Gästen zählen Lord Byron und William Turner, der mehrere Malereien des Rheins und Felsen anfertigt.

Tatsächlich sollen die Anwohner mit ihren Vermutungen recht behalten: Kurz nach der Fertigstellung der Burg wird die Zahnradbahn gebaut, die künftig die Touristen bis oben auf den Fels bringen soll. Entsprechende Gerüchte gibt es bereits 1874, als sich ein Schweizer Ingenieur offensichtlich für das Terrain interessiert. Ab 1883 wird die Bahn dann tatsächlich in Betrieb genommen – die Polizei gibt sie höchstpersönlich frei. Tagtäglich und besonders an Sonntagen eilen viele von nah und fern zum Drachenfels, um "die neuen Schöpfungen" kennenzulernen, schreibt das "Echo". Es ist die erste Bergbahn ihrer Art in Deutschland, und gilt als äußerst reizvoll: In wenigen Minuten können sich die Besucher "zu luftiger Höhe tragen lassen" und dabei einen wunderbaren Blick auf die Burg genießen. Naturfreunde heißen auch das nicht gut, denn, so sagen sie, nimmt die Bahn den "Weg durch das Herz des Berges". Sie fürchten, dass bald Tausende und Abertausende kommen. Die Bahn wird als "Poltergeist" bezeichnet, als "Riese Dampf". Doch die Vorzüge sind offensichtlich: "Schnelle und billige Beförderung für eine Mark – dabei wird der Besucher nicht müde, verschleißt keine Sohlen und leidet nicht Durst, noch Hitze. Innerhalb von 15 Tagen, so heißt es in alten Fahrtenbüchern, werden 9497 Personen befördert.

Drachenburg und Zahnradbahn ziehen weitere Touristenattraktionen nach sich: ein Hotel (1888) und ein Fotografiezelt (1888), ein Souvenirverkauf (1888), eine Poststelle (1888), ein weiteres Hotel (1937). Die Drachenburg selbst wechselt etwa ein halbes Dutzend Mal den Besitzer. Ab 1942 ist dort eine Adolf-Hitler-Schule untergebracht. Von 1947 bis 1960 wird das Schloss von der Reichsbahn genutzt. Schließlich wird es sogar zum Abriss freigegeben, um einem Bürogebäude zu weichen. Nur durch Proteste wird das verhindert.

1971 rettet ein Privatmann, Paul Spinat, die Drachenburg vor dem Verfall. 1989 geht sie in den Besitz der NRW-Stiftung über, die im letzten Moment von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch macht. Die Drachenburg wird rund 20 Jahre lang restauriert und erst 2010 wieder ganz für Besucher geöffnet – heute ist unstrittig, dass das Schloss zur Attraktivität der Region beigetragen hat. Eine Steintafel an der Drachenburg hat die Inschrift: "Du stolze Burg, erbaut am schönsten Ort, bring Jedem Glück, bleib Deutschen Geistes Hort! Wo Raub geherrscht und wilder Fehden Wüthen, entfalte nun der Friede seiner Blüthen."

In der nächsten Folge am Dienstag geht es um die Friedensdemonstrationen auf der Hofgartenwiese in Bonn.

Quelle: RP
 
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