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Düsseldorf
"Die Burnout-Diagnose gilt fast schon als Adelsprädikat"

Düsseldorf. Ausgebrannt oder schon depressiv: Der ZDF-Film über Miriam Meckel zeigte die Vielschichtigkeit eines modernen Themas.

Nur wer einmal gebrannt hat, kann auch ausbrennen. Nur wer sich überfordert, kann im Burnout landen. Aber es müssen auch gewisse biografische Weichen gestellt sein, damit alles zusammenkommt. So hat es jetzt das ZDF in dem Film "Brief an mein Leben" berührend zum Ausdruck gebracht, der das Leben und Leiden von Anne Wills Lebenspartnerin Miriam Meckel zum Thema hatte.

Dabei ist Burnout als medizinische Diagnose unter Experten sehr umstritten; oft wird sie als Behelfsdiagnose angesehen. Tatsächlich gibt es das Burnout-Syndrom als eigenständige Krankheit gar nicht; es lässt sich im ICD, dem internationalen Katalog der Leiden, zwar codieren, aber es ist eine sogenannte Zusatzdiagnose. Man findet den "Burnout" als einen Aspekt unter vielen unter der Ziffer Z73.0; sie umfasst "Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung". Dort taucht das "Ausgebranntsein" neben anderen Symptomen auf: "körperliche oder psychische Belastung, Mangel an Entspannung oder Freizeit, Stress, unzulängliche soziale Fähigkeiten, totale Erschöpfung". Mit Z73.0 allein kann man keinen Patienten ins Krankenhaus einweisen.

Viele (Haus-)Ärzte sind unsicher, inwieweit sie sich auf die Selbstbeobachtung ihrer Patienten einlassen sollen, die oftmals mit felsenfester Sicherheit in die Praxis kommen und erklären: "Ich habe ein Burnout-Syndrom!" Wer wollte da widersprechen? Dies zeigt aber auch, dass der Begriff "Burnout" gesellschaftlich akzeptiert ist; damit traut man sich an die Öffentlichkeit. Der Psychiater Christian Dogs, Chefarzt der Panorama-Kliniken, sagt: "Es gilt in unserer Zeit fast schon als Adelsprädikat." Motto: Da hat einer hart gearbeitet und sich aufgeopfert.

Doch wofür? Die angebliche Aufopferung für die Arbeit als Ausdruck der Unentbehrlichkeit ist nur ein Teil eines umfassenderen Beschwerdebildes. Dogs: "Bei den meisten sogenannten Burnout-Fällen stimmt es oft auch in der Paarbeziehung nicht. Da muss man sehr viel tiefer gucken." Und ähnlich wie bei der Erkältung, die immer wieder eine (unnütze) Verschreibung von Antibiotika zur Folge hat, greifen jedoch nicht wenige Ärzte gleichsam ungeprüft zum Block mit den Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen und verschlüsseln die ICD Z73.0.

Dabei ist ein echter Burnout als Störung der Lebens- und Arbeitsfähigkeit eine ernste Sache und tatsächlich eine Vorstufe oder gar Variante der Depression. Dogs: "Deshalb muss ein Arzt sehr genau erwägen, ob ein scheinbar eher milder Burnout-Fall nicht in Wirklichkeit Ausdruck eines schweren Krankheitsbildes ist, das eine psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung erzwingt." Vor dem Hintergrund alarmierender Statistiken, die einen Anstieg der Arbeitsunfähigkeitstage durch psychische Erkrankungen sowie eine Zunahme der Kosten aufgrund von Psychopharmaka-Verordnungen belegen, wird die gesundheitspolitische Brisanz dieses Themas offenkundig.

Burnout-Fälle sollten in heutiger Zeit allerdings neu bewertet werden, weil das Berufsleben und die mediale Verzahnung des Menschen die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit immer schwerer fallen lassen. Die ICD-Klassifizierung entstand zu einer Zeit, da Menschen noch nicht mit dem Smartphone des Chefs am Ohr lebten und noch spät in der Nacht dienstliche Mails bearbeiteten. Die Anspruchsmentalität der modernen Arbeitswelt, die gerade Menschen mit unzureichend entwickelter Fähigkeit zur Abschottung zuweilen aufzufressen scheint, gehört auch medizinisch auf den Prüfstand. Betriebsärzte wissen davon ein Lied zu singen.

(w.g.)
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