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Berlin
Die deutsche Sprache - Verlust und Gewinn

Berlin. Spracharmut bedrohe das Deutsche, sagen Skeptiker. Doch der erste Bericht zur "Lage der deutschen Sprache" gibt Entwarnung. Von Jasmin Buck

Es muss schlimm stehen um unsere geliebte Sprache. 65 Prozent der Bundesbürger glauben, sie drohe immer mehr zu verkommen. Bei den über 60-Jährigen sind sogar 73 Prozent pessimistisch, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach ergeben hat. Ganz anders sehen es die Wissenschaftler. Der erste "Bericht zur Lage der deutschen Sprache" kommt zu dem Ergebnis: Nie zuvor haben die Deutschen so viel und so gut geschrieben wie heute.

Für den Bericht haben vier Sprachwissenschaftler der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaft Textmengen aus den vergangenen 100 Jahren ausgewertet. Ihr Interesse galt dem "Standarddeutschen"– also geschriebenen und redigierten Texten, die gedruckt vorliegen oder, wie im Fall der Internet-Enzyklopädie Wikipedia, stark bearbeitet sind.

Die Forscher verglichen Zeitungsartikel, Belletristik und wissenschaftliche Literatur aus drei Zeitscheiben: Anfang, Mitte und Ende des 20. Jahrhunderts. Dafür nahmen sie Stichproben von je zehn Millionen Wörtern und rechneten das Ergebnis hoch. Wichtigste Erkenntnis: Nach den Kriterien der bloßen Wortzählerei ist die deutsche Sprache heute "goetheesker" als zu Zeiten Goethes und seiner Epigonen im 19. Jahrhundert.

3,715 Millionen deutsche Wörter zählte ein Team um Wolfgang Klein vom Nimweger Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in ausgewählten Texten einer sogenannten "Zeitscheibe" von 1905 bis 1914. Für die Jahre von 1948 bis 1957 kam man auf 5,045 Millionen. Und im Zeitraum von 1995 bis 2004 wuchs der Wortschatz auf computergezählte 5,328 Millionen an. "Ich weiß nicht, wie man da von Verarmung sprechen kann", sagte Klein. Während der Wortschatz größer wird, schwindet die grammatikalische Komplexität. Zu diesem Ergebnis kommt Ludwig M. Eichinger vom Institut für Deutsche Sprache in Mannheim. Niemand sage heute noch: "Wenn ich Mehl hätte, büke ich." Auch könne man in 60 Prozent der Fälle im Deutschen "unter keinen Umständen" mehr zwischen Dativ und Genitiv unterscheiden. Auch weil der Genitiv in der gesprochenen Sprache häufiger durch "von" ersetzt werde. So wird aus "Besuch der Tante" "Besuch von der Tante". Grundsätzlich vollziehe das Deutsch damit eine Entwicklung, die alle großen Kultursprachen durchlaufen: Die Sprache wird grammatikalisch einfacher, während sie Wörter hinzugewinnt, so die Wissenschaftler.

Und wie steht es um den Lieblingsfeind aller Sprachverfallstheoretiker, die Anglizismen? Peter Eisenberg sieht auch dort keinen Grund zur Sorge. Der emeritierte Potsdamer Professor diagnostiziert zwar eine Vermehrung der englischstämmigen Wörter im Deutschen – seit Anfang des 20. Jahrhunderts hat sich ihre Anzahl mehr als verzehnfacht. Doch seine Analyse zeigt, dass die Wörter häufig weniger dem Englischen entsprechen als dem Deutschen selbst. Als Beispiel nennt er den Pseudo-Anglizismus "Kaffee to go", den es im Englischen gar nicht gibt. Dort ist die Rede vom "take away coffee". Entscheidend sei deshalb, wie gut unsere Sprache die englischen Ausdrücke integriere. Oder mit anderen Worten: Ob das Deutsche den "Call a bike Standort" (Deutsche Bahn), die "Quick-Vermittlung" (Nürnberger Bundesagentur für Arbeit) oder die "Exzellenzcluster" (Bundesforschungsministerium) tatsächlich braucht. Positiv sei auch, dass die Tendenz zu "hässlichen", von jeder Stilfibel als "bürokratisch" gebrandmarkten Streckverbgefügen deutlich abnehme. Ein solches Gefüge liegt etwa vor, wenn es heißt "eine Entscheidung treffen" statt einfach nur "entscheiden". Angelika Storrer von der Universität Dortmund konnte kein vermehrtes Auftreten dieser Worthypochonder im 20. Jahrhundert feststellen. Manche früher gebräuchlichen Gefüge seien sogar verschwunden – und kein Sprachnostalgiker vermisse sie.

Problem des Lageberichts: In den grassierenden Sprachpessimismus, der sich in Leserbriefen, Onlinekommentaren und Zeitungsglossen austobt, mochte keiner der Wissenschaftler einstimmen. Mündlicher Ausdruck und die digitale Kommunikation via Blogs, SMS oder E-Mail wurden nicht untersucht. Und auch die Jugendsprache, die Wolf Schneider, Autor zahlreicher Sprachfibeln, einst als "Nebenprodukt des Gummikauens" bezeichnete, war kein Thema. Blendet die Forschung damit nicht gerade die von Verfall betroffenen Bereiche des Deutschen aus? "Nein", sagte Eisenberg. "Weil die Kritik daran das Standarddeutsche zum Maß hat." Und so bleibt es aus wissenschaftlicher Perspektive weiterhin fraglich, ob die Infantilisierung des Sprechens eher top oder doch ein Flop ist.

Quelle: RP
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